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Überdiagnostiziert?

Donnerstag, 8. Januar 2009
Überdiagnostiziert?

Letzte Woche kam ein Patient vorbei, der mir über monatelang Müdigkeit berichtete, auch dass er beim Autofahren mal hin- und hergeschlingert sei, weil ihm schwindelig war. Dass er sich komisch fühlen würde. Irgendwie. Auch die weiteren Schnipsel seiner Anamnese führten zu nichts Greifbaren, und so tat ich etwas, wofür Fachärzte immer wieder gebrandmarkt werden: Ich überdiagnostizierte, machte Ultraschalluntersuchungen vom Kopf bis zum Fuß, in der verzweifelten Hoffnung, irgend etwas Verwertbares zu Tage zu fördern.

In Höhe seines Halses wurde ich fündig: Eine kritische exulzerierte Carotis-Interna-Stenose. Umgehend wies ich ihn stationär ein, die Läsion wurde interventionell versorgt; nun sitzt der Patient und seine Ehefrau vor mir, sichtlich erleichtert, dem drohenden Schlaganfall entronnen zu sein. Zufrieden sind sie dennoch nicht.

"Der Hausarzt hätte das rechtzeitig erkennen und meinen Mann sofort zu Ihnen überweisen müssen!" meint die Ehefrau, ziemlich echauffiert. Stop! so unterbreche ich sie und zeige der Dame meine Aufzeichnungen der damaligen Anamnese. Unwohlsein und Ausnutzen sämtlicher Fahrstreifen auf der Autobahn sind nun wahrlich kein konkreter Hinweis für einen drohenden Schlaganfall, wenn der Patient uns nicht mitteilt, dass die eigentliche Ursache hierfür eine vorübergehende Blindheit auf einem Auge war.

Ich arbeite schon seit langem mit dem Kollegen zusammen und weiß, dass er mir den Patienten schon bei dem geringsten Verdacht auf eine Amaurosis fugax sofort vorgestellt hätte. Die Eheleute schauen mürrisch drein und meinen, sie würden trotzdem zu dem Hausarzt nie mehr hingehen.

Ich entgegne, sie würden dem Kollegen Unrecht tun und schichte mehrere Lehrbücher der Differenzialdiagnostik vor ihren Augen auf. All das sei Medizin; der Patient muss uns den entscheidenden Hinweis geben, in welchen Kapitel wir nachzusehen hätten, ansonsten werden wir auf falsche Fährten gelockt.

Die Ehefrau schaut ihren Mann zweifelnd an und meint schließlich zu ihm: "Dich kann man auch nicht alleine lassen." Sie gehen und lassen mich mit äußerst gemischten Gefühlen zurück. Ich weiß, dass der Kollege äußerst sorgfältig arbeitet und sich sehr um seine Patienten bemüht. Warum wird ihm das zum Vorwurf gemacht, wenn er über eine Fehlinformation stolpert und ich mit meiner Überdiagnostik das Glück habe, den wichtigen Befund heraus zu filtern?

Führen all die zufällig entdeckten Nierentumore, Schilddrüsenkarzinome, Bauchaortenaneurysmen zu einer Zerstörung des jahrelang gewachsenen Verhältnisses zwischen Hausarzt und Patienten, weil letztere meinen, die Hausärzte hätten dies längst erkennen müssen?

Trägt der Patient nicht auch eine Verantwortung für das, was er berichtet, oder können wir im Nachhinein für das haftbar gemacht werden, was nicht berichtet wird? Die Sprechstunde ist zu Ende, ich schalte mein Ultraschallgerät aus. Es ist schon verdammt schwierig, eine gute Diagnose zu stellen. Aber damit alle zufrieden zu stellen, gleicht der Erfindung des strahlenfreien Röntgengerätes.

Hypersomniac am Dienstag, 13. September 2011, 19:07
Verstehe...
Ich denke auch, dass der Patient vorab genau überlegen sollte, was er dem Arzt berichtet bzw was für den Arzt verwertbar ist. Allerdings besteht darin das Problem. Für den Patienten selbst ist oft gar nicht so einsichtlich, was den Arzt wirklich interessieren könnte oder gebrauchbar ist. Oft fallen einem auch erst im Nachhinein noch Ungereimtheiten an seinem Körper auf, die man zuvor nicht als Warnzeichen wahrgenommen hat. Hinzu kommt der Druck der auf dem Patienten heutzutage lastet, mit seinen Sorgen auch wirklich ernst genommen zu werden. Man möchte nicht zuviel aufzählen, da man schnell als überempfindlich abgestempelt wird; andererseits darf es auch nicht zu wenig Information sein, um der Lösung auf die Spur zu kommen. Hinzu kommt die Unwissenheit des Patienten über Symptome. Viele schleppen seit Jahren Symptome versteckter Krankheiten mit sich herum, schieben diese auf den Stress bis zu dem Punkt, an dem sie sich so an dieses Symptom gewöhnt haben und es nicht mehr wahrnehmen, ohne zu ahnen, dass genau dies ein Hinweis für den behandelnden Arzt ist. Für die Ärzte, besonders Hausärzte ist es widerrum enorm schwierig, den Patient spezifisch zu behandeln, da er ja nur wenige Brocken an Information in die Hand gelegt bekommt. Ich denke ein regerer Austausch zwischen Arzt und Patient ist wichtig. Dafür könnte man dem Patienten vorab einen Fragebogen geben, den dieser in der Wartezeit auszufüllen hat; über Art, Dauer und Stärke der Beschwerden sowie eben Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafbeschwerden etc. die dieser anzukreuzen hat. Weil einen oft erst in diesen Situationen auffällt, dass man an einigen der Symptome leidet, jedoch nicht wirklich wahrgenommen hat.

Das könnte dem Patienten als auch dem Arzt weiterhelfen.
Hypersomniac am Dienstag, 13. September 2011, 18:55
Verstehe...
Ich denke auch, dass der Patient vorab genau überlegen sollte, was er dem Arzt berichtet bzw was für den Arzt verwertbar ist. Allerdings besteht darin das Problem. Für den Patienten selbst ist oft gar nicht so einsichtlich, was den Arzt wirklich interessieren könnte oder gebrauchbar ist. Oft fallen einem auch erst im Nachhinein noch Ungereimtheiten an seinem Körper auf, die man zuvor nicht als Warnzeichen wahrgenommen hat. Hinzu kommt der Druck der auf dem Patienten heutzutage lastet, mit seinen Sorgen auch wirklich ernst genommen zu werden. Man möchte nicht zuviel aufzählen, da man schnell als überempfindlich abgestempelt wird; andererseits darf es auch nicht zu wenig Information sein, um der Lösung auf die Spur zu kommen. Hinzu kommt die Unwissenheit des Patienten über Symptome. Viele schleppen seit Jahren Symptome versteckter Krankheiten mit sich herum, schieben diese auf den Stress bis zu dem Punkt, an dem sie sich so an dieses Symptom gewöhnt haben und es nicht mehr wahrnehmen, ohne zu ahnen, dass genau dies ein Hinweis für den behandelnden Arzt ist. Für die Ärzte, besonders Hausärzte ist es widerrum enorm schwierig, den Patient spezifisch zu behandeln, da er ja nur wenige Brocken an Information in die Hand gelegt bekommt. Ich denke ein regerer Austausch zwischen Arzt und Patient ist wichtig. Dafür könnte man dem Patienten vorab einen Fragebogen geben, den dieser in der Wartezeit auszufüllen hat; über Art, Dauer und Stärke der Beschwerden sowie eben Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafbeschwerden etc. die dieser anzukreuzen hat. Weil einen oft erst in diesen Situationen auffällt, dass man an einigen der Symptome leidet, jedoch nicht wirklich wahrgenommen hat.

Das könnte dem Patienten als auch dem Arzt weiterhelfen.