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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Sinkende Lebenserwartung in den USA

Freitag, 13. Dezember 2019

Vielen amerikanischen Wissenschaftlern geht es wie mir: Uns lässt das Thema einer seit Jahren sinkenden durchschnittlichen Lebenserwartung in den USA keine Ruhe. Die Zahlen des Jahres 2018 stehen noch aus, dennoch wissen schon jetzt viele Experten daß eine Kehrtwende sehr schwierig sein wird, denn eine seit Jahren anhaltende Entwicklung kann man nicht einfach so rückgängig machen.

Doch zunächst sei der Sachverhalt kurz geschildert: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein hoch entwickeltes Land, sogar eines der reichsten auf der Erde. Wie viele andere Länder des Westens erfuhren sie nach dem Zweiten Weltkrieg ein fast ununterbrochenes ökonomisch-demografisches Wachstum und damit einhergehend eine stete Verbesserung der Gesundheit ihrer Bevölkerung.

Während die durchschnittliche Lebenserwartung noch bei 69,9 Lebensjahren im Jahr 1959 lag, stieg dieser Wert fast ununterbrochen auf 79,1 im Jahr 2014 an. Doch dann trat das ein, was meine Kollegen und mich nun seit Jahren beschäftigt: Die durchschnittliche Lebenserwartung sank in den folgenden Jahren ab, von 78,9 (2015) auf 78,7 Lebensjahre (2016) und nun dem aktuell verfügbaren Wert von 78,6 des Jahres 2017. Ob dieser Trend durchbrochen wird, wissen wir erst wenn die Gesundheitsbehörde CDC 2020 ihre Zahlen für das Jahr 2018 veröffentlicht.

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Natürlich ist ein Absinken der Lebenserwartung international betrachtet kein Einzelphänomen. So gab es beispielsweise im Jahr 2015 mehrere westliche Länder, unter anderem auch Deutschland, die einen Rückgang in der beobachteten Lebensspanne ihrer Bürger erfuhren. Doch im Gegensatz zu den amerikanischen Zahlen sind das – bisher? – noch keine mehrjährige Trends sondern Einzelphänomene.

Wissenschaftler suchen nach Erklärungen, und deshalb gibt es immer wieder detailreiche und damit lesenswerte Analysen zu diesem Thema. So verursachte Ende 2019 eine Publikation hierzu medizinisch und medial hohe Wellen, und ich verweise auf sie für Interessierte: Woolf SH, Schoomaker H. JAMA 2019. https://jamanetwork-com.proxygw.wrlc.org/journals/jama/fullarticle/2756187. Es lohnt sich einige Hauptgedanken herauszugreifen, um besser verstehen zu können wie sich dieser Trend im einzelnen niederschlägt.

Erstens, es sind vor allem die jüngeren und mittelalten (also 25- bis 64-jährige) Männer, die am stärksten davon betroffen sind verfrüht zu versterben. Dieses ist, zweitens, auf eine starke Erhöhung von Drogen- und (großteils legal verschriebenen) Opiattoten zurückzuführen, wie auch einer deutlichen Erhöhung der Selbstmordrate und adipositas-, alkohol- und hypertonusbedingten Krankheiten.

Drittens, auch Frauen sind von diesem Phänomen betroffen, aber in einem geringeren Maße. Viertens, es sind vor allem die sozioökonomisch unteren Schichten, also diejenigen, die nicht studiert haben, die betroffen sind. Es muss hierbei erwähnt werden, dass in den USA der Großteil aller Berufe einschließlich Elektriker, Krankenschwester und KFZ-Mechaniker oft an Universitäten gelehrt werden, man also die amerikanischen Männer der unteren Schichten eher mit solchen im deutschsprachigen Raum vergleichen sollte, die keine oder eine abgebrochene Ausbildung haben.

Fünftens, es gibt regionale Unterschiede und hier sind vor allem bestimmte Regionen des Ostens und des östlichen Mittleren Westens von der starken Zunahme gesundheitlicher Probleme betroffen. Zu nennen sind vor allem die Bundesstaaten New Hampshire, Maine und Vermont im Nordosten der USA, wie auch West Virginia, Ohio, Indiana und Kentucky. Wer sich in den USA auskennt, der weiß, dass viele dieser Regionen als abgehängt gelten.

Sechstens, viele dieser Phänomene (Fettleibigkeit, Anstieg der Drogen- und Opiateinnahme, Bluthochdruck und Anstieg der Selbstmordrate) lassen sich in vielen anderen Ländern außerhalb der USA antreffen. Das ist für mich sehr besorgniserregend. Am Ende bleibe ich mit einem sehr unguten Gefühl angesichts dieser Zahlen zurück. Was können wir als Ärzte gegen diesen Trend tun? Wird er sich fortsetzen? Ist auch mit ähnlichen Entwicklungen im deutschsprachigen Raum und hier vor allem Deutschland, welches in vielen Indikatoren hinter Österreich, Luxemburg und der Schweiz steht, zu rechnen?

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 15. Dezember 2019, 11:33

@ Kollege Peter Niemann

Wenn Sie schon durch die US-amerikanischen Kliniken vagabundieren und nach eigenen Angaben nicht mal krankenversichert sind, bleiben Sie doch statistisch bei den Fakten ("stick to facts").

Wenn Sie behaupten, es hätte "im Jahr 2015 mehrere westliche Länder, unter anderem auch Deutschland, die einen Rückgang in der beobachteten Lebensspanne ihrer Bürger erfuhren" gegeben, nehmen Sie doch wenigstens zur Kenntnis, dass dies für Deutschland nicht belegbar ist.

"Die Lebenserwartung für neugeborene Mädchen beträgt aktuell 83,3 Jahre und für neugeborene Jungen 78,5 Jahre. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach den Ergebnissen der Sterbetafel 2016/2018 weiter mitteilt, ist die Lebenserwartung in Deutschland gegenüber der letzten Berechnung (2015/2017) bei Mädchen und Jungen um etwa 0,1 Jahre gestiegen. Dies entspricht der durchschnittlichen jährlichen Veränderung der vergangenen zehn Jahre. Damit ist inzwischen ein Trend hin zu einem langsameren Anstieg der Lebenserwartung zu beobachten." https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html

Die seit einigen Jahren sinkende Lebenserwartung in den USA ist m.E. hochdramatisch und u.a. auf Übergewicht, Fehl- und Mangel-Ernährung, iatrogene Opioid-Krise, Pneumonitis nach Öl(!)-Vaping, erhöhte Suizidalität und bio-psycho-soziale Deprivation der Unterschichten zurück zu führen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 15. Dezember 2019, 11:31

@ Kollege Peter Niemann

Wenn Sie schon durch die US-amerikanischen Kliniken vagabundieren und nach eigenen Angaben nicht mal krankenversichert sind, bleiben Sie doch statistisch bei den Fakten ("stick to facts").

Wenn Sie behaupten, es hätte "im Jahr 2015 mehrere westliche Länder, unter anderem auch Deutschland, die einen Rückgang in der beobachteten Lebensspanne ihrer Bürger erfuhren" gegeben, nehmen Sie doch wenigstens zur Kenntnis, dass dies für Deutschland nicht belegbar ist.

"Die Lebenserwartung für neugeborene Mädchen beträgt aktuell 83,3 Jahre und für neugeborene Jungen 78,5 Jahre. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach den Ergebnissen der Sterbetafel 2016/2018 weiter mitteilt, ist die Lebenserwartung in Deutschland gegenüber der letzten Berechnung (2015/2017) bei Mädchen und Jungen um etwa 0,1 Jahre gestiegen. Dies entspricht der durchschnittlichen jährlichen Veränderung der vergangenen zehn Jahre. Damit ist inzwischen ein Trend hin zu einem langsameren Anstieg der Lebenserwartung zu beobachten." https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html

Die seit einigen Jahren sinkende Lebenserwartung in den USA ist m.E. hochdramatisch und u.a. auf Übergewicht, Fehl- und Mangel-Ernährung, iatrogene Opioid-Krise, Pneumonitis nach Öl(!)-Vaping, erhöhte Suizidalität und bio-psycho-soziale Deprivation der Unterschichten zurück zu führen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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