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Dtsch Arztebl 2017; 114(1-2): A-17 / B-15 / C-15


Korzilius, Heike; Supady, Alexander

Seenotrettung: Sicherheit für einen kurzen Moment

THEMEN DER ZEIT


Der Internist Alexander Supady war an Bord der Sea-Watch 2 an der Rettung von mehr als 2 000 Flüchtlingen aus Seenot beteiligt. Seine Eindrücke hat er in einem gleichnamigen Blog für das Deutsche Ärzteblatt verarbeitet (www.aerzteblatt.de/blogs/178). Daraus Auszüge.

Fotos: Judith Büthe

Massengrab Mittelmeer

Mindestens 4 900 Menschen starben 2016 bei dem Versuch, vor Krieg, Verfolgung oder Armut über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten. In seeuntüchtigen und überfüllten Booten machen sich noch immer Tausende, meist von Libyen aus, auf den lebensgefährlichen Weg. Hilfsorganisationen wie Sea-Watch versuchen mit eigenen Schiffen Menschen zu retten, die in Seenot geraten. Die Organisation, die 2015 aus einer Privatinitiative um den brandenburgischen Geschäftsmann Harald Höppner entstand, will nach eigenen Worten dafür sorgen, dass „kein Mensch auf der Flucht und in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben an den Außengrenzen der Europäischen Union sterben muss“. Zur 16-köpfigen Crew des gleichnamigen Schiffes gehörte im Oktober 2016 Dr. med. Alexander Supady (35). Der angehende Kardiologe aus dem Universitäts-Herzzentrum Freiburg war zwei Wochen lang für die medizinische Versorgung von Schiffbrüchigen verantwortlich und sprang ansonsten überall dort ein, wo er gebraucht wurde. HK

Dienstag, 18. Oktober

Im Zielgebiet

Während der Nacht sind wir in unserem Zielgebiet am Rande der 24-Seemeilen-Zone vor der libyschen Küste angekommen. Bisher wurden hier die meisten Boote entdeckt, denn die Küste ist in diesem Bereich aufgrund der Sandstrände geeignet für das Ablegen der Schlauchboote. Das Meer ist verhältnismäßig ruhig, der Seegang ist lange nicht mehr so stark wie zu Beginn unseres Törns. Die Seekrankheit halten wir momentan ganz gut in Schach.

Jeden Morgen um zehn Uhr treffen wir uns zum Briefing auf dem Deck vor der Brücke. Wir besprechen den Plan für den Tag, verteilen anstehende Aufgaben, die Wachen auf „Monkey Island”, dem höchsten Punkt des Schiffes. Am Nachmittag wollen wir uns auf dem Achterdeck für ein weiteres Training mit den Festrumpfschlauchbooten zusammenfinden.

Langes Warten, geduldige Stunden mit dem Fernglas auf „Monkey Island” und vor dem Radar, um kein Boot zu übersehen. Denn unsere Wachposten, unsere Augen und unser Radar, gemeinsam mit denen der anderen Hilfsschiffe, sind die Einzigen, auf die die Flüchtlinge vertrauen können. Unser Auftrag unterscheidet sich grundlegend von dem der europäischen Grenzschutzagentur Frontex oder der Kriegsschiffe in der Region. Diese wollen die Grenzen sichern, Europa abschotten. Wir aber wollen es nicht dulden, dass Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, im Mittelmeer ertrinken.

Mittwoch, 19. Oktober

Wir sind nicht allein

Hier vor der libyschen Küste sind wir nicht allein. Neben der Sea-Watch 2 gibt es neun Nichtregierungsorganisationen, die mit Schiffen bereitstehen, in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten: Ärzte ohne Grenzen (Schiffe: Bourbon Argos, Dignity I), Proactiva Open Arms (Astral), SOS Mediterranee (Aquarius), Boat Refugee Foundation (Golfo Azzurro), Jugend rettet (Iuventa), Life Boat Project (Minden), MOAS (Phoenix, Topaz Responder), Sea-Eye (Sea-Eye) und Save the Children (Vos Hestia).

Die Schiffe unterscheiden sich in ihrer Größe und Ausstattung. Daher unterscheiden sich auch die Aufgaben. Kleine Schiffe wie die Sea-Watch 2 oder die Minden halten nach Booten in Seenot Ausschau, verteilen Schwimmwesten und leisten medizinische Primärversorgung. Sie sind nicht dafür ausgelegt, viele Flüchtlinge für längere Zeit an Bord zu nehmen und sie schließlich nach Italien zu transportieren. Größere Schiffe wie die Bourbon Argos können dagegen problemlos mehrere Hundert Mi-granten aufnehmen, sie medizinisch versorgen und sicher aufs italienische Festland bringen. Zwischen den Organisationen besteht ein sehr enger Austausch.

Die See ist heute noch ruhiger als gestern. Für die kommenden Tage ist weiterhin gutes Wetter vorausgesagt, außerdem wird der Wind auf Südost drehen – das erleichtert es den Booten, von der libyschen Küste aufs offene Meer zu gelangen.

Donnerstag, 20. Oktober

802 Menschen gerettet

Im Gegenlicht des Sonnenaufgangs entdeckt die Wache am Horizont eine Kontur, die sich beim Näherkommen als überladenes Schlauchboot identifizieren lässt. Wir nähern uns den Menschen mit unserem Schnellboot. Dann das so häufig eingeübte Vorgehen: Begrüßen der Insassen, erklären, dass wir helfen werden, umkreisen des Bootes, Suche nach Personen, die dringend medizinische Hilfe benötigen, bestimmen der Anzahl von Frauen und Kindern, immer wieder Beruhigung möglicher Unruhestifter. Dann folgt das Verteilen der Schwimmwesten. Das Boot mit den so gesicherten Insassen übergeben wir schließlich an die Helfer von Ärzte ohne Grenzen, die sie auf die Bourbon Argos evakuieren.

Noch während wir mit der Sicherung der Bootsinsassen beschäftigt sind, entdecken wir ein weiteres Schlauchboot – dasselbe Vorgehen. Immer mehr Boote, manche näher, andere noch weiter von uns entfernt, kommen in Sicht. Es sind insgesamt sieben. Die Schleuser auf libyscher Seite haben die guten Wetterbedingungen tatsächlich genutzt und in der Nacht eine Vielzahl an Booten auf den Weg geschickt. Gemeinsam mit den Helfern von Ärzte ohne Grenzen können wir bis zum Abend 802 Personen retten, die nun von der Bourbon Argos sicher nach Italien gebracht werden.

Wir entscheiden, aus einem der Boote zwei Frauen zu bergen, die in sehr schlechtem Zustand sind. So eine Bergung ist riskant. Für die Person, die geborgen werden soll, besteht die Gefahr, dass sie dabei ins Wasser fällt. Aber wir gefährden auch die anderen Personen auf dem Boot und uns selbst, weil es immer möglich ist, dass während der Übernahme Unruhe entsteht und weitere Personen versuchen, in unser Boot zu klettern. Daher ist es unbedingt notwendig, vor so einem Personentransfer die Stimmung auf dem Boot genau einzuschätzen und das geplante Vorgehen sehr genau mit den Insassen zu besprechen.

Die beiden Frauen sind sehr schwach, eine ist schwanger. Sie sprechen nicht mit uns, haben Mühe die Augen zu öffnen. Wir vermuten, dass sie bei der viele Stunden langen Reise übers offene Meer in der prallen Sonne nicht ausreichend getrunken haben. Beide bekommen eine Infusion und nach Gabe von einem Liter Flüssigkeit erholen sie sich langsam und kommen ein wenig zu Kräften. Später werden auch sie auf die Bourbon Argos übernommen.

Jedes Boot ist anders. Manche sind so überfüllt, dass seitlich auf den Schläuchen je 40 oder 50 Menschen hintereinander sitzen, ein Bein über dem Bootsrand nach außen hängend, im ganzen Boot können es dann über 160 Menschen sein. Die Menschen müssen Stunde um Stunde nahezu regungslos ausharren, so eingeengt, dass sie kaum ausreichend Platz zum Atmen haben. Immer wieder finden Retter bei der Evakuierung der Boote Tote, die vermutlich erstickt sind oder unter der Last der Menschen um sie herum zu Tode gedrückt wurden.

Es gibt an diesem Tag noch viele weitere Akteure in kleinen Holzbooten um uns herum. Die meisten sind weder an der Rettung von Personen interessiert noch am Fischfang. Sie wollen die Außenbord-motoren der Flüchtlingsboote an sich nehmen.

Freitag, 21. Oktober

Überfall der libyschen Küstenwache

Auszug aus einer Pressemitteilung von Sea Watch: Die libysche Küstenwache entert während eines Rettungseinsatzes ein voll besetztes Schlauchboot, schlägt die Migranten mit Stöcken und hält unsere Crew davon ab, Rettungswesten zu verteilen und mit der Versorgung fortzufahren. Es kommt zu einer Massenpanik, bei der alle 150 Insassen über Bord gehen.

Wie besessen werfen wir Rettungswesten für die Menschen ins Meer, die gerade in Panik aus dem Boot gesprungen sind. Wir werfen Seile ins Wasser, damit die Ertrinkenden sie greifen können. Ich rufe nach denen, die vor mir, nur wenige Meter entfernt im Wasser treiben, panisch mit Armen und Beinen um sich schlagen, sie können nicht schwimmen, ein Kopf geht unter, taucht wieder auf, die Augen weit aufgerissen, ich rufe, ich schreie und greife mit der Hand nach ihm, es fehlen nur wenige Zentimeter, aber ich erreiche ihn nicht.

Später versorgen wir die Menschen, die wir retten konnten. Wir sind erschöpft und die Ereignisse haben uns mitgenommen. Wir schweigen, denn wir sind müde und haben keine Worte für das, was wir erlebt haben. Die Geretteten, 124 Menschen, die nun bei uns an Bord sitzen, schweigen ebenso. Es muss viel passieren, bevor jemand den Entschluss fasst, sein Land auf diese Weise zu verlassen.

Samstag, 22. Oktober

Keine Pause, immer mehr Boote

Gegen drei Uhr erreicht uns ein Anruf der Seenotrettungsstelle mit der Bitte, einem Schlauchboot zu Hilfe zu kommen. Der Einsatz verläuft routiniert und ohne Zwischenfälle. Wir übernehmen alle 124 Insassen.

Eine junge Frau ist mit ihren zwei und vier Jahre alten Kindern aus Nigeria geflohen. Sie ist allein unterwegs, hat vor zwei Monaten ihre Heimat verlassen. Sie ist vollkommen erschöpft, hat Mühe aufrecht zu sitzen. Noemi und ich nehmen die Kinder auf unsere Arme, die sich das ohne Widerstand gefallen lassen, und geben ihnen zu trinken. Wir geben ihnen neue Kleidung, denn ihre Hosen sind nass und riechen nach Benzin.

In Gesprächen mit den Geretteten spüren wir die Angst, die sie durchlitten haben müssen, die Verzweiflung. Wir fühlen, dass wir diesen Menschen ein Gefühl von Sicherheit bieten können, ein wenig Geborgenheit, für einen kurzen Moment.

Während wir die Menschen mit dem Nötigsten versorgen, erfahren wir von immer mehr Schlauchbooten um uns herum; in Sichtweite treiben weit mehr als Tausend Menschen auf zehn seeuntauglichen vollkommen überfüllten Schlauchbooten auf dem Meer.

Sonntag, 23. Oktober

Sicherheit für unsere Gäste

Wir fahren Richtung Norden, heraus aus dem Rettungsgebiet. Wir haben noch immer mehr als 160 Gäste an Bord, die wir am Nachmittag einem Schiff der spanischen Guardia Civil im Frontex-Einsatz übergeben sollen.

Ich habe eine E-Mail bekommen, in der mir und unseren Mitstreitern vorgeworfen wird, wir unterstützten durch unsere Einsätze die Schleuser und ermunterten die Leute in die Boote zu steigen. Eine solche Sichtweise ist respektlos gegenüber diesen Menschen. Gewiss haben einige die Hoffnung, unterwegs von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber diese Hoffnung ist nicht der Grund dafür, dass sie sich auf den Weg machen. Die Gründe für die Flucht sind Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Kriege und Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Und dafür sind nicht die Helfer verantwortlich, die nicht bereit sind zu dulden, dass Menschen qualvoll ertrinken, verdursten oder im dichten Gedränge eines Bootes ersticken, nur weil sie auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben keinen anderen Weg sehen als die gefährliche Reise in einem Schlauchboot über das Mittelmeer.

Mittwoch, 26. Oktober

So viele Tote

Am frühen Nachmittag treffen wir auf die Vos Hestia. Wir haben das Bootswrack mit den 14 Leichen im Schlepp, das wir am Vortag von der Bourbon Argos übernommen haben. Ingo und Peter stehen im Wrack, sie haben Mühe ihr Gleichgewicht zu halten. Nach und nach legen sie um jeden toten Körper eine Schlinge. Die Leichen werden mit dem Kran nacheinander an Bord der Vos Hestia gehoben. Es ist ein schauderhafter Anblick, die verwesenden Körper tropfend mit Kleiderresten, die in Fetzen herabhängen, hoch über dem Schiff baumeln zu sehen. Wir tun das alles, weil wir den Toten so einen letzten Dienst erweisen wollen.

Sonntag, 30. Oktober

Es war ein besonderes Erlebnis

Die vergangenen Wochen waren ein unglaubliches Erlebnis. Aus 16 Menschen, die sich vorher nicht kannten, die unterschiedliche Berufe ausüben, die jüngsten sind Mitte zwanzig, die ältesten über sechzig, ist eine Crew geworden, die unter extremen Bedingungen professionell zusammengearbeitet und viele Menschenleben gerettet hat. Wir werden die Welt damit nicht grundlegend ändern. Aber wir werden erzählen, von unseren Erlebnissen berichten, Fotos zeigen. Wir werden manchen Menschen die Augen öffnen und vielleicht können wir einige für unseren Kampf für mehr Gerechtigkeit, mehr Mitgefühl und Fürsorge gewinnen.

Dr. med. Alexander Supady

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