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Medizin – 22.06.2017

Lernschwäche: Eine von sechs Frauen versucht sich das Leben zu nehmen

/Petair, stock.adobe.com

Toronto – Frauen leiden stärker unter einer Lernschwäche als Männer. Fast 17 Prozent versuchen sich das Leben zu nehmen. Bei den Männern sind es mit 7,7 Prozent aber ebenfalls deutlich mehr Suizidversuche als bei jenen ohne Lernschwäche. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der University of Toronto im Journal of Learning Disabilities (2017; DOI: 10.1177/0022219417714776). 

Erwachsene, deren Alltag lebenslag durch eine Lernschwäche beeinträchtigt wird, haben eine um 46 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, sich das Leben zu nehmen (11,1 versus 2,7 Prozent). Betroffen sind aber vor allem Frauen. Ohne Lernschwäche lag ihre Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs mit 3,3 Prozent fast 14 Prozent unter denen mit Lernschwäche. Einen weit geringeren Unterschied beobachteten die Forscher um Esme Fuller-Thomson bei Männern (7,7 versus 2,1 Prozent).

Erwartungsgemäß beeinflusste nicht nur das Geschlecht die Odd-Ratio. Auch das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Gewalt in der Familie, Kindesmiss­brauch, das Haushaltseinkommen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Angststörungen und Depressionen führten zu einer Reduktion der Odd-Ratio von 2,2 auf 1,46 (46 Prozent). Auffällig war vor allem der negative Einfluss von wiederholter Gewalt in der Familie vor dem 16. Lebensjahr. Dieser Faktor schwächte den Zusammenhang zwischen Lernschwäche und Suizidversuchen am stärksten (Odd-Ratio: 1,57).

Die Studienautoren gehen daher davon aus, dass Lernschwäche und Gewalt in Familien häufig Hand in Hand geht. Kinder, die Gewalt in der Familie bezeugen mussten, selber Opfer waren oder in ihrer Familie sexuell missbraucht wurden, wachsen vermutlich in einer lernunfreundlichen Umgebung auf, spekuliert die Ko-Autorin Samara Caroll: „Die höheren Stresslevel in einem solchen Zuhause könnten das Kind daran hindern, sich zu konzentrieren oder nach Hilfe zu fragen. Andersherum könnten auch die schlechten schulischen Leistungen zu Streit in der Familie führen, was in Gewalt eskalieren könnte.“

Die Daten stammen von fast 22.000 Menschen, die im Jahr 2012 am Canadian Community Health Survey–Mental Health (CCHS-MH) teilnahmen. Darunter litten 745 Menschen an einer Lernschwäche, wie etwa Dyslexie, Dyskalkulie oder Dyspraxie.

© gie/aerzteblatt.de

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