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Medizin – 15.06.2017

Typ 2-Diabetes: Broccoli-Pille senkt Blutzucker

Heike Rau - stock.adobe.com

Göteborg – Sulforaphan, Abbauprodukt eines in Broccoli enthaltenen Senföls, hemmt in der Leber die Neubildung von Glukose auf andere Weise als das Antidiabetikum Metformin und könnte deshalb mit diesem in der Behandlung des Typ 2-Diabetes kombiniert werden. Ein Extrakt aus Broccoli-Sprossen hat in einer ersten klinischen Studie in Science Translational Medicine (2017; 9: eaah4477) den Blutzucker bei übergewichtigen Typ 2-Diabetikern gesenkt, bei denen Metformin allein den Blutzucker nicht normalisieren konnte.

Metformin senkt den Blutzucker, indem es in der Leber die Glukoneogenese hemmt. Das Mittel wird heute wegen seiner guten Wirkung und dem geringen Risiko von Unterzuckerungen in der Initialtherapie des Typ 2-Diabetes bevorzugt. Für etwa 15 Prozent aller Diabetiker ist das Mittel nicht geeignet, da eine Nierenfunktionsstörung bei ihnen das Risiko einer Laktatazidose erhöht. Weitere 30 Prozent der Patienten klagen über Blähungen, Übelkeit oder Durchfälle, die die Therapieadhärenz gefährden.

Ein Team um Anders Rosengren von der Universität Göteborg hat deshalb systematisch nach weiteren Wirkstoffen gesucht, die die Glukoneogenese hemmen. Sie analysierten zunächst, welche Gene in der Leber bei Mäusen vermehrt aktiv sind, die an einem metabolischen Syndrom leiden. Diese Kombination aus Adipositas und erhöhten Werten von Blutzucker, Blutfetten und Blutdruck kennzeichnet auch beim Menschen den Typ 2-Diabetes. Diese genetische „Krankheitssignatur“ wurde dann mit dem Einfluss von 3.852 Wirkstoffen auf die Expression derselben Gene verglichen.

Die beste Übereinstimmung wurde für Sulforaphan gefunden. Es handelt sich um einen sekundären Pflanzenstoff. Er entsteht aus Glucoraphanin, einem in Kreuzblüten­gewächsen wie Kohl und Broccoli enthaltenen Senföl. Erste Experimente zeigen, dass Sulforaphan tatsächlich die Glukoseproduktion in Leberzellen vermindert. Auch den Wirkungsmechanismus konnten die Forscher ermitteln. Sulforaphan hemmt über eine Translokation des Transkriptionsfaktors NFF2 die Produktion von Enzymen, die für die Glukoneogenese benötigt werden. Dies ist in erster Linie die Phosphoenolpyruvat-Carboxykinase 1, die Oxalacetat in Phosphoenolpyruvat umwandelt. Sulforaphan hat damit einen anderen Wirkungsmechanismus als Metformin, was die Perspektive einer Kombinationstherapie eröffnet.

Weitere Experimente an Ratten ergaben, dass Sulforaphan sowohl zur Prävention als auch zur Behandlung des Typ 2-Diabetes infrage kommen könnte. 

Da die Sicherheit von Sulforaphan bereits in klinischen Studien geprüft wurde, konnten die Forscher ohne weitere tierexperimentelle Tests mit einer ersten klinischen Studie beginnen. Teilnehmer waren 97 Patienten mit Typ-2-Diabetes, die bis auf drei Personen alle bereits mit Metformin behandelt wurden. 

Die Patienten wurden über 12 Wochen mit einem Pulver behandelt, das als wässriges Extrakt aus Brokkoli-Sprossen gewonnen wurde. Das darin enthaltene Glucoraphanin wird durch Kauen oder unter der Einwirkung von Darmbakterien in Sulforaphan verwandelt.

Die placebokontrollierte Studie ergab, dass das Brokkoli-Extrakt in der Lage ist, den Blutzucker zu senken. Am Ende der Studie hatten die Patienten einen HbA1c-Wert von 50 mmol/l(7,0 Prozent) gegenüber 57 mmol/l (7,37 Prozent) in der Placebo-Gruppe. Der Nüchternblutzucker verbesserte sich von 8,9 mmol/l (160 mg/dl) auf 8,2 mmol/l (148 mg/dl). Die stärkste Wirkung wurde bei adipösen Patienten gefunden, bei denen den HbA1c-Wert trotz Metformin-Behandlung erhöht war. 

Die Studie könnte Patienten mit Typ 2-Diabetes die Perspektive eröffnen, ihren Blutzucker auf „natürliche“ Weise durch die Einnahme eines Pflanzenextrakts zu senken. Ein Nachteil könnte darin bestehen, dass die Umwandlung in Sulforaphan von Patient zu Patient variieren kann. Sulforaphan wird von zahlreichen Herstellern als Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Die präliminaren Ergebnisse der schwedischen Forscher dürften jedoch nicht für eine Empfehlung ausreichen. Die Arzneimittel­behörden dürften für eine Zulassung auf weitere Studien zur Sicherheit und Effektivität drängen.

© rme/aerzteblatt.de

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