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Dtsch Arztebl 2016; 113(45): A-2011 / B-1687 / C-1671


Richter-Kuhlmann, Eva

Hochschulmedizin: Experten sehen Reformbedarf

POLITIK


Der Wissenschaftsrat mahnt in seinen jetzt vorgelegten „Perspektiven der Universitätsmedizin“ nicht nur eine finanzielle Stärkung der Hochschulmedizin an, sondern strukturelle Reformen, unter anderem den Aufbau von „Profilbereichen“.

Die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten und der Wirklichkeit innerhalb der universitären Medizin vertieft sich nach Ansicht des Wissenschaftsrates. In seiner jüngsten Expertise „Die Perspektiven der Universitätsmedizin“ wies das Beratungsgremium der Politik eindrücklich auf die besondere Bedeutung der Universitätsmedizin als „Fundament des Gesundheitssystems“ hin.

„Dieses Fundament gilt es angesichts des sich beschleunigenden wissenschaftlich-technologischen Fortschritts in der Medizin wie auch mit Blick auf die wachsenden Herausforderungen bei der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu stärken“, sagte der Vorsitzende des Rates, Prof. Dr. phil. Manfred Prenzel. Mit der aktuellen Situation der Universitätsmedizin könne man jedoch nicht zufrieden sein. Sie sei von einer „zunehmenden Dominanz der Versorgungsaufgaben und einer fortschreitenden Marginalisierung der akademischen Zielsetzung“ gekennzeichnet.

Mangelhafte Finanzierung

Als Ursachen für diese Entwicklung benennt die Analyse vor allem mangelnde Ressourcen der Universitätsmedizin sowie unzureichende Organisationsstrukturen. Prof. Dr. med. Hans-Jochen Heinze, Vorsitzender des Medizinausschusses im Wissenschaftsrat, betonte, dass mangelnde Ressourcen zu „existenziellen Problemen“ in der Universitätsmedizin führten, die durch notwendige Translationen von der Grundlagenforschung in die Anwendung und die individualisierte Medizin noch verstärkt würden.

Der Wissenschaftsrat hält daher Maßnahmen zur finanziellen Konsolidierung der Universitätsmedizin für dringend erforderlich. Er erneuerte seine an Bund und Länder gerichtete Bitte, Möglichkeiten einer langfristigen gemeinsamen Finanzierung von Infrastrukturen an den Hochschulen zu prüfen. Maßnahmen zur Stärkung wissenschaftlich-klinischer Potenziale könnten nur dann greifen, wenn sie nicht durch eine stetige Arbeitsverdichtung aufgrund hohen Kostendrucks konterkariert würden.

Geld ist nicht alles

Eine Finanzspritze allein reicht nach Ansicht des Wissenschaftsrates aber nicht aus, um die Universitätsmedizin zu stärken. Das Gremium sieht auch deutlichen strukturellen Reformbedarf. Es empfiehlt dazu zwei Strategien, die parallel umgesetzt werden sollen: den Ausbau bestehender Strukturen an allen universitätsmedizinischen Standorten zum einen und den Aufbau vollständig neuer Bereiche, sogenannter „Profilbereiche“, zum anderen. Letztere sollen jungen Wissenschaftlern und Ärzten besondere Perspektiven bieten. Beide Ansätze seien geleitet von dem Ziel, die Universitätsmedizin als wissenschaftliches Fundament des Gesundheitssystems zu stärken und ihre Zukunftsfähigkeit im internationalen Wettbewerb sicherzustellen.

Beim Ausbau der bestehenden Strukturen hält es der Wissenschaftsrat für erforderlich, verbesserte Rahmenbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen, insbesondere in der klinischen Forschung. Zur Implementierung eines strukturierten, forschungsorientierten Weiterbildungswegs empfiehlt der Rat dabei exemplarisch das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft entwickelte „Curriculum für Clinician Scientists“. Nach seiner Ansicht sollten sich künftig fünf bis acht Prozent der Ärztinnen und Ärzte, die ihre Facharztweiterbildung an Universitätskliniken absolvieren, als Clinician Scientists qualifizieren. Für Medical Scientists, also für nicht ärztlich tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sollten in der Universitätsmedizin zudem differenzierte Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen werden. Handlungsbedarf sieht der Rat ferner bei der Qualitätssicherung von Forschung und Lehre und bei der Weiterentwicklung von forschungs- und informationstechnologischen Infrastrukturen.

„Profilbereiche“ als Novum

Der zweite Reformansatz, die „Profilbereiche“, soll die klassische Fächeraufteilung in der Medizin überwinden und eine Spezialisierung in Forschung und Krankenversorgung auf internationalem Spitzenniveau ermöglichen. Zum Aufbau dieser Profilbereiche hält der Wissenschaftsrat einen bundesweiten Wettbewerb für sinnvoll, bei dem sich die hochschulmedizinischen Standorte um einen Profilbereich bewerben können und für dessen Aufbau sie eine „Impulsfinanzierung“ durch Bund und Länder bekommen.

Innerhalb der medizinischen Fakultäten und der Universitätskliniken wird derzeit das Papier des Wissenschaftsrates intensiv diskutiert. Gemeinsam will man sich mit möglichen neuen Strukturen in der Universitätsmedizin auseinandersetzen und in den nächsten Wochen ein Positionspapier verfassen. „Die Expertise des Wissenschaftsrates erhält sehr viele gute Ideen, ihre Umsetzung ist jedoch eine Herausforderung, die nicht unterschätzt werden darf“, sagte Dr. Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT).

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann


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