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Dtsch Arztebl Int 2016; 113(42): 703
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0703


Berger, Klaus

Heimat, Lebensstil und Krankheitslast

MEDIZIN: Editorial


Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin, Westfälische Wilhelms-Universität Münster: Prof. Dr. med. Berger, MPH, MSc

Editorial zu den Beiträgen: „Regionale Unterschiede in der Prävalenz kardiovaskulärer Erkrankungen: Ergebnisse der Studie zur „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) 2009–2012“ von Christina Dornquast et al. und „Zeitliche Trends kardiometaboler Risikofaktoren bei Erwachsenen: Ergebnisse dreier bundesweiter Untersuchungs- surveys 1990–2011“ von Jonas D. Finger et al. auf den folgenden Seiten

Dem Thema regionaler Variation im Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen und Risikofaktoren widmen sich in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes zwei Beiträge (1, 2). Die Ergebnisse beider Arbeiten erwecken Freude und zugleich Frustration. Die erfreulichen Aspekte beinhalten unter anderem die Tatsache, dass das Robert Koch-Institut in Deutschland in den letzten 20 Jahren eine sehr leistungsfähige Gesundheitsberichterstattung auf hohem Niveau aufgebaut hat, die es erst erlaubt, auf gesicherter Datengrundlage über Häufigkeiten und Ursachen regionaler Krankheitsvariationen zu diskutieren. Grund zur Freude besteht auch darüber, dass der bei der Wiedervereinigung bestehende große Ost-West-Unterschied in der Prävalenz kardiovaskulärer Erkrankungen und ihrer Risikofaktoren im Verlauf einer Generation sehr viel kleiner geworden ist. Zudem zeigt der Rückgang in der Prävalenz einiger Komponenten eines ungesunden Lebensstils an, dass tatsächlich Änderungen des gesundheitsbezogenen Verhaltens, zum Beispiel der körperlichen Inaktivität, auch auf Bevölkerungsebene zu erreichen sind. Schließlich ist die auch im internationalen Kontext niedrige Prävalenz kardiovaskulärer Erkrankungen in einigen wenigen Bundesländern, zum Beispiel Baden-Württemberg, ein Hinweis darauf, was an kardiovaskulärer Krankheitslast in Deutschland möglich wäre.

An dieser Stelle beginnt die Frustration. In Deutschland gibt es ein großes Gefälle zwischen den Regionen, nicht nur bei wirtschaftlichen Eckdaten und sozialen Faktoren, sondern auch in der Krankheitslast verschiedener Erkrankungen und ihrer Risikofaktoren. Für viele Krankheiten folgt dieses Gefälle einer Nordost-Südwest-Richtung mit deutlich höherer Risiko- und Krankheitslast im Nordosten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zur Gruppe von Krankheiten, die in ihrer Häufigkeit diesen Unterschieden in ökonomischen und sozialen Faktoren der Regionen folgen. Sie haben einen engen Bezug zur sogenannten sozialen Schere, die in Deutschland seit Jahren weiter aufgeht. Frustrierend ist auch das Ergebnis, dass sich die kardiovaskuläre Krankheitslast und Risikofaktoren in Ost und West selbst nach einer Generation noch nicht vollständig angeglichen haben, und dass Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht über Jahrzehnte unverändert sind oder zunehmen.

Die Autoren haben für ihre Vergleiche zum einen Prävalenzunterschiede in der Krankheitslast zwischen den Bundesländern (1) und zum anderen Unterschiede in Zeittrends von Risikofaktoren zwischen Ost und West gewählt (2). Die Betrachtung nach Bundesland bietet verschiedene Vorteile, da durch die föderale Struktur Deutschlands zahlreiche Kompetenzen für die Planung und Versorgung im Gesundheitssystem auf Bundeslandebene organisiert sind. Grenzen hat diese Betrachtungsweise bei der bundeslandübergreifenden Versorgung und bei der Bewertung regionaler Unterschiede innerhalb eines Landes. Allerdings ist die Datenlage zu Unterschieden auf kommunaler oder kleinräumiger, stadtteilbezogener Ebene in Deutschland noch gering. Die wenigen Studien, die existieren, zum Beispiel zum Diabetes (3), zeigen, dass Variationen der Krankheitslast auf vier Ebenen (zwischen Ost und West, zwischen Bundesländern, zwischen Kommunen und zwischen Stadtteilen innerhalb von Kommunen) betrachtet werden können, mit zum Teil unterschiedlichen Handlungskonsequenzen.

Freude gepaart mit Frustration ist ein Zustand, der zum Nachdenken auffordert: Etwa darüber, dass die Ressourcenplanung im Gesundheitswesen der tatsächlichen Krankheitslast und nicht der Einwohnerdichte folgen sollte. Oder über die Fragen, welche Strategien dazu beitragen können, die Varianz an Risikofaktoren zwischen deutschen Regionen zu reduzieren, und wie man solche Maßnahmen in Form einer Gesundheitsberichterstattung beobachten kann, um ihre Effizienz nachweisen zu können. Zudem werfen die Ergebnisse der beiden Arbeiten neue Fragen auf, wie beispielsweise nach Unterschieden in der Versorgungsqualität der Behandlung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zwischen den Bundesländern. Die Antworten erfordern weitere Analysen und Datenerhebungen im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung, die hierfür ausgebaut werden sollte.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Klaus Berger, MPH, MSc

Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Domagkstraße 3, 48148 Münster

bergerk@uni-muenster.de

Zitierweise
Berger K: Home, lifestyle and the burden of disease. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 703. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0703

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

Literatur


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