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Trost von Fremden

Mittwoch, 6. Mai 2009
Trost von Fremden

Regisseur Christoph Schlingensief hat Lungenkrebs und sein Tonband-Tagebuch darüber veröffentlicht, Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe, hat/hatte Darmkrebs, seine Frau Ingrid, eine Allgemeinärztin, Brustkrebs; bei Maischberger haben sie, wie zu lesen war, "ein bewegendes Krebsgeständnis" abgelegt. Professor Walter Jens ist dement, seine Angehörigen lassen sich dazu unermüdlich vernehmen.

Die Liste Prominenter, die ihre oder ihrer Lieben Krankheit in die Öffentlichkeit tragen, könnte fast beliebig verlängert werden. Scham scheint eine überholte Tugend zu sein. Wem aber helfen solche Bekenntnisse? Längst sind Krebs und Demenz keine Tabus mehr, die von prominenten Bekennern zu brechen wären. Wem hilft es, die oft sehr intimen Details der Pflege zu erfahren? Man erfährt sie als Patient oder Pflegender früh genug - und empfindet sie bei liebevoller Zuwendung manchmal als weniger schrecklich denn vermutet.

Ein Kommentator fragte jetzt endlich einmal (Dirk Pilz in der „Berliner Zeitung” vom 5. Mai): „Warum müssen wir das wissen?” und antwortet, etwas zugespitzt, aus solchen Botschaften sei nichts zu lernen, sie erfüllten nur die Funktion, unsere voyeuristische Gier zu stillen. Das hemmungslose Füttern eines schamlosen Marktes lasse Voyeurismus gar als allgemeine Bürgerpflicht erscheinen.

Eine tröstlichere Funktion mögen die öffentlichen Bekenntnisse vielleicht auch noch haben: sie vermitteln denen, die eine öffentliches Leben gewohnt waren, das Gefühl einer öffentlichen, wenn auch anonymen Anteilnahme: der Trost von Fremden.

P.S. Mit der Schlagzeile wird der Titel eines beklemmenden Romans von Ian McEwan: „Der Trost von Fremden” zitiert.