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Politik – 27.03.2017

Gesundheit: E-Health bringt Rollenveränderung

agenturfotografin, stock.adobe.com

Berlin – Neue Wege in der Kommunikation suchte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) beim ersten netzpolitischen Dialog #gesundheitdigital im Museum für Kom­munikation in Berlin. Die Veranstaltung zur Digitalisierung im Gesundheitswesen wurde live über Facebook und Twitter übertragen und bot Nutzern so die Möglichkeit, sich mit Fragen direkt an der Diskussion zu beteiligen. Im Zentrum standen dabei unter anderem die Themen Chancen durch neue mobile Anwendungen und Start-ups, der aktuelle Stand der Telemedizin in Deutschland und die Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

„Wir haben Zeit aufgeholt“, betonte Gröhe mit Verweis auf das E-Health-Gesetz und die dadurch erzielten Fortschritte in der Vernetzung. Derzeit werde die Telematikinfra­struk­tur getestet und zudem die ersten geplanten digitalen Anwendungen wie der elektroni­sche Medikationsplan und die Notfalldaten vorbereitet. Für eine bessere Versorgung sei eine bessere Vernetzung notwendig. „Das Wichtigste ist die Infrastruktur. Wir sind vom Den­ken zum Handeln gekommen.“

Beharrungsvermögen

Dennoch bietet der deutsche Gesundheitsmarkt vor allem für Investoren und Start-ups vielfältige Herausforderungen. Zwar ist das Interesse an dem Riesenmarkt von Gesund­heits-Apps, Wearables und Telemedizin bei den Start-ups groß. Aufgrund der Risiko­aver­sion bei den Investoren hierzulande hätten viele Unternehmen jedoch keine Chance, sagte der Autor Sascha Lobo. Hinzu kommt ihm zufolge die starke Regulierung des deut­schen Gesundheitsmarktes und dessen „Beharrungsvermögen“.

Medizinprodukte würden in Deutschland häufig schneller zugelassen als in anderen Län­dern, meinte demgegenüber Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzen­ver­ban­des. Dennoch gehe es um Versichertengelder und damit um die Frage der Sicher­heit und des Nutzens von Innovationen, die eine sorgfältige Prüfung erforderten. „Wenn die Ge­­meinschaft bezahlt, muss der Einsatz gerechtfertigt werden“, sekundierte auch Gröhe. Immerhin gebe es bereits Apps, die von Krankenkassen bezahlt würden.

Gröhe verwies zudem auf das vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ge­gründete Innovationsbüro, das Start-ups unter anderem im Hinblick darauf berät, ob eine Anwendung als Medizinprodukt einzustufen ist. Die Hausärztin Irmgard Landgraf be­klagte die Unübersichtlichkeit im Markt von Gesundheits-Apps. Informationen, um Patien­ten Apps zu empfehlen, fehlten. „Autorisierte, geprüfte Apps waren schön.“ Jo­han­nes Wimmer, Arzt und Anbieter medizinischer Aufklärungsvideos im Internet, sieht es als Auf­gabe der Fachgesellschaften an, die medizinische Qualität von Apps zu beurteilen. Apps als Medizinprodukte erforderten zudem komplexe Studien.

Mehr Transparenz durch Telemedizin

Aus Sicht der Krankenkassen trägt die Digitalisierung im Gesundheitswesen vor allem da­zu bei, mehr Transparenz zu schaffen und  Patient und Behandler durch mehr Infor­mation zu stärken, so Pfeiffer. Telemedizin umfasse dabei ein weites Feld, wie etwa Vi­deosprechstunden, Telekonsile, die Kontrolle von Patienten mit implantierten Defillibra­toren, den Notfalldatensatz oder die elektronische Patientenakte.  

Derzeit sieht Lobo eine Ungleichzeitigkeit in der Gesellschaft, was die Kompetenz im Um­gang mit der Digitalisierung angeht. Diese sei dadurch gekennzeichnet, dass Teile der Be­völkerung noch nicht so technikaffin sind, wohingegen andere das Netz nutzen, um sich intensiv zu informieren. „Bei Patienten ist ein viel größerer Informationsbedarf, als er derzeit befriedigt werden kann.“

Auch Gröhe konstatierte „Rollenveränderungen im dramatischen Umfang“. Den Umgang mit solchen Patienten müssten die Ärzte schon in der Ausbildung lernen. „Wenn die In­for­mationsmenge gewaltig wächst, müssen die Patienten anders befähigt werden, damit umzugehen, und die Ärzte ebenso.“ Ansätze auf dem Weg zu qualitätsgeprüften In­hal­ten sieht er beispielsweise in Angeboten des Robert-Koch-Instituts, in der Faktenbörse der AOK, in den Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge­sund­­­heits­wesen (IQWiG) et cetera, die künftig in einem Gesundheitsportal verzahnt werden müss­ten.

Kommunikation wird selbst zu Medizin

Während Gröhe davon überzeugt ist, das Gesundheitssystem werde sich auch im Zeital­ter der Digitalisierung organisch weiterentwickeln („ich wünschte mir ja auch mehr Kühn­heit“), sieht Lobo angesichts der Fortschritte der künstlichen Intelligenz eine völlig neue Sphäre von Möglichkeiten am Horizont. Immer mehr Datenquellen können immer besser ausgewertet werden. Dies führe zu der These: „Kommunikation ist selbst auf dem Weg, Medizin zu werden.“ So lassen ihm zufolge intelligente Stimmmusteranalysen inzwischen Rückschlüsse auf den psychischen Zustand von Menschen zu. Postings auf Facebook sollen künftig mit intelligenten Werkzeugen im Hinblick auf mögliche Suizid­gefährdung analysiert werden, damit im sozialen Netzwerk entsprechend darauf reagiert werden kann.

Sein Fazit: Künstliche Intelligenz könne Probleme völlig anders lösen als der Mensch, eine 1:1-Übertragung der klassischen Muster „Patient – Arzt“ werde dem, was inzwi­schen ferndiagnostisch möglich sei, nicht gerecht. Allerdings sei die Gesellschaft auf viele Ent­wick­lungen noch nicht ausreichend vorbereitet.


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