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Medizin – 28.04.2017

Schwangerschafts­diabetes: Neuer Marker übermittelt Vorhersage für Mutter und Kind

Diabetes ist eine der häufigsten Komplikationen in der Schwangerschaft, die für die werdende Mutter wie für das ungeborene Kind ein erhöhtes Gesundheitsrisiko darstellt. / Mediteraneo stock.adobe.com

Boston – Das derzeitige Screening von schwangeren Frauen auf Gestationsdiabetes mellitus (GDM) setzt sich aus einem zeitaufwendigen, zweistufigen Test zusammen (siehe Kasten). Eine einstufige GDM-Diagnose könnte hingegen mithilfe der Messung eines glykierten Markers pGCD59 möglich werden. Die Ergebnisse wurden in Diabetes Care publizert (2017; doi: 10.2337/dc16-2598). Ob die Diagnosemethode tatsächlich eine Alternative zum derzeit präferierten Verfahren ist, müsse sich jedoch erst noch zeigen, teilen die Sprecher der Arbeitsgemeinschaft (AG) „Diabetes und Schwanger­schaft“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) mit.

GDM-Screening - status quo

  • 50-g-Glukose-Screening
    (Glucose Challenge Test, GCT)

    Die Mutterschaftsrichtlinien schreiben eine venöse Blutentnahme zwischen der 24. und 28. SSW vor. Bei dem GDM-Screening trinkt die Schwangere zunächst im nicht nüchternen Zustand 200 Milliliter Wasser mit 50 Gramm Traubenzucker, bevor eine Stunde später der Blutzucker im Venenblut bestimmt wird.
  • 75-g-oraler Glukose-Toleranztest (oGTT)
    Ist das Screening auffällig, muss zeitnah ein oGTT über zwei Stunden im nicht nüchternen Zustand folgen.

Zwischen der 24. und 28. Schwanger­schaftswoche (SSW) konnten Forscher vom Brigham and Women’s Hospital eine schwangerschaftsinduzierte Glukoseintoleranz mit nur einem Test vorhersagen. Dafür hatten die Forscher um Pamela Ghosh 1.000 schwangere Frauen getestet. Die Hälfte davon zeigte keine auffälligen Werte beim GCT (Kontrolle), die andere Hälfte musste aufgrund auffälliger Werte einen oGTT durchführen. Die pGCD59-Plasmawerte lagen bei diesen Frauen etwa 8,5-mal höher als bei den Frauen der Kontroll­gruppe. Diejenigen, bei denen sich die GDM-Diagnose im oGTT bestätigte, hatten sogar zehnmal höhere pGCD59-Werte.

Der pGCD59-Bluttest ermöglichte auch, das Risiko einzuschätzen, ob Kinder besonders groß für ihr Alter zur Welt kommen würden (LGA, large for gestational age). Im Durch­schnitt lag der pGCD59-Wert bei diesen Frauen siebenmal höher als bei jenen, die normalgewichtige Kinder zur Welt brachten. 28 von 58 LGA-Kindern wurden in der Kontrollgruppe geboren, und 45 der Mütter erfüllten nicht die oGTT-Kriterien. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass dieses Risiko nicht nur Frauen vorbehalten ist, die einen positiven GCT haben.

Einen einstufigen Test für das GDM-Screening würde auch die DDG-AG „Diabetes und Schwangerschaft“ begrüßen. Denn das derzeitige Screening habe gewisse Schwächen: „Es ist zeitlich aufwendig und die Sensitivität des Tests ist nicht optimal“, sagt Michael Hummel, Diabetologe in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis in Rosenheim und Sprecher der DDG-AG. Bei GCD59 handle es sich, ähnlich wie beim HbA1c, um ein glykolisiertes Protein. Bereits in einer vorherigen Studie konnte bei Nicht-Schwangeren eine Korrelation zwischen diesen beiden Markern gezeigt werden. Somit wären beide Marker potenziell in der Lage, die GDM-Diagnostik zu vereinfachen, erklärt Hummel.

„Zunächst muss allerdings in einer weiteren, prospektiven Untersuchung gezeigt werden, dass die Sensitivität der neuen Methode mindestens so gut ist wie die des 75g-oGTT“, sagte Hummel dem Deutschen Ärzteblatt. Der GCD59-Wert habe zurzeit noch keine klinische Relevanz, bestätigt auch Ute Schäfer-Graf, ebenfalls Sprecherin der DDG-Ag und Diabetologin am St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin. Außerdem hat die Glukosemessung im Rahmen des oGTTs auch Vorteile: Sie könne mit einer point-of-care-Diagnostik schnell vor Ort in der Praxis des Diabetologen qualitätskontrolliert erfolgen und sei dabei recht preisgünstig, erklärt Hummel. Ob diese beiden wichtigen klinischen Aspekte auch bei der GCD59-Bestimmung per ELISA (Enzyme-Linked Immunosorbent Assay) zu erfüllen sind, scheint derzeit offen.

© gie/aerzteblatt.de

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