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Island in der Krise

Montag, 15. Juni 2009
Island in der Krise

Island, auch nach vielen Besuchen immer wieder ein kleines Wunder. Es sind wohl die klaren Linien dieser weiten Landschaft ohne Bäume und die Pastellfarben, die dem Auge die nötige Ruhe geben und dadurch auch den Geist des Betrachters beruhigen. In der harten Realität des Landes ist es jetzt im Augenblick nicht ruhig. Gerade sind die letzten zähen Verhandlungen um die Schulden des Landes bei den englischen und hölländischen Konteninhabern in vollem Gange, da wird dann Icesave, Name der bankrotten Bank, schnell zu Iceslave!

Immerhin wird alles in allem ein Betrag von circa 80.000 Euro per Familie bis 2023 von Island zu zahlen sein, bei 300.000 Einwohnern eine Menge Geld und dazu noch unklar, wie das ganze geschehen soll und ob es überhaupt möglich ist.

Island hatte in den vergangenen 30 Jahren einen geradezu kometenhaften Aufstieg in allen Bereichen hingelegt, die ursprünglich bitterarmen, aber gut kultivierten Isländer sind nach dem Ende des zweiten Weltkrieges langsam aber stetig reicher geworden, am Anfang noch mit Einschluss der gesamten Gesellschaft, seit Mitte der 90er-Jahre allerdings gab es nach Privatisierung von Fischrechten und Bankprivatisierungen eine immer größere Differenzierung der Einkommensschichten.

Superreiche, bis dahin in der Moralität der isländischen Gesellschaft fast geächtet, tauchten auf und Dinge, wie z. B. Entlassung eines Direktors nach 3 Monaten mit einem „goldenen Fallschirm“ geschahen zum ersten Mal – eine Sensation in dieser eher bescheidenen, kleinen, fast intimen Gesellschaft.

Jeder kennt jeden oder wenigstens jemanden der den anderen kennt. Im Schwimmbad ist es weiterhin möglich am Präsidenten (jetzt eine Frau) vorbeizuschwimmen. Jeder kann fast alles, jeder repariert sein Haus selber und scheut sich nicht vor harter Arbeit, Ehrensache. Dünkel – unbekannt, nicht gerne gesehen. 2009 ist das alles anders.

Automobile eines Wertes, Hubraums und eines Luxus, wie vor 20 Jahren unvorstellbar, gibt es in Mengen, und das in einem Land, wo die Höchstgeschwindigkeit 90 km/h ist und nicht Besitz, sondern Bildung und Kreativität immer viel galten.

Für den Besucher ist die Krise ein Gewinn, der Preis eines Kaffees lässt einen nicht mehr reflexhaft schlucken, sondern ist normal, so wie fast alles andere. Empfehlung! Wer Lust hat, den Reiz einer andere Landschaft zu erleben, eventuell auch gerne wandert, sich auf´s warme Wasser im Schwimmbad freuen kann und damit leben kann, dass nicht nur die Sonne scheint, sollte hierher kommen.