ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2019Ärztliche Sterbebegleitung: Kontroverse Sterbefasten

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Ärztliche Sterbebegleitung: Kontroverse Sterbefasten

Dtsch Arztebl 2019; 116(41): A-1826 / B-1505 / C-1480

Richter-Kuhlmann, Eva

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Obwohl das Parlament die rechtlichen Aspekte der Suizidbeihilfe im § 217 Strafgesetzbuch vor einigen Jahren konkretisierte, werfen Grauzonen immer wieder Fragen auf. Eine davon ist – insbesondere für Ärzte – das Sterbefasten von Patienten und die ärztliche Rolle dabei.

Foto: picture alliance/Phanie
Foto: picture alliance/Phanie

Die Suizidbeihilfe bleibt ein medizinethisches Dauerthema: Noch in diesem Jahr wird ein grundsätzliches Urteil des Bundesverfassungsgerichts erwartet. Das höchste deutsche Gericht soll entscheiden, ob der 2015 beschlossene § 217 des Strafgesetzbuches, mit dem die „geschäftsmäßige“ Suizidbeihilfe unter Strafe gestellt wurde, mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Verschiedene Sterbehilfevereine, einige Ärzte sowie Patienten bezweifeln dies und haben Verfassungsbeschwerde eingereicht.

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Bei den vorangegangen Debatten hat sich die deutsche Ärzteschaft nicht nur gegen die „aktive Sterbehilfe”, sondern auch gegen die „Suizidbeihilfe“ durch Ärzte ausgesprochen. In den Berufsordnungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern heißt es, dass Suizidbeihilfe keine ärztliche Aufgabe ist. Sie sollen stattdessen Leben erhalten sowie Sterbenden Beistand und Hilfe beim Sterben geben, aber nicht zum Sterben. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) verweist dabei auf die Möglichkeiten der Palliativmedizin, ein Sterben in Würde zu gewährleisten.

Nur selten öffentlich diskutiert wird jedoch bisher die Frage, ob als eine dieser Möglichkeiten auch der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) durch den Patienten und dessen Begleitung durch Ärzte anzusehen ist. Dies möchte die DGP ändern und legt ein Positionspapier zum palliativ begleiteten Sterbefasten vor (siehe folgender Beitrag).

Die Klarstellung dieser Frage ist in der Tat dringend und relevant. Eine Befragung von Prof. Dr. phil. Alfred Simon, Akademie für Ethik in der Medizin der Universität Göttingen, zeigt: Viele Hausärzte und Palliativmediziner begleiten Patienten beim Sterbefasten. 62 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben 2015 an, in den vergangenen fünf Jahren mindestens eine Person beim FVNF begleitet zu haben, 21 Prozent betreuten sogar mehr als fünf Personen.

Eigene Handlungskategorie

Doch ist das ärztlich begleitete Sterbefasten Beihilfe zum Suizid? „Die Begleitung eines Patienten beim Sterbefasten stellt nach Einschätzung der Bundes­ärzte­kammer eine Form der Sterbebegleitung und keine Hilfe bei der Selbsttötung dar“, erklärt Simon gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) und verweist auf deren Bekanntgabe (1). „Die Begleitung beim Sterbefasten unterliegt deshalb auch keiner berufsrechtlichen Einschränkung.“ Der Medizinethiker betont, dass Sterbebegleitung eine ärztliche Aufgabe ist. „Hieraus folgt, dass der Arzt moralisch verpflichtet ist, für eine angemessene Begleitung seines Patienten, der durch Sterbefasten aus dem Leben scheiden möchte, zu sorgen“, erläutert er. Wer moralische Bedenken habe, könne die Begleitung dieser Patienten aber auch abgeben. Ferner sei kein Palliativmediziner verpflichtet, einen Patienten zum Sterbefasten aufzunehmen, wenn hierfür keine Indikation bestehe.

„Wenn Patienten für sich beschlossen haben, nicht mehr essen und trinken zu wollen, dann sollten wir das als Ärzte beachten und respektieren“, meint auch Prof. Dr. med. Lukas Radbruch, Präsident der DGP. Wesentlich sei, dass sich der Arzt zuvor davon überzeuge, dass der Sterbewunsch wohlüberlegt ist und aus freiem Willen heraus getroffen wurde. Die Entscheidung dürfe nicht auf sozialem Druck oder einer psychischen Erkrankung beruhen (siehe folgender Beitrag).

Doch auch wenn diese Voraussetzungen bei Patienten mit lebensbedrohlichen oder lebenslimitierenden Erkrankungen vorlägen, könne der Entschluss von Patienten zum FVNF komplexe Probleme im Umgang mit ihnen, den Angehörigen und auch den anderen Mitarbeitern in der Hospiz- und Palliativversorgung zur Folge haben. „Eine ethisch sensible und reflektierte Abstimmung unter allen Beteiligten ist zu Beginn der Begleitung erforderlich“, sagt Radbruch dem Deutschen Ärzteblatt. Bei vielen Patienten müsse diese zudem als kontinuierlicher Prozess wiederholt werden. Es sollten Maßnahmen zur Symptomkontrolle, insbesondere zur Behandlung von Mundtrockenheit, Verwirrtheit und zum Umgang mit den geäußerten Wünschen nach Essen und Trinken zur Verfügung stehen. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

1.
Bekanntgaben der Bundes­ärzte­kammer: Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§ 217 StGB): Hinweise und Erläuterungen für die ärztliche Praxis, Dtsch Arztebl 2017; 114 (7). http://daebl.de/SF48.
1.Bekanntgaben der Bundes­ärzte­kammer: Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§ 217 StGB): Hinweise und Erläuterungen für die ärztliche Praxis, Dtsch Arztebl 2017; 114 (7). http://daebl.de/SF48.

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