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Dtsch Arztebl 2016; 113(37): A-1586 / B-1337 / C-1313


Schicktanz, Silke; Pfaller, Larissa; Hansen, Solveig Lena

Einstellung zur Organspende: Kulturell tief verwurzelt

THEMEN DER ZEIT


Die Zurückhaltung gegenüber einer Organspende in Deutschland lässt sich eher auf kulturelle Einstellungen zum Hirntod und zur Körperlichkeit zurückführen als auf Misstrauen gegenüber dem System: Ergebnisse des Göttinger Organspende-Surveys.

Die Erklärungsansätze in den Medien für die gesunkenen Organspendezahlen greifen zu kurz. Foto: picture alliance/Fotolia masterzphotofo [m]

Das deutsche Transplantationssystem wurde 2012 von zwei Ereignissen geprägt: Neben der Implementierung neuer Regelungen zur Information der Öffentlichkeit über Organspenden berichteten die Medien vor allem über die bekanntgewordenen Skandale bei der Organverteilung. Nach den Skandalen sank die absolute Zahl der postmortalen Spenden – dem Abwärtstrend seit 2010 folgend – weiter (2012: 1.046, 2013: 876) (1). Dies wurde in der Folge der Skandale jedoch als dramatischer Einbruch der Spenderrate gedeutet. Aufgrund der Skandale sei das öffentliche Vertrauen gegenüber dem Transplantationssystem erschüttert und führe zu einer mangelnden Spendebereitschaft innerhalb der deutschen Bevölkerung (25). Diese auf den ersten Blick plausible These wurde dennoch nie ausführlicher geprüft.

Die Göttinger Arbeitsgruppe wollte die Chance nutzen, diese Zusammenhänge grundsätzlich zu hinterfragen, um tatsächliche Einstellungsänderungen und vor allem mögliche Ursachen für eine Skepsis gegenüber der Organspende systematischer zu untersuchen. Dafür führte sie erstmals im Wintersemester 2008/2009 eine umfangreiche Befragung von Studierenden zum Thema Organspende durch (6, 7), im Wintersemester 2014/15 (Kasten) wiederholt. Studierende sind aus zweierlei Sicht – trotz des Bildungsbias – eine besonders relevante Gruppe: Sie sind zum einen laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tendenziell positiver gegenüber der Organspende eingestellt als andere Gruppen (8) und sie stellen als Multiplikatoren eine potenzielle Unterstützergruppe dar (9). Zum anderen scheinen politische und soziale Einstellungen in jungen Jahren auch die Haltung im späteren Leben maßgeblich vorzubestimmen.

Zwei wichtige Befunde aus den Daten sind von allgemeinem Interesse, da sie verbreitete Annahmen infrage stellen: Erstens ist die Bereitschaft zur Organspende sogar eher gestiegen. Zweitens ist eine Nichtbereitschaft zur Organspende vor allem an tieferliegende kulturelle Vorstellungen von Tod und Körperlichkeit und nicht an Misstrauen gegenüber dem System gebunden.

Spendebereitschaft gestiegen

Die Ergebnisse im Detail*: Während in den Medien wiederholt behauptet wurde, dass die Organspendenskandale die Spendebereitschaft negativ beeinflusst hätten, konnte unter den Göttinger Studierenden eine erhöhte Bereitschaft zur Organspende gefunden werden (passive Spendebereitschaft von 58 % auf 75 % gestiegen). Die aktive Spendebereitschaft, also der tatsächliche Besitz eines ausgefüllten Organspendenausweises, hat sich sogar verdoppelt (von 24 % auf 52 %, Grafik). Obwohl Organspendenausweise in Deutschland die Option „Nein” beinhalten, stimmten in unserer Stichprobe 98 % derjenigen, die einen Ausweis besaßen, einer Organspende nach dem Tod zu. Die Anzahl derer, die kein Organ spenden wollen, blieb gleich (von 8 % zu 6 %), wohingegen die Gruppe der Unschlüssigen deutlich kleiner geworden ist (von 34 % zu 19 %). Dieser Trend lässt sich auch in der einzigen bevölkerungsrepräsentativen Studie, durchgeführt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wiederfinden (8). Auch ein Vergleich mit Erlangen zeigt unter den Studierenden keine signifikanten Unterschiede. Die räumliche Nähe zu den Skandalen hatte also keinen Einfluss auf die Bereitschaft, Organe zu spenden.

Die bereits vor den Skandalen vergleichsweise niedrige Zahl von realisierten Organspenden wurde zu diesem Zeitpunkt größtenteils nicht mit fehlendem Vertrauen, sondern mit Unwissenheit der Bevölkerung um den Organbedarf erklärt. Dieser sollte dann auch mit der neuen gesetzlichen Lösung der informierten Einwilligung entgegengewirkt werden (12). Das Interesse am Thema Organspende ist nach 2012 tatsächlich leicht angestiegen: 2014/15 hatten bereits mehr Teilnehmer (55 %) über das Thema Organspende nachgedacht (2008/09: 36 %). Jedoch können Ignoranz oder Desinteresse nicht als Hauptgründe für fehlende Bereitschaft herangezogen werden. So zeigen sich 2015 bei gleicher Spendebereitschaft deutliche Unterschiede in der (angegebenen) Informiertheit zwischen den Göttinger und den Erlanger Studierenden. Während in Göttingen 55 % angaben, bereits über das Thema Organspende nachgedacht zu haben, trifft dies nur für 43 % der Erlanger Studierenden zu.

Da die Skandale fast zeitgleich zur rechtlichen Einführung der Informationslösung stattfanden, ist eine Interferenz zwischen beiden Faktoren nicht auszuschließen. So können sowohl die gezielte Information seitens der Krankenkassen als auch Medienberichte über die Skandale zu einem gestiegenen Bewusstsein über den Organmangel geführt haben.

Akzeptanz des Hirntodkriteriums

Auch die Annahme, erschüttertes Vertrauen in die Transplantationsmedizin führe zu weniger Organspenden, kann mit den Daten hinterfragt werden: Denn sowohl Spendewillige (SW 70 %) als auch Skeptiker (SKEP 68 %) stimmen zu, dass es ein Problem hinsichtlich der gerechten Verteilung von Organen gibt. Nur ein kleiner Anteil der SW (15 %) und der SKEP (10 %) schätzen die Organtransplantation in Deutschland als gut reguliert ein, bei einer signifikant kleineren Zustimmung 2014/15. Wenn sowohl Spendebereite als auch Nichtspender dem Organspendesystem misstrauen, kann mangelndes Vertrauen kaum als Grund für eine Nichtspende herangezogen werden.

Doch welche Faktoren beeinflussen dann die fehlende Spendebereitschaft? Hier stellt die Einstellung zum Hirntod einen nicht zu unterschätzenden Einflussfaktor dar: Signifikant mehr SKEP (20 %) als SW (10 %) drückten Skepsis gegenüber hirntoten Patienten als Organspender aus. Demgegenüber zeigten sich bei der Bewertung von Alternativen wie Lebendorganspende, Xenotransplantation, Stammzell- oder künstliche Organe keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Allerdings teilen SKEP seltener als SW die Idee der Gleichsetzung von Hirntod mit dem Tod des Menschen.

Neben der Einstellung zum Hirntod beeinflussen auch generelle Körperkonzepte die (Nicht-)Bereitschaft zur Spende. So lehnen zwar sowohl SKEP als auch SW ein einfaches „der Körper ist eine Maschine”-Konzept ab (beide 88 %) und bevorzugen ein holistisches Körperkonzept (SW: 83 %, SKEP: 81 %). Jedoch fanden sich interessante Unterschiede zwischen SW und SKEP, sobald nach der Identität der Person und ihre Verbindung zu einzelnen Körperteilen gefragt wurde: SKEP unterstützen stärker als SW die Idee, dass manche Organe die Individualität und Einzigartigkeit einer Person konstituieren und daher nicht transplantiert werden sollten (SKEP: 41 %, SW: 29 %). Damit konsistent waren sie auch eher geneigt, der Idee zuzustimmen, das Herz sei der Sitz der Seele und sollte nicht transplantiert werden (SKEP: 7 %, SW: 3 %). Auch hier gab es keine Unterschiede in Abhängigkeit vom Messzeitpunkt. Zudem wünschen sich SKEP signifikant öfter Informationen über den Charakter des Spenders, sein Geschlecht, Kriminalakte, Beruf, Religion, Nationalität und Hautfarbe.

Spendebereite und Nichtspendebereite unterscheiden sich systematisch hinsichtlich gelebter Körperkonzepte und der Einstellung zum Hirntod, was die vorliegende, von früheren qualitativen Interviewstudien abgeleitete Hypothese (13) bestätigt, dass diese Dimensionen einen großen Einfluss auf die (fehlende) Bereitschaft zur Spende haben können: Nichtspendebereite Personen scheinen den menschlichen Körper nicht nur als materielle, physikalische Bedingung zu sehen, sondern als wichtige Entität, die Identität und Persönlichkeitseigenschaften formt. Folglich ist die Organspende für sie mehr als eine bloße medizinische Prozedur oder eine Frage von altruistischem Verhalten und der Hirntod ein zweifelhaftes Konzept.

Insgesamt zeigt sich, dass die Erklärungsansätze für die gesunkenen Spendezahlen in den Medien zu kurz greifen. Weder hat ein nach den Skandalen gestiegenes Misstrauen zu weniger Spendebereitschaft in der Bevölkerung geführt, noch kann die tatsächlich geringere Spenderate automatisch auf gesunkene Bereitschaft der Bevölkerung zurückgeführt werden. Diese ist nach 2012 deutlich gestiegen – und das ohne rechtlichen Zwang zur Positionierung, der aus ethisch-rechtlicher Perspektive doch Grundrechte auf körperliche und informationelle Selbstbestimmung unterminiert hätte. Die Umfrage bei Studierenden verweist deshalb auf die Notwendigkeit, eine detaillierte Einstellungsforschung auch in der Gesamtbevölkerung durchzuführen. Diese Surveys könnten ein erster Schritt zu der Frage sein, wie mit fundamentalem Dissens öffentlich angemessen umzugehen ist: Wie könnte das Unbehagen an der Organspende in einen gesellschaftlichen, rechtlichen und ethischen Diskurs respektvoll eingebunden werden? Einfache Informationen über den Organbedarf oder Verweise auf sachgerechte Abläufe im Transplantationssystem werden die Spendebereitschaft bei Skeptikern kaum beeinflussen, da sie an grundlegenden Haltungen wenig verändern. Der Versuch, die Spendebereitschaft zu erhöhen, indem man der Öffentlichkeit „mehr Informationen” zugänglich macht, scheint besonders diejenigen zu motivieren, die hinsichtlich einer offiziellen Entscheidung gegenüber unschlüssig, aber insgesamt bereits positiv eingestellt sind. Die Gründe für den Rückgang der realisierten Organspenden sollten systematischer im Transplantationssystem und in den Krankenhäusern gesucht werden, bevor man die Öffentlichkeit moralisch in die Pflicht nimmt und zur Verantwortung zieht.

Prof. Dr. rer. nat. Silke Schicktanz
Dr. phil. Larissa Pfaller
Dr. phil. Solveig Lena Hansen

* Die Studie ist Teil des Forschungsprojekts GZ SCHI 631/7–1, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Göttinger Organspende-Survey

Der sehr umfangreiche Fragenkatalog (7) umfasst 55 Fragenkomplexe in geschlossenem Antwortformat zu Wissen und Interesse an Organtransplantation, und zwar zu Organspendebereitschaft bei postmortaler Spende und Lebendspende, Einstellungen zum aktuellen Verteilungssystem, verschiedenen Modellen finanzieller Anreize, Konzepten von Tod und körperlicher Identität, Alternativen zu menschlichen Organen, prosozialem Verhalten sowie soziodemografischen Daten.

An der Umfragewelle von 2008/09 nahmen 466 Studierende der Medizin und 289 Studierende der Wirtschaftswissenschaften der Universität Göttingen teil (n = 755, 52 % weiblich, 48 % männlich, Rücklauf 80,3 %). Bei der wiederholten Umfragewelle 2014/15 waren es 405 Medizin- und 207 Wirtschaftswissenschaften-Studierende (n = 648, 53 % weiblich, 47 % männlich, Rücklauf 53,1 %). Die Geschlechts-, Alters- und Religionszugehörigkeiten waren in beiden Erhebungen statistisch nicht signifikant unterschiedlich.

2015 wurde die Umfrage zusätzlich an der Universität Erlangen bei Studierenden der Soziologie (n = 202, 78 % weiblich, 22 % männlich, Rücklauf 66,4 %) durchgeführt (ER). So ließ sich testen, ob die Göttinger Stichprobe durch die lokale Nähe zu den Skandalen überproportional beeinflusst wurde. Alle Studierenden beteiligten sich freiwillig an der Umfrage. Sie wurden mündlich und schriftlich über das Ziel der Studie informiert, die Weiterverarbeitung der Daten erfolgte komplett anonym (10, 11).

Nach einem Vergleich der Spendebereitschaft vor und nach 2012 unterscheiden wir spendewillige Personen (SW = Teilnehmer, die ihre Bereitschaft zur Spende mit/ohne Spendenausweis erklären) von nichtspendebereiten Personen (SKEP = Teilnehmer, die erklärt haben, dass sie nicht bereit sind oder nicht wissen, ob sie nach dem Tod spenden wollen). In der Auswertung haben wir SKEP und SW systematisch in ihren generellen Einstellungen verglichen – und fanden innerhalb der Gruppen überzeitlich stabile Muster, die Aufschluss über die tieferen Motive für die (Nicht-)Spende geben.

Abbildungen und Tabellen

Literatur


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