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Doppeluntersuchungen

Montag, 23. November 2009
Doppeluntersuchungen

Wir leisten uns eins der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, aber es kommt kaum etwas dabei heraus. Zu viele Doppeluntersuchungen, zu wenig Effizienz, von Hingabe an den kranken Menschen keine Spur, so wird es von Politikern gerne kolportiert.

Kein Wunder, dass das Misstrauen bei unseren Schutzbefohlenen wächst und erhöhter Klärungsbedarf aufkommt. Eine Patientin sitzt vor mir und beschwert sich: „Der Arzt im Krankenhaus hat eine Ultraschalluntersuchung gemacht und die ganze Zeit dabei telefoniert! Jetzt frage ich Sie: Kann dabei überhaupt etwas heraus kommen?“

Nun, so erläutere ich, dies ist ein typischer Fall von medizinischem Multi-Tasking. Mit steigender Personalnot in den Krankenhäusern sind die dort tätigen Kollegen gezwungen, ihr Können gleichzeitig mehrfach unter Beweis zu stellen.

Eingekreist von der DRG-konformen Verweildauer und der Qualitätskontrolle, eingekesselt von der Dokumentationspflicht und den Fortbildungsnachweisen, bleibt nichts anderes übrig, als die restliche, für den Patienten gedachte, aber zu knappe Zeit gleich mehrfach zu nutzen.

Der Kollege hat bestimmt nicht mit seiner Frau telefoniert, um sein Verbleiben in der Klinik zu entschuldigen, sondern mit Sicherheit einem jüngeren Assistenten Anweisungen gegeben. Oder seinen Chefarzt über die neuesten Befunde informiert. Oder im Labor wichtige Daten abgefragt.

So etwas funktioniert wie bei einem Computer, bei dem verschiedene Programme gleichzeitig arbeiten, das ist in den Zeiten von Effizienzbeschleunigern nicht anders machbar. Da bleibt das Gespräch mit den Patienten schon mal auf der Strecke, aber ich bin mir sicher, dass die Qualität der Arbeit des Kollegen nicht darunter leidet.

Multi-Tasking ist schließlich nichts Ungewöhnliches. Wie viel Autofahrer schwatzen über ihren Mobilfunk, während sie kritische Kurven nehmen? Wie viel Kassiererinnen sind mit Kundenfragen konfrontiert, während sie die Kasse kontrollieren? Wie viel Motorradfahrer hören ihren iPod ab, wenn sie sich in die Kurve legen?

Die Patientin unterbricht mich: „Herr Doktor, wenn Sie mehrere Sachen auf einmal machen, sind das die Doppeluntersuchungen, von denen die Politiker immer reden?“ Ich fürchte, nein.

Hypersomniac am Mittwoch, 14. September 2011, 03:54
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Ich mag Mediziner, die den Patienten informieren und aufklären. Ich saß in einem Arztgespräch, plötzlich klingelte das Handy meines Arztes. Kinder am Apparat. Er ging ran, sagte den Kindern sie sollen kurz warten, um mir dann mitzuteilen, ich solle kurz warten, um widerrum dann von seinen Kindern den Grund des Anrufs zu erfahren.
Das ganze mit einem charmanten Lächeln und in wirklich kurzer Zeit.

Ich wusste bescheid, er widmet sich gleich wieder ganz mir und für mich war dies überhaupt kein Problem. Überhaupt gehört dieser Arzt zu denen, die den Patienten immer sagen, was sie gerade tun. Das hilft dem Patienten.
Ich will damit aufzeigen, dass der Herr Kollege aus dem Krankenhaus zwar vielleicht gerade sehr beschäftigt war, dass aber für ein oder zwei Sätze an die Patientin Zeit gewesen sein müsste; dann wäre das Multitasking für sie vermutlich nicht so unangenehm gewesen.

Aber in Krankenhäusern und Kliniken geht soetwas gerne mal unter und ich mache dem Personal keinen Vorwurf. Es wird gespart wo es geht und die Ärzte und Patienten sind beide Leidtragende. Der Patient bzgl unzufriedenstellender Behandlung, der Mediziner bzgl unzufriedenstellenden Arbeitsbedingungen; hinzu kommt, dass diese am Ende den schwarzen Peter ziehen und zu Beschuldigten werden.