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Mauerfall: Zwei Revolutionen

Montag, 9. November 2009
Mauerfall: Zwei Revolutionen

Auf den 9. November, als die Mauer in Berlin geöffnet wurde, und den 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70.000 auf die Straße gingen, folgte der langwierige und doch überstürzte Einigungsprozess. Er endete ein Jahr später, mit der Wahl des gesamtdeutschen Bundestages am 2. Dezember 1990.

Auf die friedliche Revolution des Volkes in der DDR folgte eine weitere: der Umsturz der Lebensverhältnisse. Trotz der verbreiteten Nörgelei – auch diese zweite Revolution war erfolgreich. Wenn auch nicht so, wie viele erwartet hatten. 

In Ost wie West regierte ein naiver Glaube an eine Marktwirtschaft, die quasi von allein alles zum Besseren wenden werde. Die Enttäuschung konnte nicht ausbleiben. Doch nicht das Erreichte sei entäuschend, stellt der Magdeburger Ökonom Karl-Heinz Paqué in seinem gerade erschienenen Buch "Die Bilanz" fest, sondern die Erwartungen seien zu hoch gewesen.

Für das Gesundheitswesen stimmt nicht mal diese Einschränkung. Ihm wird in Ost-Umfragen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Auch die Kennziffern der Epidemiologen vom Robert-Koch-Institut bescheinigen der Medizin in den neuen Ländern, einen erfolgreichen Strukturwandel.

Die Lebenserwartung hat sich weitgehend angeglichen (Frauen Ost 82,0, West 82,3 Jahre; Männer Ost 75,8, West 77,2 Jahre). Aufschlussreich auch der Vergleich zu anderen Wendeländern: Während die Lebenserwartung in Ostdeutschland seit 1990 um 6,2 (Frauen) und 6,1 Jahre (Männer) stieg, nahm sie in Tschechien um 4,5 (Frauen) und 5,9 (Männer) zu, in Polen um 4,1 (Frauen) und 4,4 (Männer).

Laut Paqué hat Ostdeutschland 70 bis 80 Prozent der westdeutschen Produktivität erreicht (Tschechien 30 Prozent), und die ostdeutsche Industrie steuert inzwischen 10 Prozent zur deutschen Produktion bei, 1992, am Tiefpunkt der ostdeutschen Wirtschaft, waren es nur 3,5 Prozent.

So langsam passt sich die Realität den Erwartungen an. Wunder dauern eben etwas länger.