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Dtsch Arztebl Int 2016; 113(48): 809-15
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0809


Neuhauser, Hannelore; Diederichs, Claudia; Boeing, Heiner; Felix, Stephan B.; Jünger, Claus; Lorbeer, Roberto; Meisinger, Christine; Peters, Annette; Völzke, Henry; Weikert, Cornelia; Wild, Philipp; Dörr, Marcus

Bluthochdruck in Deutschland

MEDIZIN: Originalarbeit


Robert Koch-Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Berlin: PD Dr. med. Neuhauser, Dr. PH Diederichs
Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), Standort Berlin: PD Dr. med. Neuhauser, Dr. PH Diederichs, Prof. Dr. oec. troph. Boeing, PD Dr. med. Weikert
Standort Greifswald: Prof. Dr. med. Felix, Prof. Dr. med. Völzke, Prof. Dr. med. Dörr
Standort RheinMain: Dr. med. Jünger, Prof. Dr. med. Wild
Standort München: Dr. med. Lorbeer, Prof. Dr. med. Meisinger, Prof. Dr. rer. biol. hum. Peters
Deutsches Institut für Ernährungsforschung, Abteilung Epidemiologie, Potsdam-Rehbrücke: Prof. Dr. oec. troph. Boeing
Universitätsmedizin Greifswald, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin B: Prof. Dr. med. Felix, Prof. Dr. med. Dörr
Institut für Community Medicine: Dr. Lorbeer, Prof. Dr. med. Völzke
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Präventive Kardiologie und Medizinische Prävention, Zentrum für Kardiologie: Dr. med. Jünger, Prof. Dr. med. Wild
Institut für klinische Radiologie, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität, München: Dr. med. Lorbeer
Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Institut für Epidemiologie II, Neuherberg: Prof. Dr. med. Meisinger, Prof. Dr. rer. biol. hum. Peters
DZD (Deutsches Zentrum für Diabetesforschung), Standort Greifswald: Prof. Dr. med. Völzke
Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité Universitätsmedizin Berlin: PD Dr. med. Weikert
Bundesinstitut für Risikobewertung, Abteilung Lebensmittelsicherheit, Berlin: PD Dr. med. Weikert

Hintergrund: Bluthochdruck ist ein zentraler Risikofaktor. In Deutschland gibt es wenige bevölkerungsbezogene Datenerhebungen, die auf standardisierten Blutdruckmessungen beruhen.

Methode: Es wurden standardisierte Blutdruckmessungen und Medikamentendaten aus 7 bevölkerungsbasierten Studien mit insgesamt 66 845 Teilnehmenden im Alter von 25–74 Jahren analysiert. Diese Studien waren in Deutschland zwischen 1994 und 2012 durchgeführt worden. Die EPIC-Potsdam-Studie (1994–1998), die KORA-S4-Studie (1999–2001) in Augsburg sowie die Gutenberg Health
Study (2007–2012) in und um Mainz wurden für deskriptive Vergleiche herangezogen. Aufgrund gleicher Studienregionen konnten der Bundes-Gesundheitssurvey 1998 mit der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (2008–2011) sowie die Study of Health in Pomerania (SHIP) in Nordost-Deutschland (1997–2001) mit der SHIP-TREND-Studie (2008–2012) im direkten zeitlichen Vergleich analysiert werden. Alle Blutdruckdaten wurden für gerätespezifische Messwertunterschiede adjustiert.

Ergebnisse: Nach Anpassung von studienspezifischen Messgeräteunterschieden waren die mittleren systolischen und diastolischen Blutdruckwerte in den neueren Studien (2007–2012) niedriger als in den älteren Studien (1994–2001); der Anteil behandelter Hypertoniker nahm zu. Den stärksten Rückgang beim mittleren Blutdruckwert (systolisch ≥ 10 mm Hg) gab es bei den 55- bis 74-Jährigen. Bei jungen Männern zwischen 25 und 34 Jahren wurde auf der Grundlage der regionalen SHIP-TREND-Daten ebenfalls ein Rückgang des mittleren systolischen Blutdruckwerts verzeichnet, der sich jedoch in den bundesweit erhobenen DEGS1-Daten nicht widerspiegelte.

Schlussfolgerung: Trotz der guten Evidenz für abnehmende Blutdruckwerte in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten bleibt das Präventionspotenzial hoch. Die Aktualisierung der bevölkerungsbezogenen Daten mit besonderem Fokus auf die Blutdruckdaten junger Männer sollte Ziel künftiger Forschungsbemühungen sein.

Bluthochdruck ist ein Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf- und Nieren-Erkrankungen (1) und hat eine hohe Prävalenz in der Bevölkerung (2). Dabei ist das Präventionspotenzial hoch, und es existieren effektive Behandlungsmöglichkeiten (3). Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnete Bluthochdruck als eines der größten Risiken für die globale Gesundheit. Dennoch gibt es in Deutschland bisher nur wenige populationsbasierte Studien mit standardisierten Blutdruckmessungen bei Erwachsenen, und vergleichende Analysen sind selten (46).

Forscher an verschiedenen Standorten des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung haben daher ein Konsortium zur Blutdruckepidemiologie in Deutschland gegründet. Bei dessen erstem Projekt wurden populationsbasierte Blutdruckdaten der letzten beiden Dekaden analysiert. Sieben große populationsbasierte Studien wurden berücksichtigt, darunter die Gutenberg Gesundheitsstudie und die aktuelle Kohorte der Study of Health in Pomerania (SHIP-TREND) mit bislang noch nicht publizierten aktuellen Blutdruckdaten. Ziel der gemeinschaftlichen Analysen war, den kürzlich in einzelnen Studien berichteten Trend abnehmender Blutdruckwerte in Deutschland zu verifizieren (5). Dabei werden erstmals Blutdruckdaten aus regionalen Studien in Deutschland für messgerätespezifische Unterschiede kalibriert, so dass ein direkter Vergleich mit Daten der bundesweiten Gesundheitssurveys möglich ist.

Methoden

Beschreibung der populationsbasierten Studien

Die vorliegende Untersuchung umfasst Daten aus zwei nationalen Gesundheitssurveys und fünf regionalen populationsbasierten Studien (eGrafik1):

  • BGS98: Bundes-Gesundheitssurvey (1997–1999) (7)
  • DEGS1: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (2008–2011) (8)
  • SHIP-0: Study of Health in Pomerania, Nordost-Deutschland (1997–2001) (9)
  • SHIP-TREND: eine zweite, unabhängige Kohorte der Studie Study of Health in Pomerania (2008–2012) aus der gleichen Studienregion wie SHIP-0 (9)
  • GHS: Gutenberg Gesundheitsstudie in der Stadt Mainz und im Landkreis Mainz-Bingen (2007– 2012) (10)
  • EPIC-Potsdam: European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition study (1994–1998) in der Stadt Potsdam und in der Umgebung (1994–1998) (11)
  • KORA-S4: Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg (1999–2001), in der Stadt Augsburg und in den zwei umliegenden Landkreisen Aichach-Friedberg und Augsburg (1999–2001) (4).

In allen Studien wurden Stichproben von Erwachsenen in privaten Haushalten aus Einwohnermeldeamtsregistern gezogen. Die Studiendesigns, die Studienpopulationen und Methoden der standardisierten Blutdruckmessungen werden in der eTabelle 1 zusammengefasst.

Messungen, Definitionen und statistische Analyse

Die Kriterien für die Positionierung und die Ruhezeiten bei den Blutdruckmessungen waren in allen Studien identisch (eTabelle 1). Es gab Unterschiede im Hinblick auf die Manschettengrößen, die Regeln für die Auswahl der Manschetten sowie die Blutdruckmessgeräte, die aber durch zwei Kalibrierungsstudien mit entsprechenden Kalibrierungsformeln ausgeglichen wurden (Details dazu im eKasten) (11, 12).

Für die deskriptiven Analysen wurden Personen zwischen 25 und 74 Jahren in 10-Jahres-Altersgruppen herangezogen. Nicht alle Altersgruppen waren in allen Studien vertreten. Um komplexe Stichprobendesigns zu berücksichtigen, wurden bei den Analysen Survey-Prozeduren verwendet. Unterschiede wurden bei Vorliegen eines p-Wertes < 0,05 als statistisch signifikant angesehen. Zusätzliche Informationen zum Studiendesign, zu den Messmethoden, zur Gewichtung und zu den statistischen Analyse finden sich im eKasten.

Definitionen

  • Hypertonie: systolischer Blutdruck ≥ 140 mm Hg oder diastolischer Blutdruck ≥ 90 mm Hg oder Behandlung mit blutdrucksenkenden Medikamenten (eTabelle 1)
  • bekannte Hypertonie: Hypertonie bei Personen, die berichteten, dass ein Arzt schon einmal einen erhöhten oder zu hohen Blutdruck festgestellt hat
  • behandelte Hypertonie: Einnahme von ATC-kodierten Medikamenten gemäß eTabelle 1 in den zurückliegenden sieben Tagen (GHS: 14 Tage)
  • kontrollierte Hypertonie: Blutdruck systolisch < 140 mm Hg und diastolisch < 90 mm Hg bei behandelter Hypertonie.

Ergebnisse

Die geografische Verteilung der Studienregionen ist in eGrafik 1 dargestellt. Es zeigte sich, dass die mittleren systolischen und diastolischen Blutdruckwerte sowohl bei Frauen als auch bei Männern in den drei aktuelleren, zwischen 2007 und 2012 durchgeführten Studien insgesamt niedriger waren als in den vier älteren Studien, deren Datenerhebung zwischen 1994 und 1999 erfolgt war (Grafiken 1–3, eGrafik 2, eTabellen 2, 3). Anhand der Daten der Studien, für die Messwerte für zwei Zeitpunkte vorlagen – also für die Bundes-Gesundheitssurveys BGS98 und DEGS1 beziehungsweise für die in Nordostdeutschland durchgeführten SHIP-0- und SHIP-TREND-Studien (Grafik 3) – wurden ergänzend die Trends bei der Blutdruckverteilung und der Hypertoniebehandlung untersucht. Hierbei zeigte sich, dass der mittlere systolische Blutdruckwert in den meisten Altersgruppen im Zeitverlauf statistisch signifikant abnahm. Die systolischen Werte in der Altersgruppe der 25- bis 74-Jährigen sanken in Gesamtdeutschland im Vergleich zu den Jahren 1997–1999 im Beobachtungszeitraum 2008–2011 im Mittel um 4,2 mm Hg (95-%-Konfidenzintervall: [3,4; 5,1]). Dabei war bei Männern ein Rückgang um 2,7 mm Hg [1,7; 3,8] und bei Frauen um 5,7 mm Hg [4,7; 6,8] zu beobachten. In Nordostdeutschland nahm der mittlere systolische Blutdruck im gleichen Zeitraum sogar um 7,2 mm Hg [6,5; 7,9] ab; bei Männern um 7,0 mm Hg [6,1; 8,0] und bei Frauen um 7,6 mm Hg [6,6; 8,5].

Sowohl nach den Daten der nationalen Gesundheitssurveys BGS98 und DEGS1 als auch nach denen der SHIP-Studien aus Nordostdeutschland gab es den deutlichsten Rückgang der mittleren Blutdruckwerte (systolisch ≥ 10 mm Hg) bei älteren Personen im Alter von 55–74 Jahren (Grafik 3, eTabellen 2, 3). Widersprüchliche Trends zeigten sich lediglich in der Gruppe der jungen Männer im Alter von 25–34 Jahren, bei denen der mittlere systolische Blutdruck in der SHIP-Region zurückging, diese Entwicklung aber nicht anhand der deutschlandweiten Daten nachweisbar war. Der Trend abnehmender Blutdruckwerte wird auch aus der Darstellung der Verteilung der mittleren systolischen und diastolischen Werte deutlich, die eine deutliche Linksverschiebung über die Zeit zeigt (eGrafik 2). Des Weiteren wird dieser Trend auch durch eine deutlich niedrigere Prävalenz hypertensiver Blutdruckwerte (≥ 140/90 mm Hg) bestätigt (eTabelle 4).

Die Behandlungshäufigkeit unter Hypertonikern nahm über die Zeit bei Männern und Frauen aller Altersgruppen signifikant zu (Grafik 4). Die relative Zunahme der Behandlungsraten lag dabei in Gesamtdeutschland in Abhängigkeit von der betrachteten Altersgruppe zwischen 20 % und 100 %; in Nordostdeutschland war teilweise sogar eine Verdreifachung der Behandlungsrate zu verzeichnen. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass die Behandlungsraten in den aktuelleren Studien (2007–2012) generell größer waren als in den älteren Studien (1994–2001) (eTabelle 5). Außerdem zeigte sich, dass sie bei jüngeren Personen niedriger als in älteren Altersgruppen waren.

Weitere Kennwerte zum Blutdruckmanagement, das heißt Daten zum Bekanntheits-, Behandlungs- und Kontrollgrad der Hypertonie, sind in den eTabellen 6–9 zusammengefasst. Unter den drei aktuelleren Studien wies die in Nordostdeutschland durchgeführte SHIP-TREND-Studie durchgehend die höchsten Werte aller Indikatoren des Blutdruckmanagements auf, wohingegen sie für DEGS1 und GHS niedriger waren.

Hervorzuheben ist zudem, dass die deutschlandweiten Daten der Gesundheitssurveys (BGS98 und DEGS1) nur eine leichte Veränderung der Hypertonieprävalenz (die auch die gut eingestellte Hypertonie miteinschließt) über die Zeit zeigten (eTabelle 10). In SHIP-0 konnte hingegen eine sehr hohe Hypertonieprävalenz beobachtet werden, die sich in derselben Studienregion im aktuelleren Beobachtungszeitraum (SHIP-TREND) an die nationalen Werte angeglichen hatte und damit deutlich abgesunken war.

Diskussion

Die vorliegende Studie bietet erstmals einen umfassenden Überblick über populationsbasierte Blutdruckdaten der letzten zwei Jahrzehnte in Deutschland, wobei auch bisher noch nicht veröffentlichte, aktuelle Ergebnisse der Studien SHIP-TREND und GHS berücksichtigt werden konnten. Zum ersten Mal wurden zudem auch die Daten regionaler populationsbasierter Studien mit deutschlandweiten Daten unter Berücksichtigung möglicher Messunterschiede der verwendeten Blutdruckmessgeräte verglichen.

Im Vergleich zu anderen Industrieländern waren die durchschnittlichen Blutdruckwerte in Deutschland im Jahr 1998 deutlich erhöht und das Blutdruckmanagement war ungünstiger (13, 14). Dies könnte, zumindest teilweise, dadurch bedingt gewesen sein, dass die zu diesem Zeitpunkt gerade geänderten Grenzwerte für die Definition einer arteriellen Hypertonie von 140/90 mm Hg (vorher 160/90 mm Hg) zu diesem Zeitpunkt noch nicht flächendeckend umgesetzt wurden (15). Danach lagen eine Dekade lang leider keine bevölkerungsbasierten Blutdruckdaten vor. Geringere durchschnittliche Blutdruckwerte erschienen allerdings angesichts des starken Rückgangs der Schlaganfallsterblichkeit in Deutschland (Rückgang der Mortalität an zerebrovaskulären Erkrankungen von 83 Todesfällen pro 100 000 im Jahr 2000 auf 51 Todesfälle pro 100 000 im Jahr 2010, altersstandardisiert auf Standardbevölkerung Deutschland 1987) (16) sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass der Schlaganfall der am engsten mit erhöhtem Blutdruck assoziierte klinische Outcome-Parameter ist (1). Ein Rückgang der mittleren Blutdruckwerte in Deutschland konnte letztendlich erst ein Jahrzehnt später anhand der Daten des deutschlandweiten DEGS1 nachgewiesen werden (5). Diesen Trend konnten wir nun erstmalig auch anhand regionaler Daten der in Nordostdeutschland durchgeführten SHIP-TREND-Studie bestätigen. Interessanterweise war der verringerte mittlere Blutdruck in SHIP-TREND trotz einer gleichzeitigen Zunahme der Adipositasprävalenz in der Studienregion zu verzeichnen (17).

Im Gegensatz zu den deutschlandweiten Daten von DGES1 lässt sich aus den SHIP-TREND-Daten auch bei jüngeren Männern ein Rückgang der Blutdruckwerte ablesen. Auch die ungefähr zeitgleich erhobenen Querschnittsdaten der GHS-Studie zeigten ein ähnliches Niveau der Blutdruckwerte wie DEGS1 und SHIP-TREND. Allerdings liegen hier keine Messwerte für jüngere Erwachsene vor. Der Trend zu niedrigeren Blutdruckwerten konnte für ältere Erwachsene zuvor bereits anhand der Follow-up-Daten einer anderen Kohortenstudie in Deutschland gezeigt werden (18). Dabei ist allerdings zu beachten, dass solche Kohortendaten Verzerrungen beinhalten können – einerseits durch Selektion der Teilnehmer im Verlauf, andererseits durch einen möglichen Interventionseffekt der Studie selbst. Zu einem solchen Effekt kann es etwa kommen, wenn den Teilnehmern mitgeteilt wird, dass ein erhöhter Blutdruckwert gemessen worden und eine Kontrolle und gegebenenfalls Behandlung angezeigt sei.

Für alle aktuelleren Studien, die in unsere Analysen eingeschlossen wurden, wurde eine Zunahme der Behandlungsraten des Bluthochdrucks beobachtet. Dies dürfte eine wichtige Rolle bei der Abnahme der mittleren Blutdruckwerte in Deutschland gespielt haben. Zu beachten ist diesbezüglich, dass die niedrigeren Bekanntheits- und Behandlungsraten in früheren Studien – zumindest teilweise – auch auf Änderungen der Leitlinienempfehlungen zurückzuführen sein könnten (15). Auf nationaler Ebene lagen die Raten für die Bekanntheit, Behandlung und Kontrolle der Hypertonie in Deutschland in den Jahren 2008–2011 für Erwachsene im Alter von 18 bis 79 Jahren bei 82 %, 72 % beziehungsweise 51 % (5). Mit Blick auf aktuelle Daten aus den USA, Kanada und England (19) war der Bekanntheitsgrad in diesem Zeitraum in Deutschland vergleichbar gut (USA: 81 % für 2007–2010, Kanada: 83 % für 2007–2009, England: 65 % für 2006). Die Behandlungsrate der Hypertonie war in Deutschland mit 72 % ebenfalls vergleichbar mit der für die USA berichteten Rate von 74 %, während für Kanada mit 80 % bessere und für England mit 51 % deutlich schlechtere Raten festgestellt wurden (5). Für die Hypertoniekontrolle ergibt sich bei diesem Ländervergleich ein ähnliches Bild (Deutschland: 51 %, USA: 53 %, Kanada: 66 %, England: 27 %). Die hier zum Vergleich herangezogenen internationalen Zahlen beziehen sich auf publizierte Daten aus jeweils landesweiten Studien mit weitgehend vergleichbaren Altersgruppen und Studienperioden, wobei gleichwohl methodische Unterschiede bestehen.

Unsere aktuelle Analyse liefert auch einige neue und interessante Aspekte zu regionalen Unterschieden und Geschlechterunterschieden – sowohl hinsichtlich der Verteilung der Blutdruckwerte als auch in Bezug auf das Blutdruckmanagement in Deutschland. Während in früheren Publikationen in Ostdeutschland höhere Blutdruckwerte als in Westdeutschland nachgewiesen wurden (4, 20), belegen die aktuellen Daten einer ostdeutschen (SHIP-TREND) und einer westdeutschen Studienregion (GHS) eine zunehmende Annäherung der Werte. Diese Beobachtung passt sehr gut zu den Ergebnissen einer früheren Veröffentlichung deutschlandweiter DEGS1-Daten, die den stärksten Rückgang der Blutdruckwerte ebenfalls für den Vergleich zweier ostdeutscher Regionen nachweisen konnte (21). Beide Analysen zeigen für Nordostdeutschland niedrigere mittlere Blutdruckwerte und deutlich höhere Behandlungsraten der Hypertonie. Hingegen finden sich für die Hypertonieprävalenz (die nicht durch die Hypertoniebehandlung beeinflusst wird, da sie sowohl den kontrollierten als auch den unkontrollierten Hypertonus beinhaltet), wesentlich geringere Veränderungen. Regionale Vergleiche, die nicht auf gemessenen Blutdruckwerten, sondern auf berichteten Hypertoniediagnosen basieren und auch die Fälle gut eingestellter Hypertonie erfassen, könnten deshalb noch immer einen Ost-West-Gradienten nachweisen (22). In Bezug auf Geschlechterunterschiede kann unsere Studie die Ergebnisse früherer Untersuchungen, die höhere Bekanntheits-, Behandlungs- und Kontrollraten der Hypertonie bei Frauen gefunden hatten, bestätigen (19). Detailliertere Analysen der Daten der nationalen Gesundheitssurveys (BGS98 und DEGS1) haben im Vergleich der Jahre 1998 und 2008–2011 ebenfalls anhaltende Geschlechterunterschiede gefunden (23). So wurde auch in dieser Analyse für Männer ein schlechterer Hypertonie-Bekanntheitsgrad, eine niedrigere Behandlungsrate (auch bei bekannten Hypertonikern) und eine schlechtere Kontrollrate beobachtet.

Während die Blutdruckmessung in der klinischen Praxis als einfache und kostengünstige Untersuchung gilt, ist die Erhebung valider Blutdruckdaten in großen Bevölkerungsgruppen aufwendig und kostenintensiv, so dass hierzu nur wenige Daten vorliegen. Die Herausforderungen liegen sowohl in der Messung selbst, die bei unzureichender Standardisierung ungenau wird beziehungsweise systematisch verzerrt sein kann (24), als auch in einem möglichen Sektionsbias der Studienpopulation, wenn zum Beispiel Patienten aus der Primärversorgung oder Patienten langjähriger Kohortenstudien eingeschlossen werden.

Die vorliegende Analyse stellt den ersten Schritt einer umfassenden Untersuchung von Blutdruckdaten verschiedener bevölkerungsbasierter Studien in Deutschland dar. Alle eingeschlossenen Studien zeichnen sich durch streng standardisierte und validierte Methoden der Blutdruckmessung aus (11, 25). Zudem basieren sie alle auf querschnittlich in der Bevölkerung erhobenen Stichproben, die mit gewissen Einschränkungen hinsichtlich Response und Selektion für die jeweiligen Studienregionen aussagekräftig sind. Der aktuelle Vergleich berücksichtigt erstmalig, dass für die Erhebung der nationalen und regionalen Blutdruckwerte unterschiedliche Blutdruckmessgeräte verwendet wurden. So konnten wir, basierend auf den Ergebnissen zweier vorausgehender Validierungsstudien (11, 12), eine Adjustierung für die Verwendung unterschiedlicher Geräte vornehmen. Zwar lagen die mittleren Unterschiede der in den genannten Studien validierten Geräte im Bereich weniger mm Hg, doch können solche Differenzen bei epidemiologischen Analysen großer Bevölkerungsgruppen zu relevanten Verzerrungen mit einer hohen Public-Health-Relevanz führen. (26).

Limitationen

Eine potenzielle Limitation unserer Analysen ist darin zu sehen, dass einige der eingeschlossenen Studien nur Daten eines Erhebungszeitpunkts zur Verfügung hatten, so dass Trendanalysen nicht für alle Studien möglich waren. Des Weiteren wurden die Blutdruckmessungen in allen Studien an einem einzigen Tag vorgenommen (wobei jedoch eine Dreifachmessung mit Mittelung des zweiten und dritten Wertes erfolgte). Somit basiert die Diagnosestellung eines Bluthochdrucks nicht, wie in der klinischen Praxis üblich, auf an verschiedenen Tagen erhobenen Messwerten. Eine weitere, generelle Limitation epidemiologischer Daten ist, dass schwer kranke Subgruppen der Bevölkerung, bei denen höhere Blutdruckwerte zu erwarten sind, häufig nicht eingeschlossen werden. Die genannten Limitationen treffen allerdings für alle Messzeitpunkte zu, so dass unsere Beobachtung sinkender Blutdruckwerte in Deutschland davon nicht relevant beeinflusst werden dürfte. Somit bleibt das präventive Potenzial hinsichtlich erhöhter Blutdruckwerte unverändert hoch.

Resümee

Diese Studie liefert einen Nachweis für sinkende Blutdruckwerte und eine verbesserte Behandlung der Hypertonie in Deutschland. Wenngleich dies nicht analysiert wurde, so ist es doch wahrscheinlich, dass eine verbesserte Behandlung und zusätzlich Maßnahmen der Prävention, einschließlich der Förderung einer gesunden Ernährung, eines körperlich aktiven Lebensstils sowie der Prävention des Rauchens, relevante Effekte auf die Blutdruckwerte hatten.

Trotz des positiven Trends bleibt das Präventionspotenzial beim erhöhten Blutdruck in Deutschland weiterhin hoch und weitere Anstrengung zur Verbesserung von Prävention und Behandlung erhöhter Blutdruckwerte sind notwendig. Die zentrale Bedeutung des (erhöhten) Blutdrucks für die Morbidität und Mortalität steht im Gegensatz zu den wenigen bisher verfügbaren Bevölkerungsdaten. Eine Ausweitung der bevölkerungsbasierten Forschung ist notwendig, wobei ein spezieller Fokus auf die geschlechts- und altersspezifischen Aspekte gelegt werden sollte.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 3. 3. 2016, revidierte Fassung angenommen: 28. 7. 2016

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Hannelore K. Neuhauser, MPH
Robert Koch-Institut
Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
General-Pape-Straße 62–66
12101 Berlin, neuhauserh@rki.de

Zitierweise
Neuhauser H, Diederichs C, Boeing H, Felix SB, Jünger C, Lorbeer R,
Meisinger C, Peters A, Völzke H, Weikert C, Wild P, Dörr M: Hypertension in Germany—data from seven population-based epidemiological studies (1994–2012). Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 809–15.
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0809

@The English version of this article is available online:
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Zusatzmaterial
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Abbildungen und Tabellen

Literatur


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