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Medizinische Leitlinien: Unabhängigkeit ist unverzichtbar

Dtsch Arztebl 2018; 115(6): A-230 / B-201 / C-201
THEMEN DER ZEIT
Schott, Gisela; Lempert, Thomas

Im Portal Leitlinienwatch.de wird der Umgang mit Interessenkonflikten bei deutschen Leitlinien bewertet. Es zeigt sich, dass die Autoren zwar meist ihre Interessenkonflikte erklären. Folgen für die Leitlinienarbeit hat das aber kaum.

Foto: iStockphoto
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Medizinische Leitlinien werden entwickelt, um Ärzte und Patienten in spezifischen klinischen Situationen bei der Entscheidung über das diagnostische und therapeutische Vorgehen zu unterstützen. Für die Qualität der Leitlinien ist die Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen der Industrie unverzichtbar. Leitlinien werden in Deutschland von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben, die bereits im April 2010 Empfehlungen zum Umgang mit Interessenkonflikten verabschiedet hat. Die AWMF empfiehlt neben der Offenlegung auch eine Bewertung der Interessenkonflikte, ebenso wie die Enthaltung befangener Autoren bei Entscheidungen (1). Die wissenschaftliche Evaluation deutscher Behandlungsleitlinien belegt eine insgesamt ausreichende Transparenz, jedoch eine bislang unzureichende Regulierung von Interessenkonflikten (2, 3).

Hier will die Initiative Leitlinienwatch.de gegensteuern. Das Portal wertet den Umgang mit Interessenkonflikten bei der Leitlinienerstellung kontinuierlich aus und bewertet die Ergebnisse. Ziel der Initiative ist es, den Einfluss von Interessenkonflikten auf medizinische Behandlungsleitlinien zu reduzieren. Leitlinienwatch.de will Best-Practice-Beispiele identifizieren und den Fachgesellschaften ein konstruktives Feedback mit Verbesserungsvorschlägen für anstehende Revisionen geben.

Enthaltung bei Abstimmungen

Das Internetportal wird gemeinsam betrieben von Mezis („Mein Essen zahlʼ ich selbst“ – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte), NeurologyFirst und Transparency International. Leitlinienwatch.de bewertet Leitlinien der AWMF nach folgenden fünf Prinzipien, die sich in der internationalen Diskussion für den Weg zur Unabhängigkeit von Leitlinien herauskristallisiert haben:

Jedes dieser fünf Kriterien wird mit null bis drei Punkten bewertet. Außerdem werden maximal drei Bonuspunkte für Maßnahmen vergeben, die den Einfluss von Interessenkonflikten reduzieren sollen. Zu solchen Maßnahmen gehört beispielsweise die offene Diskussion der Interessenkonflikte in der Leitliniengruppe zu Beginn der Zusammenarbeit mit einer Erörterung der Konsequenzen, wie zum Beispiel einer Enthaltung bei der abschließenden Bewertung. Bonuspunkte kann es außerdem für die plurale Zusammensetzung der Leitliniengruppe mit Beteiligung von Methodikern und Patientenvertretern geben ebenso wie für den Ausschluss von Autoren mit schwerwiegenden Interessenkonflikten.

Ergebnis von 165 Leitlinienbewertungen
Ergebnis von 165 Leitlinienbewertungen

Jede Leitlinie wird von zwei der insgesamt zwölf Mitarbeiter von Leitlinienwatch bewertet. Mindestens einer von ihnen ist Arzt oder Ärztin und mindestens einer ist unabhängig von den Fachgesellschaften, die an der Erarbeitung der Leitlinie beteiligt waren. Grundlage der Bewertungen sind die publizierten AWMF-Dokumente. Einzelheiten zu den Gründen für jede einzelne Bewertung finden sich auf der Website unter den jeweiligen Kriterien. Wenn eine neue Bewertung auf Leitlinienwatch erscheint, werden die Fachgesellschaft und der federführende Autor der Leitlinie benachrichtigt. Sie erhalten Gelegenheit, eine eigene Bewertung oder einen Kommentar (oder beides) zur Veröffentlichung auf Leitlinienwatch einzureichen. Sachliche Fehler werden sofort korrigiert und die Bewertung der Leitlinie gegebenenfalls revidiert.

Leitlinienwatch.de ist seit Dezember 2015 online. Bisher wurden insgesamt 165 Leitlinien bewertet. Die Leitlinien haben im Median 6 Punkte erhalten (Spannweite 1 bis 14). Elf Prozent der Leitlinien wurden mit elf bis 18 Punkten als gut bewertet, bei 41 Prozent ist mit sechs bis zehn Punkten Vorsicht geboten und bei 48 Prozent besteht mit null bis fünf Punkten deutlicher Reformbedarf.

Kaum externe Reviews

Leitlinienwatch.de will Öffentlichkeit für die Unabhängigkeit von Leitlinien schaffen und Positives aufzeigen, zum Beispiel die weitgehende Offenlegung von Interessenkonflikten der Autoren und Best-Practice-Beispiele. Das Portal macht aber auch sichtbar, dass eine unabhängige Bewertung der Interessenkonflikte bei Leitlinien weiterhin die Ausnahme ist und unabhängige Autoren zu selten an der Leitlinienerstellung beteiligt sind. Noch immer werden nur vereinzelt Konsequenzen aus den deklarierten Interessenkonflikten gezogen, beispielsweise durch Stimmenthaltung bei der Konsentierung von Empfehlungen. Auch externe Reviews werden nur selten durchgeführt.

Die neuen Empfehlungen der AWMF werden helfen, angemessener mit Interessenkonflikten umzugehen (4): So wird beispielsweise eine Bewertung der Interessenkonflikte hinsichtlich der Relevanz für die Leitlinie empfohlen. Wird eine Relevanz festgestellt, werden Maßnahmen wie zum Beispiel eine Stimmenthaltung empfohlen. Leitlinienwatch.de geht es auch darum, den Reformkurs der AWMF zu stärken. Konstruktive Kommentare und Anregungen zu der Initiative sind unter kontakt@leitlinienwatch.de willkommen.

Dr. med. Gisela Schott,
Arznei­mittel­kommission der Deutschen Ärzteschaft

Prof. Dr. med. Thomas Lempert,
Leitlinienwatch

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0618
oder über QR-Code.

Die Organisationen hinter Leitlinienwatch.de

Das Internetportal Leitlinienwatch.de wird betrieben von Mezis („Mein Essen zahl’ ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“), NeurologyFirst und Transparency International. Alle drei Organisationen wenden sich gegen die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf das Handeln von Ärztinnen und Ärzten. Mezis wurde 2007 von Ärzten gegründet, die ihr Verschreibungsverhalten allein am Patientenwohl und nicht an kommerziellen Interessen ausrichten wollen. Man wolle die Ärzte dafür sensibilisieren, dass sie nicht mehr unbeeinflussbar sind, wenn sie annehmen, was ihnen die Pharmahersteller bieten: Kugelschreiber, Essen, Reisespesen und mehr, schreibt die Organisation auf ihrer Webseite. Sie hat inzwischen rund 930 Mitglieder.

NeurologyFirst ist eine unabhängige Initiative deutscher Neurologen innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), die sich für pharmaunabhängige Kongresse und Leitlinien einsetzt. Den Gründungsappell im Herbst 2012 unterzeichneten 434 Neurologen. Darin riefen sie die DGN zu Reformen auf. So soll die DGN-Jahrestagung von der pharmazeutischen Industrie entkoppelt, und als Autoren von DGN-Leitlinien sollen nur noch Wissenschaftler ohne Interessenkonflikte zugelassen werden.

Transparency International setzt sich seit 1993 für die Bekämpfung und Eindämmung von Korruption ein. Die 1 200 Mitglieder zählende Organisation bezeichnet sich als politisch unabhängig. Ziel sei es, das öffentliche Bewusstsein über die schädlichen Folgen der Korruption zu schärfen und Integritätssysteme zu stärken, heißt es auf der Webseite von Transparency. HK