aerzteblatt.de

Kopfgeld

Mittwoch, 28. Oktober 2009
Kopfgeld

Meine Patientin ist aus dem Krankenhaus entlassen worden, in das ich sie aus Sorge um eine gravierende Koronarerkrankung eingewiesen hatte. Typische Angina pectoris und ein immenses Risikoprofil waren die Gründe, eine Herzkatheteruntersuchung zu empfehlen.

Bevor die Patientin in das Sprechzimmer kommt, studiere ich den Entlassungsbericht. Die Untersuchung war unauffällig, das ist schön für die Patientin, aber ich habe nun statt Sorgen ein Problem. Wahrscheinlich wird sie mir vorhalten, dass der Herzkatheter unnötig gewesen sei. Man würde soviel im Internet darüber lesen, über überflüssige Diagnostik in der Kardiologie.

Vielleicht wird sie mich sogar fragen, ob ich Geld für die Einweisung bekommen hätte. Man würde so viel darüber hören, dass Kliniken Kopfgelder für Patienten zahlen. Ich komme ins Schwitzen, die Patientin herein. "Herr Doktor, das war so ein schönes Ergebnis, und weil ich das behalten will, habe ich mit dem Rauchen aufgehört!"  Ich sollte damit aufhören, schwarze Gedanken zu pflegen.

malocherdoc (freespeech) am Donnerstag, 29. Oktober 2009, 18:39
Sog. Fangprämie: Aus dem Nähkästchen ...
Naja, ich kenne einen allseits verhassten Chefarzt der Kardiologie in (sagen wir mal um keine Namen zu nennen) NRW. ... – viele wissen, wen ich meine.

... der hat alles durchkatheterisiert, was er kriegen konnte .... gab damals ca. 8000,- DM für den Akt.

Der Chefarzt wurde zum Star unter seinesgleichen; schrieb dick schwarze Zahlen, während die anderen CAs mit hängenden Mundwinkeln so dahin dümpelten ... und von der Uni-Verwaltung schon schief angeguckt wurden.

Der kleingewachsene hagere Mann mit dem Lehramtstitel des Professors (wie und womit auch immer erlangt) fiel den Studenten unterdessen mehr durch herabwürdigendes Fehlverhalten und didaktische Entgleisungen auf, als seiner eigentlichen Aufgabe nachzukommen, die mit dem image- und gewinnbringenden Titel des Prof. verknüpft ist.

Seither bin ich sehr kritisch – gerade in Bezug auf die Herzkatheteruntersuchungen – weil diese aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, überproportional vergütet wurden. ... ein Riesengeschäft für ein paar Wenige. Chefärzte, die für’s Haus richtig Kohle reinhohlen und dann mit erhobener Nase und fetten Gewinnen zur Verwaltungssitzung stolzieren, um danach berauscht mit der 500+ S-Klasse in ihre MillionenVilla abzuheben..

Ebenso wie bei der Strahlentherapie etc gehe ich davon aus, daß behandelt wird, wer zur Türe reinkommt und zu greifen ist. Fangprämie oder Belohnung für’s Ergreifen ...
... das Problem ist nicht aus der Luft gegriffen.

Aber wer ist Nutznießer und wer hat Schuld an der Entwicklung? Solange wir uns von der Parteipolitik zur Wettewerblichkeit prostituieren lassen, tragen wir Mitschuld ... insbesondere dann, wenn wir das stillschweigend hinnehmen. Ich klage an: Hier und anderswo ... daher sehe ich mich heute auf der Seite des Anstands und des Rechts.

Wir, die wir Idealisten sind (zumindest gilt das für mich) verabscheuen diese Leute zutiefst. Ob nun das Nest beschmutzt werden muss – egal – ich will, daß dieser Sumpf , dieses Unwesen der Unärzte ausgehoben wird. Man kann ja niemandem mehr trauen und ich als Arzt kann mich ja noch glücklich schätzen, da ich aufgrund meines Fachwissens das Privileg einer medizinischen Beurteilbarkeit für meine eigenen Belange genieße und mich vor dem Geschäft mit der Angst vor Krankheit weitgehend schützen kann.

Gruß
malocherdoc
Kai.Soren.Kotzian am Mittwoch, 28. Oktober 2009, 21:51
die Angst geht um - heilen oder wirtschaften
ich kann ganz gut nachvollziehen, was hier in dem Kollegen vorgeht. Aufgabe jedes Arztes ist doch zu heilen und eine Diagnose auf möglichst breite Beine zu stellen. - Doch die Frage nach dem Geld ist ungewiss und hängt einem im Nacken.