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Professor Broelsch und die Drittmittelfalle

Dienstag, 22. September 2009
Professor Broelsch und die Drittmittelfalle

Ein knappes Gut hat seinen Preis. Wer partout vom Star-Chirurgen operiert werden will, muss löhnen. Das erledigt gewöhnlich die Privatversicherung. Kassenpatienten gehen zu jemand anderem. Es sei denn, man zahlt zu. So ist nun mal unser Gesundheitsystem. In dem sind Zuzahlungen von Kassenpatienten für Extra-Leistungen mittlerweile gang und gebe.

Ein Heuchler, wer deshalb den Essener Chirurgen Professor Christoph Broelsch dafür kritisiert, weil er Kassenpatienten, die in der Warteliste aufrücken wollten, um eine Spende anging. Wenn´s denn stimmt, was die Staatsanwaltschaft (und leider vorab auch das Landgericht Essen) sagt und die Presse getreulich nachspricht. Befriedigt ja auch liebgewordene Vorurteile: Arroganter Professor kassiert Spenden von todkranken Krebspatienten. Keine Rede davon, dass den Patienten, wenn sie nicht spendeten, keineswegs eine Behandlung vorenthalten wurde. Nur eben nicht bei Broelsch.

Der nutzte halt seinen Ruhm und sammelte Spenden, nicht für sich persönlich, sondern für die Drittmittelforschung, sagt er. Auch von Kranken. Nicht schön. Aber systemkonform. Denn Einwerben von Drittmitteln gehört heute zum Professorengeschäft. Der Arbeitgeber, nicht selten, zum Beispiel im Fall der Universitäten, der Staat, erwartet das. Auch die Uni Essen, die sich, als es brenzelig wurde, eilends von Broelsch lossagte. Heuchler.

Drittmittel kommen vielfach von der Industrie. Die erwartet dafür Entgegenkommen. Darf freilich nicht so heißen. Die Grenze zur Bestechung ist jedoch fließend. Der Spendenempfänger sitzt deshalb schnell in der Drittmittelfalle. Strafrechtler fordern zwar seit 2004 klare Regeln vom Gesetzgeber. Doch passiert ist nichts.

Neu an der Broelschen Kreation ist die Einwerbung bei Kranken. Kriminell? Erst dann, wenn der direkte Zusammenhang von Spende und Operation durch den Chef nachzuweisen ist. Gemäß dem wegweisenden Urteil des BGH vom Mai 2002 "müssen für eine Verurteilung wegen Bestechlichkeit ... über die bloße Annahme von Vorteilen hinausgehend konkrete äußere Umstände hinzutreten, aus denen der Vorteilsgewährende zu schließen vermag, dass der Annehmende seine Ermessenentscheidung an dem Vorteil ausrichten werde."

Also Vorsicht mit Vorverurteilungen. Selbst wenn mancher dem selbstgewissen Professor klamheimlich einen Dämpfer wünschen mag. Auch der hat ein faires Verfahren verdient.

adonis am Dienstag, 6. Oktober 2009, 10:26
Eigenartiger Artikel
Klar: Jeder hat Anspruch auf ein faires Verfahren. Ob es kriminell ist, ist auch eine eigene Frage, da juristisches und moralisches Urteil heute in der Gesellschaft enorm auseinander gehen.
Ich halte es aber generell für moralisch bedenklich "Forschungsgelder" von Patienten einzutreiben.
Und einen weiteren Punkt: Ich will um Gottes Willen nicht von einem Starchirurgen an einer Uni operiert werden. Wie in der Kommunikation sind nonverbale Inhalte wichtiger als Sachinhalte, was heissen mag der Schaum aussenrum beweisst noch lange kein Mehrkönnen, auch wenn es nun so aussehen mag. Auch wird Deutschland überleben, wenn Herr Kollege Broelsch in Pension ist.