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Dtsch Arztebl 2016; 113(43): A-1910 / B-1610 / C-1598


Bühring, Petra

Psychotische Störungen: Fokus auf die Früherkennung

THEMEN DER ZEIT


Frühsymptome der Schizophrenie, meist im jungen Erwachsenenalter, werden häufig nicht erkannt und diagnostiziert. Frühe Intervention und Therapie können dem Abgleiten in eine soziale Behinderung entgegenwirken. Angebote gibt es wenige.

Die Versorgung von Menschen mit Schizophrenie funktioniert nicht gut – zu selten werden die Symptome frühzeitig erkannt und diagnostiziert. Die ideale, also koordinierte, strukturierte, multiprofessionelle und sektorenübergreifende Versorgung ist nur regional vereinzelt möglich. „Meist haben Betroffene bis zu einem Jahr psychotische Symptome, bevor sie in Behandlung kommen“, erklärt Prof. Dr. med. Andrea Pfennig, Dresden, bei dem Symposium „Psychische Gesundheit 2030 – Schizophrenie: Zukunft Denken“, das am 28. September in Berlin stattfand.

Frühberentung oder Hartz IV

Die erste Episode der Erkrankung zeige sich häufig zwischen 17 und 25, in einem Lebensalter also, in dem die Ausbildung im Mittelpunkt steht. Rund 75 Prozent der Betroffenen haben Frühsymptome, die Prodomalphase beträgt vier bis fünf Jahre. Wichtig sei deshalb ein frühzeitiger Behandlungsbeginn, damit keine soziale Behinderung auftritt und die Lebensplanung beeinträchtigt wird, fordert die Leiterin der Präventionsambulanz für psychische Störungen am Universitätsklinikum Dresden. „Weil dem oftmals nicht so ist, werden 15 Prozent der unter 40-jährigen Schizophrenen frühberentet – die meisten erhalten Hartz IV.“

„Mit guter Früherkennung kann die Dauer einer unbehandelten Psychose von einem Jahr auf vier Wochen reduziert werden“, ergänzt Prof. Dr. med. Andreas Bechdolf, Leiter des Frühinterventions- und Therapiezentrums „Fritz“ am Vivantes Klinikum am Urban in Berlin. Seit 2013 werden dort junge Erwachsene mit beginnenden psychischen Krisen versorgt (www.fritz-am-urban). „Fritz“ bietet multidisziplinäre Behandlung im Team mittels kognitiver Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie. Hinzu kommt die intensive Betreuung der Angehörigen, von Anfang an Schul- und Job Coaching und Peer Support. Die Betroffenen werden meist über ein bis zwei Jahre im „Fritz“ behandelt, überwiegend ambulant, während der ersten Episode aber auch in einer Spezialstation für 18- bis 28-Jährige. Die Behandlungskontinuität ambulant – stationär ist gewährleistet. „Unser Angebot richtet sich gezielt an junge Menschen, die den Aufenthalt in der Erwachsenenpsychiatrie häufig als abschreckend erleben und ihn deshalb vorzeitig abbrechen“, betont Bechdolf. Nur wenige vergleichbare Versorgungsangebote gebe es in Deutschland, unter anderem in Hamburg und Köln. Das Ausland, zum Beispiel Australien und Großbritannien, sei hier ganz anders aufgestellt, berichtet der Psychiater (siehe Kasten). „Es sollte auch bei uns ein großes gesellschaftliches Interesse für die Versorgung junger psychisch kranker Menschen geben“, findet er.

Hoher Cannabismissbrauch

Im „Fritz“ wird auch missbräuchlicher Cannabiskonsum mitbehandelt, den bis zu 70 Prozent der Ersterkrankten betreiben. „Der Verlauf der Erkrankung ist deutlich schlechter, wenn Cannabis konsumiert wird“, betont Psychiater Bechdolf. Werde Cannabis regelmäßig vor dem 15. Lebensjahr konsumiert, sei das Erkrankungsrisiko im Verlauf sogar sechsmal höher als ohne Konsum. Prof. Dr. med. Hans-Peter Volz, Psychiatrisches Krankenhaus Schloss Werneck, zufolge macht Drogenkonsum, wie zum Beispiel Cannabis, „den Patienten unbehandelbar“. Jedenfalls werde der Behandlungserfolg bei der Erkrankung mit der ohnehin niedrigen Remission noch geringer. „Die Komorbidität mit Sucht wird in den Studien kaum aufgegriffen“, kritisiert Volz.

Verbessern sollte sich generell auch der Einbezug von Angehörigen in die Versorgung, forderte Janine Berg-Peer, Mutter einer an Schizophrenie erkrankten Tochter, die ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben hat*. „Die Ärzte sind uns Angehörigen gegenüber sehr zurückhaltend. Dabei brauchen wir von ihnen Hilfe dazu, unsere Kinder angemessen zu unterstützen“, sagt sie. Ein freundliches Entgegentreten der Ärzte und Pfleger gerade beim Erstkontakt sowie Schulungen könnten Angehörigen helfen, ihren schwer psychisch kranken Kindern beizustehen.

Petra Bühring

*Janine Berg-Peer: Aufopfern ist keine Lösung: Mut zu mehr Gelassenheit für Eltern psychisch erkrankter Kinder und Erwachsener. Kösel-Verlag, München 2015.

Frühintervention beispielhaft

In Australien bietet die „National Youth Mental Health Foundation“ in mehr als hundert landesweiten Zentren, den „Headspaces“, Frühinterventionen für zwölf- bis 25-Jährige an. Gesorgt wird dort für deren psychische wie physische Gesundheit inklusive Drogenprävention und -therapie. Sie erhalten dort zudem Unterstützung bei der Ausbildungs- und Jobsuche. www.headspace.org.au

In Großbritannien findet Frühintervention bei psychischen Erkrankungen in rund 150 landesweiten „Early Intervention Centres“ statt. Spezialisierte Teams, die Teil der ambulanten wie stationären Regelversorgung sind, versorgen dort flächendeckend junge Menschen während der ersten ein bis zwei Jahre ihrer Erkrankung.

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