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Dtsch Arztebl 2016; 113(41): A-1800 / B-1517 / C-1508


Hillienhof, Arne

Demenzstation: In guten Händen

THEMEN DER ZEIT


Demenzkranke mit somatischen Akuterkrankungen werden auf der Demenzstation des St. Josef-Krankenhauses in Linnich interdisziplinär versorgt. Das schafft auch Freiräume für die Normalstationen.

Fotos: Daniel Elke/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Als bei Jakob N. die Beine anschwellen und er Atemnot entwickelt, weist sein Hausarzt den 79-Jährigen in das St. Josef-Krankenhaus in Linnich ein. Hauptdiagnose Herzinsuffizienz. Herr N. ist jedoch nicht nur herzkrank, er leidet auch unter einer fortgeschrittenen Demenz. „Mein Sohn fährt mich im Auto nach Linnich. Ich war schon sehr lange nicht mehr im Krankenhaus. Ich habe Angst und fühle mich nicht wohl“, zitiert Dr. med. Grit-Alexandra Böckler, Oberärztin in der Inneren Medizin, die Wahrnehmung und die Ängste von „Opa Jakob“. Sie hat zu seiner Patientengeschichte drei Beiträge in der Mitarbeiterzeitschrift des Krankenhauses veröffentlicht.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie wird im Jahr 2020 etwa jeder fünfte Krankenhauspatient unter einer Demenz leiden. Sie wird damit eine der häufigsten Nebendiagnosen. Nur rund sechs Prozent der Patienten kommen der Fachgesellschaft zufolge primär wegen ihrer Demenzerkrankung in die Klinik, die meisten von ihnen müssen wegen somatischer Erkrankungen in stationäre Behandlung, zum Beispiel wegen eines Oberschenkelhalsbruches.

Die Ärzte und das Pflegepersonal der 140-Betten-Klinik in Linnich übernehmen mit Jakob N. also einen Patienten, wie er immer häufiger wird. Anders als viele andere Krankenhäuser sind sie darauf aber besonders vorbereitet: Seit dem Jahr 2008 hat die Klinik schrittweise ein Demenzkonzept entwickelt und umgesetzt, um betroffene Patienten optimal zu versorgen. „Wir erhielten von den zuweisenden Pflegeheimen früher häufig das Feedback, dass sich viele demente Patienten nach Entlassung aus einem Akutkrankenhaus in einem kognitiv deutlich verschlechtertem Zustand befinden“, erläutert Böckler. „2008 hörte ich auf dem Internistenkongress in Wiesbaden einen Vortrag zu Demenzstationen im Krankenhaus. Zurück in Linnich war ich daher sehr offen für eine entsprechende Initiative“, berichtet der Chefarzt der Inneren Medizin des St. Josef-Krankenhauses, Dr. med. Gerhard Mertes. So bildete sich aus dem Bedarf heraus eine berufsgruppenübergreifende Arbeitsgruppe – Verwaltung, Ärzte und Pflege verfolgten dasselbe Ziel.

Start mit zwei Zimmern

Das Haus startete seine besondere Betreuung von Demenzpatienten zunächst in zwei Zimmern. Dank des Einsatzes vieler Akteure – Internisten, Chirurgen und des Pflegedienstes, der kaufmännischen Direktion, eines Förderkreises und anderen – ist seither eine interdisziplinäre chirurgisch-internistische Station mit 18 Betten entstanden. Die somatischen Hauptdiagnosen auf der „B2“ sind neben sturzbedingten Frakturen Herzinsuffizienz und Infektionserkrankungen, besonders Harnwegsinfekte.

Bereits bei Ankunft in der Klinik evaluiert der aufnehmende Arzt, ob der Patient unter kognitiven Einschränkungen leidet. Häufig können auch begleitende Angehörige dazu Angaben machen. Patienten, die bereits früher in der Klinik waren, haben einen entsprechenden Eintrag in ihren Unterlagen, eine „red flag“. „Trotzdem haben wir immer wieder Patienten, bei denen die Einschränkung offenbar vorher nicht aufgefallen ist oder auch nicht vorlag“, berichtet Böckler.

Ein engagiertes Team: Die stellvertretende Pflegedienstleiterin Marlies Jansen, Pflegedirektor Günter Weingarten, Stationsleiterin Marisol da Lanca, Ärztlicher Direktor Achim Fritz, Oberärztin Grit-Alexandra Böckler, Chefarzt der Inneren, Gerhard Mertes

Geeignete Patienten kommen aus der Aufnahme auf die Demenzstation. „Das bedeutet übrigens auch eine gewaltige Entlastung für die Normalstationen, die mit den Demenzpatienten überfordert wären“, so die Oberärztin.

In einem „Alzheimer Stammblatt“ erfassen Angehörige oder Begleiter des Patienten Vorlieben, Gewohnheiten und biografische Hintergründe des Patienten. „Das ist besonders wichtig, wir müssen den Patienten kennen und verstehen, um auf ihn eingehen zu können“, berichtet die Stationsleiterin, Marisol da Lanca. So sei es beispielsweise wichtig zu wissen, ob ein Patient früher regelmäßig im Nachtdienst gearbeitet habe – er ist deswegen nachts möglicherweise unruhiger. Auch die Vorlieben und Gewohnheiten beim Essen seien wichtig. Und vieles mehr. „Wir versuchen, einen Zugang zu den Patienten zu gewinnen. Das gelingt nur, wenn wir biografische Hintergründe kennen“, so da Lanca.

Wer auf die Demenzstation geht, dem fallen zunächst die Farben auf, es sieht dort nicht aus wie in einem Krankenhaus. „Wir versuchen durch die Farb- und Lichtgestaltung eine ruhige und stressfreie Atmosphäre zu schaffen“, erläutert die stellvertretende Pflegedienstleiterin Marlies Jansen. Sie hat sich von Anfang an für die Station engagiert. Einige Zimmer sind in Rot-, Orange- und Gelbtönen und andere Zimmer in Fliederfarben gestrichen. Diese Farben unterstützen durch die Kontraste die Wahrnehmung und die Wiedererkennbarkeit für die Patienten. Aber auch die Ausstattung ist ungewöhnlich: Wohnzimmerkommoden, bequeme Stühle und überhaupt eine wohnliche Einrichtung tragen zur Atmosphäre bei. Jetzt im Herbst sind Zimmer und Gang außerdem mit entsprechender Deko ausgestattet.

Zudem verfügen die Zimmer über Niedrigflurbetten zur Sturzprophylaxe, die Badezimmer sind geräumig und altersgerecht umgebaut. Schränke und Türen sind mit einfachen dekorativen Symbolen gekennzeichnet, die es den Patienten erleichtern, sich zurechtzufinden. Im Gang gibt es eine „Fühlwand“. Die verschiedenen Oberflächen – Borsten, Sandpapier, glattes Holz und anderes – aktivieren die Sinneswahrnehmung der Patienten. „Es war am Anfang gar nicht einfach, das Gesundheitsamt von der Einrichtung der Station zu überzeugen“, berichtet Jansen. Es gab zunächst Skepsis, ob die unkonventionellen Möbel die nötigen Hygienestandards erfüllen. „Wir haben uns dann hier getroffen und sind die Stationen abgegangen, seither ist die Begeisterung für das Konzept groß, wir haben von dieser Seite keine Probleme“, so Jansen.

Ausschlafen möglich

Auch der Tagesablauf und die Betreuung unterscheiden sich vom üblichen Krankenhausstandard. Das beginnt damit, dass die Patienten morgens nach Möglichkeit ausschlafen können. Danach werden sie vollständig angekleidet. Patienten im Schlafanzug oder Krankenhaushemd sucht man auf der B2 tagsüber vergebens. Zum Frühstück gibt es ein Büfett, an dem sich die Patienten aussuchen können, was ihnen schmeckt. Überhaupt die Essenszeiten: Sie sind für das Personal aufwendig, weil die Mitarbeiter Patienten zur Nahrungsaufnahme aktivieren und sie beim Essen unterstützen. Die Küche bietet ein besonderes Menü für Patienten, die an Demenz erkrankt sind. Gegebenenfalls werden diese speziellen Gerichte mit Kalorien angereichert. Auch Fingerfood ist möglich, damit auch Patienten, die nicht mehr mit Messer und Gabel essen können, ihre Mahlzeit in Ruhe genießen können.

Warme Farben sollen eine zugewandte Atmosphäre und den Demenzpatienten zusätzliche Sicherheit geben.

Wichtig ist außerdem die demenzsensible und aktivierende Tagesbetreuung der Patienten. Im Vordergrund steht die Förderung der Alltagsfähigkeiten. Dafür verfügt die Station über ein eigenes gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Hier werden die gemeinsamen Mahlzeiten eingenommen, gespielt und geübt. Auch die Visiten finden nach Möglichkeit hier statt. Die Betreuung findet an jedem Wochentag von 8 Uhr bis 13 Uhr und von 15 Uhr bis 18 Uhr statt. Jeden Freitag gibt es einen Bewegungskurs. Hierbei leitet ein Physiotherapeut die Patienten an.

Kommen Demenzpatienten wegen einer körperlichen Erkrankung in das Krankenhaus, so sind es oft die ungewohnten und angstmachenden Abläufe, welche die Demenzsymptomatik verstärken. Das Team der Linnicher B2 versucht, dies nach Möglichkeit aufzufangen. Das beginnt bei einem möglichen „Rooming in“ der Angehörigen. Außerdem werden Diagnostik und Behandlungen genau koordiniert, um einen kurzen Aufenthalt zu gewährleisten. Die Patienten werden zu allen Untersuchungen und Behandlungen begleitet. Eine warme zugewandte Atmosphäre gibt ihnen zusätzliche Sicherheit.

Grit-Alexandra Böckler, Oberärztin

Wichtig ist, dass die Patienten der Demenzstation nicht fixiert werden. Sie können sich frei über die Station bewegen. Zum Konzept gehört außerdem, die Patienten nach Möglichkeit nicht psychopharmakologisch zu sedieren. Aber sie tragen Armbänder, die beim Verlassen der Station ein Signal abgeben, welches das Personal auf den Plan ruft. Zur Betreuung gehören außerdem ein Screening auf Mangelernährung, auf Delir und eine strukturierte Schmerzerfassung und -dokumentation.

Eine solche umfassende Betreuung ist aufwendig und gelingt nur mit motiviertem und gut ausgebildetem Personal. Dafür haben drei Krankenschwestern eine Fortbildung zur Demenzexpertin absolviert, vier Mitarbeiter sind geschulte Betreuungsfachkräfte. Auch Seelsorger und Physiotherapeuten der Klinik sind besonders geschult. Eine interne AG „Demenz im Akutkrankenhaus“ setzt sich regelmäßig mit dem Thema Demenz auseinander, reflektiert den Ist-Zustand und überlegt weitere Ziele und Verbesserungen. Alle beteiligten Mitarbeiter haben die Möglichkeit zur Einzel- oder Gruppensupervision.

Achim Fritz, Ärztlicher Direktor

Das Team des St. Josef-Krankenhauses kümmert sich auch nach der Entlassung auf Wunsch weiter um die Patienten. Im Rahmen der sogenannten „Familialen Pflege“ beschäftigt die Klinik zwei geschulte Mitarbeiterinnen, die bis zu sechs Wochen nach der Entlassung Angehörige schulen, beraten und unterstützen. Dazu gehört ein kostenloses Pflegetraining zu Hause am Patientenbett, Einzel- oder Familienberatungsgespräche und Gesprächskreise für pflegende Angehörige. Ein „Grundkurs Pflege“ vermittelt Angehörigen auf Wunsch wichtige Basisfähigkeiten. Das Modellprojekt „Familiale Pflege“ wird von der AOK Rheinland/Hamburg finanziert und von der Universität in Bielefeld wissenschaftlich begleitet. „Das ist eine Win-win-Situation für Klinik und Patienten. Die „Familiale Pflege“ ist für die Patienten kostenfrei und unabhängig davon, bei welcher Kasse sie versichert sind“, erläutert der Pflegedirektor Günter Weingarten.

Entgeltsystem nachbessern

Eine Versorgung, wie sie das Team in Linnich realisiert, ist aufwendig. Das St. Josef-Krankenhaus hat seine Strukturen dazu seit 2008 schrittweise aufgebaut. Die Finanzierung des Umbaus und der Einrichtung war nur mit einem aktiven Förderverein zu bewältigen. Für den zusätzlichen Personalaufwand hat das Haus immer wieder kommunale Förderprojekte zum Beispiel für alleinerziehende Mütter und Möglichkeiten der Querfinanzierung genutzt. „Eine solche demenzsensible Versorgung sollte eine Pflicht für Krankenhäuser sein“, meint der ärztliche Direktor des Hauses, Dr. med. Achim Fritz. Dem flächendeckenden Aufbau von Demenzstationen stehe aber im Augenblick noch das Entgeltsystem für Krankenhäuser entgegen. „Das Fallpauschalen-System bildet die besonderen Leistungen der Demenzbetreuung im Augenblick in keiner Weise ab“, kritisiert er.

Jakob N. betrifft dies nicht. Er kann nach einer Woche mit einer deutlich verbesserten Symptomatik entlassen werden. „Unser Demenzkonzept soll dazu beitragen, der ständig steigenden Zahl dementer Menschen einen Platz in unserem Alltag zu geben und sie dabei zu unterstützen, sich zurechtzufinden“, schreibt die Oberärztin Böckler in ihrem Rückblick zu seiner Patientenhistorie. Das ist ihr und dem Team der B2 sicherlich gelungen!

Dr. med. Arne Hillienhof

Demenzkonzept

Das Konzept zielt darauf, die fachliche und menschliche Begleitung von dementen Patienten im Krankenhaus zu verbessern. Folgende Maßnahmen, die zum Teil auf die Empfehlungen der „S3-Leitlinie Demenz“ beruhen, sollen dies ermöglichen:

  • Frühzeitiges Erkennen der Demenz in der Patientenaufnahme und gezielte Unterbringung auf der Demenz-Station.
  • Differenzierte Aufnahme unter Einbeziehung der Patientenbiografie. Es werden alle wichtigen Eigenschaften, Vorlieben und Gewohnheiten des Demenzkranken auf dem „Alzheimer Stammblatt“ erfasst.
  • Falls möglich und erwünscht erfolgt eine Einbeziehung der Angehörigen in die Behandlung, es besteht die Möglichkeit zum „Rooming in“.
  • Koordination sämtlicher notwendiger Maßnahmen, um einen möglichst kurzen Aufenthalt zu gewährleisten.
  • Nach Möglichkeit psychopharmakologische Therapie meiden.
  • Ressourcen der Patienten erhalten, und das Stadium der Demenz nicht verschlechtern.
  • Einsetzen von Betreuungspersonal zur Beschäftigung.
  • Schulung aller Berufsgruppen und ehrenamtlichen Mitarbeiter.
  • Schmerzerfassung und Schmerzdokumentation anhand der BESD-Skala mit Einbeziehung der Schmerzmentoren.
  • Screening auf Mangelernährung bei Aufnahme des Patienten.
  • Angepasste Mahlzeiten durch Kontraste und Fingerfood.
  • Im Rahmen des Delir-Screenings, Einschätzung von Verwirrtheitszuständen bei Aufnahme in der Ambulanz (Confusion Assessment Method Scor CAM).
  • Gezielte pflegerische Maßnahmen wie Aromatherapie und basale Stimulation.
  • Festgelegte Sprechzeiten für Angehörige.
  • Einbindung von Sozialdienst und „Familialer Pflege“.
  • 100 Prozent Begleitung zu allen Untersuchungen und Behandlungen, Wartezeiten vermeiden.
  • Beachtung der Regeln im Umgang mit dementiell Erkrankten, zum Beispiel Ruhe ausstrahlen, langsam reden, auf Wunsch Körperkontakt halten.
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