ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1999Ambulante Versorgung: Hausarzt - Facharzt – Überraschende Einigung

POLITIK: Leitartikel

Ambulante Versorgung: Hausarzt - Facharzt – Überraschende Einigung

Dtsch Arztebl 1999; 96(36): A-2187 / B-1862 / C-1663

Maus, Josef

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LNSLNS Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Berufsverbände der Allgemeinärzte und Internisten haben sich auf ein Kooperationsmodell für die hausärztliche Versorgung geeinigt.


Der Streit schwelt seit Jahren, und an eine innerärztliche Lösung glaubte zuletzt kaum noch jemand: Wer ist der "eigentliche", der "richtige" Hausarzt - Allgemeinarzt oder Internist? Ist andererseits eine Form der Koexistenz denkbar, die beiden Arztgruppen gerecht wird? Tatsächlich schienen die Verhandlungen über die vom Gesetzgeber gewollte Gliederung in eine hausärztliche und fachärztliche Versorgung (gemäß § 73 SGB V) hoffnungslos festgefahren, als Mitte August unter der Federführung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) doch noch eine Vereinbarung zustande kam. Ein Kompromiß, mit dem sowohl der Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) als auch der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) gut leben können. Den Verhandlungspartnern ist es gelungen, Einigkeit in allen bislang strittigen Punkten über die Rolle der Allgemeinärzte und Internisten in der zukünftigen Versorgungsstruktur zu erzielen. Zugleich haben sie die Kooperation zwischen den beiden beteiligten Arztgruppen übereinstimmend definiert.
Als Grundlagen des jetzt ausgehandelten Struktur- und Kooperationsmodells dienen die Beschlüsse des 100. Deutschen Ärztetages (1997) zum Differenzierungsmodell und zu den Inhalten der Weiter­bildungs­ordnung für die Allgemeinmedizin. Die Vereinbarung geht von einer Trennung der kassenärztlichen Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und fachärztlichen Anteil aus. Das sieht die Gesundheitsreform 2000 vor. Bei der Weiterentwicklung des EBM sollen deshalb die Leistungsinhalte und Leistungsbewertungen der hausärztlichen Versorgung eindeutig und einheitlich definiert werden. Der "Hausarzt" und dessen abrechnungsfähiges Leistungsspektrum sollen - unabhängig von der Gebietszugehörigkeit - nach den Weiterbildungsinhalten in der Allgemeinmedizin definiert werden. In Zukunft nur noch ein "Hausarzt"
Das bedeutet: In Zukunft wird es nur einen "Hausarzt" geben - sei er Allgemeinarzt oder hausärztlich tätiger Internist. Die Vereinbarung sieht dafür das Jahr 2003 vor. Bis dahin sind die Übergangsbestimmungen des Hausarzt-Facharzt-Vertrages, wonach hausärztlich tätige Internisten noch bestimmte fachärztliche Leistungen abrechnen dürfen, ausgelaufen.
Ein zentraler Streitpunkt bei dem Bemühen, die hausärztliche Versorgung von der fachärztlichen abzugrenzen, war die Frage der Direktinanspruchnahme von Fachärzten. Die freie Arztwahl - vor allem für den Berufsverband Deutscher Internisten ein unantastbarer Grundsatz innerhalb der ambulanten Versorgung - wird durch die Vereinbarung gewahrt. Die Fachärzte sollen vielmehr über ein finanzielles Anreizsystem motiviert werden, auf Überweisung tätig zu werden und der Berichtspflicht gegenüber den Hausärzten nachzukommen. In der Vereinbarung heißt es: "Die für 2003 angestrebte Zielstruktur ist, daß die Versorgung in den Schwerpunkten der inneren Medizin auf Überweisung erfolgt, sobald hierfür die Vergütungsstrukturen im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) und die erforderlichen Grundlagen geschaffen sind. Die Berichtspflicht an den Hausarzt wird zum Leistungsinhalt spezialisierter gebietsärztlicher Leistungen, wenn der Patient einen Hausarzt angibt."
Die Hausärzte - auch das ist ein Kompromiß mit den Internisten - sollen nach wie vor direkt an Krankenhäuser, ermächtigte Ärzte oder an Institute überweisen dürfen. Auf der anderen Seite sind KBV, BDA und BDI übereingekommen, die Überweisung von Facharzt zu Facharzt auf die Fälle einzugrenzen, in denen es um die Abklärung einer zum Tätigkeitsgebiet des überweisenden Arztes gehörenden Frage geht, die er selbst nicht abklären kann. Die Berichtspflicht an den Hausarzt ist damit obligat verbunden. Zwar hat die Vereinbarung zwischen der KBV, dem BDA und dem BDI momentan noch den Charakter einer Absichtserklärung. Auch sind noch viele Frage im Detail zu klären - insbesondere bei der entsprechenden Weiterentwicklung des EBM. Dennoch sind die Beteiligten überzeugt, einen "historischen Schritt" zur rechten Zeit getan zu haben. Mit Blick auf die anstehende Gesundheitsreform 2000 hoffen KBV, BDA und BDI auf eine politische Signalwirkung dieser Vereinbarung. Sie soll in erster Linie nachweisen, daß die ärztliche Selbstverwaltung in Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden sehr wohl in der Lage ist, strukturelle Veränderungen aus eigener Kraft zu bewirken. KBV, BDA und BDI wollen sich nun beim Gesetzgeber für die Verlängerung der im SGB V vorgesehenen Frist einsetzen, innerhalb derer sich die Internisten definitiv für einen der beiden Versorgungsbereiche entscheiden müssen. Dies soll nach den Vorstellungen der Verhandlungspartner bis zum 30. Juni 2001 möglich sein.
"Wir wollten die freie Arztwahl erhalten", kommentierte BDI-Präsident Prof. Dr. med. Wolfgang Wildmeister gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt die Vereinbarung. "Nun weiß jeder Internist, woran er ist, und kann seine Praxis auf die zukünftige Rolle im System ausrichten."
Der BDA sieht mit der Vereinbarung viele seiner Forderungen erfüllt, die er seit Jahren gestellt hat. BDAHauptgeschäftsführer Dieter Robert Adam betonte aber zugleich die Erwartung des Verbandes, daß alle Beteiligten "an den ausformulierten Zielsetzungen festhalten". Neuerliche Interpretationsversuche werde der BDA nicht hinnehmen, warnte Adam.
Der Dritte im Bunde, KBV-Vorsitzender Dr. med. Winfried Schorre, bewertete die Einigung als Sieg der Vernunft. "Das bedeutet das Ende eines jahrelangen innerärztlichen Grabenkampfs, der viele Kräfte gebunden hat, die wir eigentlich für die Auseinandersetzungen um die strukturverändernde Gesetzgebung dringend brauchen", sagte Schorre, der entgegen allen negativen Prognosen immer davon überzeugt war, einen Konsens zwischen Allgemeinärzten und Internisten herbeiführen zu können, und deshalb beharrlich an dem Zustandekommen der Vereinbarung gearbeitet hatte. Josef Maus

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