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Fundusrotreflex-Test: Augenscreening in der Pädiatrie

Dtsch Arztebl 2017; 114(4): A-165 / B-147 / C-147
MEDIZINREPORT
Lenzen-Schulte, Martina

Eine einfache und außerdem rasch durchführbare Untersuchung mit dem Ophthalmoskop kann dem Kinderarzt wertvolle Hinweise auf eine Reihe von Augenleiden bei Kleinkindern geben.

Durchleuchtungstest in 10 cm (Inlay in 4 m) Oben: Normalbefund; Mitte oben: Anisometropie; Mitte unten: Diffuse Katarakt linkes Auge; Unten: hinterer Polstar linkes Auge. Foto: Michael Gräf
Durchleuchtungstest in 10 cm (Inlay in 4 m) Oben: Normalbefund; Mitte oben: Anisometropie; Mitte unten: Diffuse Katarakt linkes Auge; Unten: hinterer Polstar linkes Auge. Foto: Michael Gräf

In der neuen Kinder-Richtlinie des GB-A ist der Fundusrotreflextest nach wie vor fester Bestandteil des Screenings auf organische Augenleiden. Bei der U2 und U3 soll er einseitig, von der U4 bis zur U7 beidseitig (Brückner-Test) erfolgen (1). Ein aktueller Vergleich der Ergebnisse des Testes mit denen einer anschließenden gründlichen Augenuntersuchung bestätigt ihn eindrucksvoll. Chinesische Ärzte haben bei mehr als 7 000 Neugeborenen Veränderungen der vorderen Augenabschnitte bei 222 von 223 Fällen durch einen positiven Rotreflex erkannt. Das entspricht einer Sensitivität von 99,6 % – bei einer Spezifität von 95 % (2).

Auch ein Ländervergleich belegt dies. Die Dänen wenden keinen Rotreflextest beim Neugeborenenscreening an. Laut Auswertung des Pediatric Cataract Register (PECARE) fallen dort angeborene Katarakte deutlich später auf als in Schweden, wo der Test zum Routinescreening gehört (3). Falls eine angeborene Katarakt nicht frühzeitig behandelt wird, droht eine schwere Amblyopie, so Prof. Dr. med. Birgit Lorenz (4). Die Direktorin der Universitätsaugenklinik Gießen, eines Zentrums für Diagnostik und Therapie kindlicher Sehstörungen aller Schweregrade, betont, dass die frühe Abklärung auch die Prognose anderer Augenerkrankungen wesentlich beeinflussen kann.

Prof. Dr. med. Michael Gräf, leitender Oberarzt in Gießen, weist darauf hin, dass der Test schon nach kurzer Übung eine Sache von etwa 15 sec ist (5). „Wir wissen dies aus eigenen Studien mit Studierenden und von Trainings mit Pädiatern.“ Man benötigt ein direktes Ophthalmoskop für die Prüfung im durchfallenden Licht und sieht die Pupille rötlich leuchten (siehe Abbildung).

Jede Medientrübung schwächt den Reflex merklich ab. Eine Katarakt lässt sich als Schatten im Rotreflex aus 10–20 cm Abstand einfach erkennen, erläutert Lorenz. Veränderungen am Augenhintergrund wie Retinoblastome können auch auffallen, jedoch mit geringerer Sensitivität (6). Bewegt man das Kind auf und ab, öffnen sich die Augen meist reflektorisch, das erspart das Aufhalten der Lider.

Wichtig ist zudem, dass der Test auch Fehlsichtigkeiten anzeigt. Eine relevante Fehlsichtigkeit ist viel häufiger als eine kongenitale Katarakt. Sie spielt daher für die Vermeidung von Amblyopien quantitativ eine wesentliche Rolle. Zur Erkennung der Fehlsichtigkeit ist es sinnvoll, den Test ab der U5 im etwas abgedunkelten Raum auch aus 4 m Entfernung durchzuführen, erläutert Gräf.

Beide Augen werden gleichzeitig beleuchtet (7). Durch das Ophthalmoskop betrachtet leuchten die Pupillen normalsichtiger Augen auch in der Ferne deutlich. Bei Fehlsichtigkeit leuchtet die Pupille des betroffenen Auges weniger hell oder sie bleibt dunkel und erscheint erst bei Annäherung zunehmend heller. Bei Kurzsichtigkeit sind die Pupillen aus der Ferne betrachtet dunkel. Weitsichtigkeit fällt allerdings nur bei entspannter Akkommodation, also nicht sicher auf. Als Referenz dient im Zweifel die Mutter. Eine Anisometropie lässt sich aus 4 m Abstand am Helligkeitsunterschied der Reflexe beider Augen schon ab 2 Dioptrien Seitenunterschied zu einem hohen Prozentsatz erkennen.

Die Amblyopie-Prävalenz liegt hierzulande und in westlichen Ländern bei 2–5% (8). Sie ist bei Kindern und jungen Erwachsenen die häufigste und bei rechtzeitiger Therapie fast immer eine vermeidbare Ursache von Sehstörungen. Anisometropie ist für 50 % der Amblyopien und kombiniert mit Strabismus für weitere fast 20 % verantwortlich (9). Nicht alle sind schon im Säuglingsalter manifest, auch später fluktuieren die Befunde. „Daher ist die regelmäßige Wiederholung so wichtig“, betont Gräf. Er hält den Test auch für ein ausgezeichnetes Instrument bei den weiteren Vorsorgen bis hin zur U8. Denn bei der ab U7a vorgesehenen Visusbestimmung arbeiten längst noch nicht alle Kinder mit. „Solange ein Sehtest noch nicht sicher geht, sollte man immer den Rotreflextest machen“, lautet seine Empfehlung.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

@Literatur im Internet:
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