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Anatomie im Nationalsozialismus: Ohne jeglichen Skrupel

Dtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2413 / B-1968 / C-1925
THEMEN DER ZEIT
Redies, Christoph; Hildebrandt, Sabine
Institut für Anatomie (Anatomie I), Universitätsklinikum Jena: Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. habil. Redies
Division of Anatomical Sciences, Department of Medical Education, University of Michigan Medical School, Ann Arbor, Michigan, USA: Dr. med. Hildebrandt

Wie andere Berufsgruppen waren auch Anatomen in vielfältiger Weise von der Realität des Dritten Reiches betroffen. Einige wurden Opfer der Verfolgung aus sogenannten rassischen und politischen Gründen (1, 2), andere waren aktive Nationalsozialisten, und viele waren politische Mitläufer (3, 4). Zusätzlich waren Anatomen gesetzlich in die eskalierende Hinrichtungspraxis der nationalsozialistischen (NS) Regierung eingebunden. Sie nutzten die Leichen von Hingerichteten und anderen Opfern des NS-Regimes zu Unterrichts- und Forschungszwecken (5). Während die Körper von Hingerichteten die historisch erste legale Quelle von Anatomieleichen darstellen, wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch die Leichname von sozialen Randgruppen (Selbstmörder, verstorbene Gefangene, Mittellose et cetera) aufgrund von entsprechenden Gesetzen an die Anatomien abgeliefert (6). Um die Leichname Hingerichteter gab es bis in die 1930er Jahre einen regelrechten Wettbewerb unter den Universitäten (7). Ab 1939 wurde die Abgabe der Körper Hingerichteter an die nächstgelegene Universität mit einem Verteilungsschlüssel neu geregelt (8, 9). Die Ausweitung der Todesstrafe auf politische und geringfügige Delikte führte in der Zeit der NS-Herrschaft zu immer mehr Hinrichtungen, wobei die meisten aus heutiger Sicht als NS-Unrecht angesehen werden müssen (10, 11). Soweit bekannt ist, nahmen alle anatomischen Institute im Deutschen Reich die steigende Zahl von Leichnamen Hingerichteter gern und ohne Zögern an (5).

Zeichnung eines Hingerichteten („Der namenlose Justifizierte vom Wiener Landesgericht, 1943“), die Leopold Metzenbauer (1910–1993) anfertigte, als er zu Kriegszeiten am anatomischen Institut der Universität Wien arbeitete. Graphit auf Papier, 22,5 × 41,8 cm. Bildnachweis: Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA; Inv.Nr. 7116,
Zeichnung eines Hingerichteten („Der namenlose Justifizierte vom Wiener Landesgericht, 1943“), die Leopold Metzenbauer (1910–1993) anfertigte, als er zu Kriegszeiten am anatomischen Institut der Universität Wien arbeitete. Graphit auf Papier, 22,5 × 41,8 cm. Bildnachweis: Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA; Inv.Nr. 7116,

Leichname von Hingerichteten machten vor 1939 nur einen kleinen Teil der anatomisch genutzten Leichname aus und stammten überwiegend von Kapitalverbrechern. Die Zahl der Hingerichteten, die in die Anatomien gelangten, stieg insbesondere in den Jahren 1942 bis 1944 stark an. Der Anteil der wegen Hochverrats vom Volksgerichtshof Verurteilten war in den politischen Machtzentren Berlin (16) und Wien (17) weit höher als zum Beispiel im thüringischen Jena (18). Da Hinrichtungen in der Regel zur Abschreckung öffentlich bekanntgemacht wurden, kann man davon ausgehen, dass Anatomen die ergangenen Urteile kannten oder bei Interesse hätten herausfinden können (19, 20). Die Namenslisten in den Leichenbüchern der anatomischen Institute und anderen Dokumenten erlauben es, die Urteile anhand von Gerichtsakten weitgehend zu rekonstruieren (9, 17, 21).

Nach aktuellem Forschungsstand gelangten nur in seltenen Fällen Tote aus Konzentrationslagern (KZ) an die Anatomien (18, 22, 23). Über die Schicksale anderer NS-Opfer, die zu anatomischen Zwecken benutzt wurden, ist wenig bekannt. Wie zuvor wurden auch im Dritten Reich Leichname von Mittellosen aus Pflegeheimen und Krankenanstalten an die anatomischen Institute geliefert. Darunter waren Häuser, in denen „Euthanasie“-Verbrechen begangen wurden (18, 2427). Die genaue Zahl der Leichname von „Euthanasie“-Opfern, die an die anatomischen Institute gelangten, wird wegen gefälschter Krankenakten wahrscheinlich für immer im Dunkeln bleiben. Noch schwieriger ist es, einzelne Schicksale der Leichname von vorwiegend aus Osteuropa stammenden Fremdarbeitern aufzuklären, die in den vielen NS-Arbeitslagern umkamen, oder auch der Toten der Kriegsgefangenenlager, die an die Anatomien überstellt wurden (14, 18).

Der Berliner Anatom Hermann Stieve (links) und eines der von ihm sezierten NS-Opfer, Helene Delacher. Sie wurde 1943 hingerichtet, weil sie Schriften der Zeugen Jehovas über die österreichischitalienische Grenze schmuggelte (56). Foto: Stieve: Centrum für Anatomie, Charité, Berlin/Delacher: www.lettertothestars.at
Der Berliner Anatom Hermann Stieve (links) und eines der von ihm sezierten NS-Opfer, Helene Delacher. Sie wurde 1943 hingerichtet, weil sie Schriften der Zeugen Jehovas über die österreichischitalienische Grenze schmuggelte (56). Foto: Stieve: Centrum für Anatomie, Charité, Berlin/Delacher: www.lettertothestars.at

„Lebensfrische“ Organe

Es ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl der Leichname in anatomischen Präparierübungen genutzt und anschließend kremiert und/oder bestattet wurde. Für Jena und Halle ist bekannt, dass die Bestattung der Toten anonym erfolgte (9, 10, 18). Darüber hinaus boten die Hinrichtungen die Gelegenheit, „lebensfrische“ Gewebe und Organe für wissenschaftliche Untersuchungen zu gewinnen. Um den zeitlichen Abstand zwischen Hinrichtung und Sektion möglichst kurz zu halten, führten Anatomen die Sektionen zum Teil binnen Minuten nach der Hinrichtung und häufig in angrenzenden Räumlichkeiten durch (28). Die Verwendung von Gewebe Hingerichteter wurde von vielen deutschen Anatomen offen als „Goldstandard“ in der Fachliteratur dargestellt, sogar noch bis in die frühen 1950er Jahre (29, 30). Dokumente, die moralische Bedenken von Anatomen oder gar Widerstand belegen, konnten bisher nicht gefunden werden. Ein Vergleich anatomischer Publikationen zeigt, dass die Verwendung von Hingerichteten weit häufiger in deutschen Artikeln beschrieben wurde als in vergleichbaren angloamerikanischen Zeitschriften (30).

Beispiele für eine aus heutiger Sicht menschenverachtende Haltung gegenüber den Opfern geben folgende Anatomieprofessoren:

Das Schweigen nach 1945

Wie Stieve und Voss nahmen viele Anatomen ihre Tätigkeit als akademische Lehrer an deutschen Universitäten nach dem Krieg ohne oder nach nur kurzer Unterbrechung wieder auf. Dazu zählte zum Beispiel der Kieler Professor Wolfgang Bargmann, der auch an Hingerichteten forschte (29, 30, 34) und nach dem Krieg in der Anatomischen Gesellschaft eine führende Rolle einnahm. Nach ihm ist bis heute ein Wissenschaftspreis benannt, der an herausragende Nachwuchsanatomen verliehen wird.* Als Kriegsverbrecher verurteilt wurde neben Hirt nur der Münsteraner Anatom Johann Paul Kremer wegen Menschenversuchen im KZ Auschwitz (3, 28).

Auszug aus dem Leichenjournal des anatomischen Instituts der Universität Jena aus dem Jahr 1943. In weniger als einem Monat erhielt das Institut die Leichen acht Hingerichteter, eines Ostarbeiters (erhängt) und eines vermutlichen „Euthanasie“-Opfers aus Stadtroda. Foto: Universitätsarchiv Jena, Bestand S, Abt. XXXVIII, Nr. 70/1
Auszug aus dem Leichenjournal des anatomischen Instituts der Universität Jena aus dem Jahr 1943. In weniger als einem Monat erhielt das Institut die Leichen acht Hingerichteter, eines Ostarbeiters (erhängt) und eines vermutlichen „Euthanasie“-Opfers aus Stadtroda. Foto: Universitätsarchiv Jena, Bestand S, Abt. XXXVIII, Nr. 70/1

Die personelle Kontinuität in der Besetzung der anatomischen Lehrstühle ging einher mit einem Schweigen über die Vorkommnisse im Dritten Reich. Die nächste Generation von Anatomen in Deutschland tat wenig, um die Vorkommnisse in der NS-Zeit aufzuklären, vermutlich auch aus Loyalität gegenüber ihren akademischen Lehrern. Dies belegen die vielen Nachrufe für Anatome, die ohne Erwähnung ihrer NS-Vergangenheit publiziert wurden (14).

In den 1980er Jahren warfen zuerst der Historiker Götz Aly und der Genetiker Benno Müller-Hill (35) kritische Fragen über die Herkunft der anatomischen Präparatesammlung des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin auf, die sich noch im Besitz der Max-Planck-Gesellschaft befanden (36, 37). Das Schweigen der Anatomen zu den von ihnen genutzten NS-Opfern wurde zum ersten Mal an der Universität Tübingen im Jahr 1988 gebrochen. Die Tübinger Untersuchung gilt noch heute wegen ihrer Transparenz und Konsequenz als vorbildlich. Sie führte dazu, dass Präparate aus der NS-Zeit identifiziert und bestattet wurden und der Opfer gedacht wurde (3639).

Als Reaktion auf die Tübinger Erkenntnisse fragte man 1989 vonseiten der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem beim deutschen Bundeskanzler an, ob sich in den anatomischen Sammlungen deutscher Forschungseinrichtungen noch Präparate aus der NS-Zeit befänden. Die Antworten auf diese Anfrage, die auch an alle Universitäten weitergeleitet wurde, fasst ein Bericht der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 1994 zusammen (40). Die Universitäten antworteten zum Teil zögerlich und nicht erschöpfend (36, 37). In vielen Fällen folgte eine hastige Bestattung von Präparaten zweifelhafter Herkunft. Die Dokumentation der Herkunft der Präparate und der Schicksale der Opfer standen nicht im Vordergrund dieser „Säuberungsaktionen“ (36).

Eine der nächsten Nachforschungen kam in Wien Mitte der 1990er Jahre auf Druck aus Nordamerika und Israel ins Rollen (41). In Wien produzierte während der NS-Zeit der überzeugte Nationalsozialist Professor Eduard Pernkopf (18881955) den zu jener Zeit bedeutendsten anatomischen Atlas. Nach dem Krieg fiel auf, dass die Signaturen einiger seiner Zeichner NS-Symbole enthielten (42). Dieses und andere Indizien warfen die Frage auf, ob einige der anatomischen Zeichnungen von jüdischen KZ-Opfern stammten. Obwohl letztlich nur acht der 1 377 identifizierten Hingerichteten, deren Leichname an das anatomische Institut gelangten, jüdischer Abstammung waren, brachte die Untersuchung zum ersten Mal das volle Ausmaß der Vorkommnisse an einem anatomischen Institut ans Tageslicht (23, 41, 43, 44).

Erst in den letzten Jahren begannen deutsche anatomische Institute vermehrt, aus eigenem Antrieb ihre Geschichte während der NS-Zeit zu untersuchen, der Opfer zu gedenken und nach Lehren aus der Geschichte zu fragen. Beispiele dafür sind die anatomischen Institute in Berlin (31), Bonn (45), Gießen (46, 47), Göttingen (24), Halle (10, 48), Hamburg (22, 49), Heidelberg (50), Jena (18, 21), Kiel (51), Marburg (29) und Würzburg (27). Allgemeine Richtlinien zur Verwendung von menschlichen Präparaten in Sammlungen, die sich auch explizit auf Präparate aus NS-Unrechtskontext beziehen (52), geben diesen Bemühungen einen Rahmen. Dieser Aufarbeitungsprozess ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht an allen Universitäten begonnen beziehungsweise abgeschlossen worden.

Deutsche Anatomen profitierten von NS-Verbrechen, indem sie Leichname von NS-Opfern nutzten. Die große Mehrheit von Anatomen hatte dabei – bis weit in die Nachkriegszeit – keine oder zu wenig moralische Bedenken. Dass sie dabei die Opfer eines menschenverachtenden Regimes zu anatomischem „Material“ degradierten, erkannten die Anatomen nicht, wollten es nicht erkennen oder gingen darüber hinweg (28). Grund dafür war nur zum Teil eine offen nationalsozialistische Gesinnung. Viele Anatomen, die nicht aktiv der NS-Ideologie folgten, beharrten auf einer sogenannten rein wissenschaftlichen Sichtweise und blendeten eine eigenständige ethische Bewertung der gesellschaftlichen Umstände ihrer Tätigkeit aus (28). Beide Haltungen führten dazu, dass in den anatomischen Instituten des Dritten Reichs die individuelle Menschenwürde tausendfach verletzt wurde. Die Aufarbeitung dieser Vorkommnisse in der Nachkriegszeit war oftmals geprägt von Verleugnung durch die Verantwortlichen, der allgemeinen Verdrängung der NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Was damals geschehen ist, mahnt uns heute, als Ärzte und Wissenschaftler der individuellen moralischen Verantwortung bewusst zu sein und unsere beruflichen Interessen nicht ohne eine ethische Bewertung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verfolgen.

Spende aus freien Stücken

In den meisten westlichen Ländern ist heutzutage eine Körperspende, die zu Lebzeiten aus freien Stücken und ohne Entgelt als Vermächtnis gegeben wurde, Voraussetzung für die Übernahme eines Leichnams durch ein anatomisches Institut. Es ist erstrebenswert, Regelungen für die Verwendung von Leichnamen in anatomischen Instituten zu erreichen, die weltweit anerkannt und verbindlich sind (5355).

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. habil. Christoph Redies
Institut für Anatomie I
Universitätsklinikum Jena
07740 Jena
redies@mti.uni-jena.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4812

*Die Mitgliederversammlung der Anatomischen Gesellschaft (AG) beschloss am 28. September 2012, den Preis in Zukunft vorerst ohne Namen zu verleihen. Im Rahmen ihres gegenwärtigen Auftrags, eine Stellungnahme zu den Aktivitäten der Anatomen im Dritten Reich zu verfassen, wird die Ethikkommission der AG das Lebenswerk Bargmanns im Lichte der Erkenntnisse neu bewerten.

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