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Dtsch Arztebl 2017; 114(7): A-308 / B-271 / C-267


Klingler, Corinna; Marckmann, Georg

Integration im Gesundheitswesen: Ärzte fühlen sich oft alleingelassen

THEMEN DER ZEIT


Ohne Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland könnte die medizinische Versorgung in Deutschland kaum noch sichergestellt werden. Doch wie erleben diese die Integration in das deutsche Gesundheitswesen? Ergebnisse einer Interviewstudie.

Potenzial unterschiedlicher Hintergründe schätzen: Ärzte und Ärztinnen mit Migrationshintergrund helfen zwar, die Versorgung zu sichern, klagen aber oft über Diskriminierung und Vorurteile ihrer deutschen Kollegen. Foto: mauritius images

Deutschland droht ein Ärztemangel. Viele Krankenhäuser haben Schwierigkeiten, Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen (1). Insbesondere ländliche Krankenhäuser in den neuen Bundesländern rekrutieren deshalb zunehmend ihr ärztliches Personal im Ausland (2). Nach der Ärztestatistik der Bundesärztekammer hatten 2015 bereits 37 878 Ärztinnen und Ärzte keinen deutschen Pass, das entspricht in etwa zehn Prozent aller berufstätigen Ärzte (3).

Internationale Studien haben gezeigt, dass migriertes Gesundheitspersonal häufig mit Barrieren konfrontiert ist (48). Um die Herausforderungen für migriertes ärztliches Personal in Deutschland besser zu verstehen, führte das Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Interviewstudie mit 20 im Ausland geborenen und ausgebildeten Ärzten durch, die in deutschen Kliniken tätig waren (9). Ein wichtiges Thema für die Studienteilnehmenden war die Zusammenarbeit mit Kollegen und Patienten, die nicht immer wie erhofft funktionierte.

Konflikte im Team

Die offene Ablehnung und Diskriminierung durch Kollegen – inklusive herabwürdigender Kommentare und unangemessener Witze über das Herkunftsland – gingen bei einer Teilnehmerin so weit, dass sie nach drei Monaten die Kündigung einreichte. Auch wenn dies möglicherweise ein Extremfall ist, hatten viele Befragte mit Vorurteilen zu kämpfen, die die Zusammenarbeit im Team erschwerten. So berichtete eine Teilnehmerin, dass sie Angst habe, sogar kleine Fehler zu machen, denn dann werde sie gleich für fachlich unfähig gehalten. Mache ihre deutsche Kollegin den gleichen Fehler, sei es dagegen bloß ein Fehler. Eine andere kürzlich publizierte Studie mit nach Deutschland migrierten Ärzten brachte die von den Teilnehmenden erlebte Problematik folgendermaßen auf den Punkt (10): Das Verhalten migrierter Ärzte wird teilweise als Arbeitsverweigerung oder fachliche Inkompetenz fehlgedeutet, erklärt sich zumeist aber aus der Sozialisation in einem anders organisierten Gesundheitssystem. Vielerorts sind beispielsweise Krankenschwestern für die Blutentnahme verantwortlich, sodass die dort sozialisierten Ärzte oft nicht wissen, dass dies nun ihre Aufgabe ist und sich nicht verantwortlich fühlen. Gleichzeitig sind sie auch wenig geübt in der Tätigkeit. Diese Fehldeutungen können zu unnötigen Konflikten führen und die Zusammenarbeit im Team belasten.

Ein zweites wichtiges Thema der Interviewstudie war fehlendes kontextspezifisches Wissen. Vielen Befragten machte dabei die auch in den Medien (11) häufig thematisierte unzureichende Sprachkompetenz zu schaffen. Insbesondere alltagssprachliche Bezeichnungen für medizinische Sachverhalte wie „Blinddarm“ oder „Bandscheibenvorfall“ waren Teilnehmenden am Anfang ihrer Tätigkeit unbekannt, ebenso wie beispielsweise die in Deutschland üblichen Handelsnamen von Medikamenten.

Auch das Wissen um die Organisation des Gesundheitssystems wurde thematisiert: So war einigen Teilnehmenden nicht klar, dass es zum Aufgabenspektrum des medizinischen Teams gehört, sich um die soziale Versorgung für Patienten zu kümmern. Da im Ausbildungsland ausschließlich Angehörige diese Aufgaben übernehmen, kannten sie beispielsweise die Rolle des Sozialarbeiters nicht. Ein junger Unfallchirurg berichtete zudem, dass er manchmal die Arbeitsmaschinen nicht kenne, an denen sich seine Patienten verletzt hatten, und es ihm daher schwerfalle, die Risiken für bestimmte Komplikationen abzuschätzen.

Systematische Unterstützung bei der Aneignung kontextspezifischen Wissens erhielten die wenigsten Teilnehmenden und mussten deshalb oft nach der Trial-and-Error-Methode herausfinden, wie das Gesundheitssystem in Deutschland oder die Abläufe in den einzelnen Krankenhäusern organisiert sind. So berichtete ein Teilnehmer, dass er – wie in seinem Heimatland üblich – einem Angehörigen medizinische Informationen mitgeteilt hatte, ohne dies vorher mit der Patientin abgesprochen zu haben. Er hatte keine Kenntnis von den in Deutschland geltenden rechtlichen und berufsethischen Vorgaben, die eine solche Absprache verlangen. Zum Glück störte es die Patientin nicht. In solchen Situationen sprangen manchmal Kollegen ein und erklärten unbekannte Sachverhalte, manchmal reagierten Kollegen aber auch verständnislos oder sogar verärgert auf Fragen und Bitten um Unterstützung.

Undurchsichtige Bürokratie

In der Anfangsphase fühlten sich einige Teilnehmer deshalb überfordert, zwei berichteten sogar von depressiven Episoden. Allerdings taten sich diejenigen leichter, die in früheren Hospitationen oder Famulaturen bereits Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitswesen gesammelt hatten.

Teilnehmende beschrieben darüber hinaus strukturelle Herausforderungen. Viele erlebten den Prozess bis zur Erteilung der Approbation oder der Berufserlaubnis als undurchsichtig und unnötig langwierig. Insbesondere in sogenannten Drittländern ausgebildete Ärzte waren mit großen Unsicherheiten konfrontiert. In einer Studie mit Mitgliedern von Prüfungskommissionen wurde bereits bemängelt, dass die Inhalte der Kenntnisprüfung wenig transparent seien und man sich daher nur unzureichend vorbereiten könne (12). Zudem wurden einigen Teilnehmenden im Rahmen des Bewerbungsverfahrens von Kliniken Unterstützungsleistungen versprochen, die ihnen später verwehrt blieben. Eine Teilnehmerin wurde nicht einmal über die begrenzte Weiterbildungsbefugnis des Krankenhauses informiert. Besonders vermissten die Teilnehmenden jedoch eine bessere Unterstützung vonseiten der Kliniken in der Anfangsphase: Viele hätten sich einen Mentor gewünscht, um Fragen einfacher klären zu können, oder zumindest eine angemessene Einarbeitungszeit.

Vielen dieser Herausforderungen kann und sollte durch politische oder klinikinterne Maßnahmen begegnet werden – zum Wohle von Patienten und Klinikpersonal. Beim Abbau von Diskriminierung und Vorurteilen sind alle Mitarbeiter gefragt, insbesondere aber die Führungspersonen innerhalb der Kliniken. Sie sind nicht nur moralisch und rechtlich verpflichtet, Mitarbeiter vor Ungleichbehandlung und Diskriminierung zu schützen, sondern es ist auch betriebswirtschaftlich rational, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der das Potenzial unterschiedlicher kultureller und sozialer Hintergründe wertgeschätzt und mögliche Konflikte moderiert werden (13). Dabei ist es ein wichtiger Schritt, Mitarbeitende für mögliche Vorurteile und falsche Erwartungshaltungen zu sensibilisieren: Jemand ist nicht unbedingt faul, wenn er die Durchführung einer bestimmten Behandlung ablehnt, sondern vielleicht einfach unsicher, weil er ungeübt ist. Ein Arzt kann sprachlich unsicher, aber fachlich trotzdem brillant sein. Die eigenen Bewertungen der Handlungen anderer – seien die Betreffenden nun im Ausland oder nur in einem anderen Krankenhaus ausgebildet – öfter zu hinterfragen, könnte im besten Fall zu mehr Kommunikation, besserer Kooperation und damit letztendlich zu einer besseren Patientenversorgung führen.

Das Thema der unzureichenden Sprachkompetenz hat es bereits auf die politische Agenda geschafft: So hat sich die 87. Gesundheitsministerkonferenz der Länder auf Eckpunkte für sprachliche Voraussetzungen geeinigt, die ein im Ausland ausgebildeter Arzt zur Anerkennung seiner Approbation erfüllen muss. Diese sollen über alle Bundesländer vereinheitlicht werden und einen Fachsprachentest auf dem Niveau C1 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen beinhalten (14).

Mehr als Sprachvermittlung

Es genügt jedoch nicht, lediglich weitere Tests einzuführen. Vielmehr müssen angemessene Lehrangebote geschaffen werden, die über eine reine Sprachvermittlung hinausgehen. Mittlerweile gibt es einige privatwirtschaftliche Initiativen, die sogenannte Integrationskurse anbieten. Der Marburger Bund hat hierzu eine Übersicht veröffentlicht: www.marburger-bund.de/mitgliederservice/faq-auslaendische-aerzte#frage14. Auch Krankenhäuser könnten migrierte Ärzte durch eine strukturierte Einarbeitung, Vorbereitungskurse oder Mentoring-Programme unterstützen, was sie jedoch anscheinend nur unzureichend tun (15).

Migrierte Ärzte stellen nicht nur die Versorgung vor allem im ländlichen Raum sicher, sondern bereichern das deutsche Gesundheitswesen auch anderweitig: So können sie beispielsweise dazu beitragen, kulturelle und sprachliche Barrieren in der Versorgung migrierter Patienten zu überwinden. Möglicherweise haben sie Erfahrungen mit in Deutschland seltenen Krankheiten gemacht, die aber auch hier diagnostiziert und behandelt werden müssen, und können diese Erfahrungen weitergeben. Wenn das Potenzial von migrierten Ärzten weiter genutzt werden soll, ist es notwendig, mehr bedarfsorientierte Angebote für eine gelungene Integration in das deutsche Versorgungssystem zu schaffen.

Corinna Klingler, MSc, BA,
Prof. Dr. med. Georg Marckmann, MPH, LMU München

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0717
oder über QR-Code.

Die Langfassung der Studienergebnisse unter: http://d.aerzteblatt.de/VT85

Literatur


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