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Medizin – 24.03.2017

Orale Kontrazeptiva senken langfristig Häufigkeit einiger Krebsarten

Sven Bhren /stock.adobe.com

Aberdeen – Britische Frauen, die Ende der 1960er Jahre zu den frühen Anwenderinnen der Antibabypille gehörten, erkrankten und starben in den folgenden Jahrzehnten seltener an einer Reihe von Krebserkrankungen. Ein Effekt war in einer Kohortenstudie im American Journal of Obstetrics and Gynaecology (2017; doi: 10.1016/j.ajog.2017.02.002) auch nach mehr als vier Jahrzehnten noch nachweisbar.

Die UK Royal College of General Practitioners’ Oral Contraception Study hat seit 1968 eine Gruppe von etwa 23.000 Frauen, die mit oralen Kontrazeptiva eine Schwanger­schaft verhütet hatten, und eine gleich große Vergleichsgruppe begleitet. Erste Ergebnisse hatten 1977 gezeigt, dass vor allem ältere Anwenderinnen und Raucherinnen eine erhöhte kardiovaskuläre Sterblichkeit hatten (Lancet 1977; 2: 727-31). Dies wurde später auf ein vermehrtes Auftreten von thromboembolischen Ereignissen zurückgeführt.

Bei einer späteren Auswertung 13 Jahre später stellte sich heraus, dass sich der Trend zu einer erhöhten Sterblichkeit allmählich umgekehrt hatte. Im Jahr 2007 war die Sterberate der Anwenderinnen sogar um 12 Prozent niedriger als bei den Nichtan­wenderinnen. Ein Team um Philip Hannaford von der Universität Aberdeen führte dies damals auf eine niedrigere Zahl von Todesfällen an Krebserkrankungen zurück: An Darmkrebs waren die Anwenderinnen zu 38 Prozent seltener, am Ovarialkarzinom zu 47 Prozent seltener und am Endometriumkarzinom sogar zu 57 Prozent seltener gestorben (BMJ 2010; 340: c927).

Inzwischen hat sich der Trend zu einer niedrigeren Krebsrate wieder abgeschwächt. Die jüngste Analyse von Lisa Iversen und Mitarbeitern der Universität Aberdeen, dokumen­tiert nach einer Beobachtungszeit von bis zu 44 Jahren eine um 19 Prozent verminderte Darmkrebsrate (Inzidenzrate IRR 0,81; 99-Prozent-Konfidenzintervall 0,66–0,99), eine um 34 Prozent verminderte Zahl von Endometriumkarzinomen (IRR 0,66; 0,48-0,89) sowie eine um 33 Prozent niedrigere Zahl von Ovarialkarzinomen (0,67; 0,50-0,89). Die ehemaligen Anwenderinnen erkrankten auch zu 26 Prozent seltener an Lymphomen oder Leukämien (IRR 0,74; 0,58-0,94). Ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko war nur bei Raucherinnen nachweisbar.

Das erhöhte Risiko auf ein Mamma- und Zervixkarzinom, das in früheren Unter­suchungen gefunden wurde, war laut Iversen bereits fünf Jahre nach dem Absetzen der Pille nicht mehr nachweisbar. Es gebe auch keine Hinweise auf Krebserkrankungen, die als Spätkomplikation erst Jahrzehnte nach der Behandlung auftreten könnten.  

Insgesamt dürfte das verminderte Krebsrisiko den Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der in den ersten Jahren aufgetreten war, langfristig wieder ausgleichen. Wegen der veränderten Zusammensetzung der oralen Kontrazeptiva dürften die Ergebnisse der Studie jedoch nicht ohne weiteres auf heutige Anwenderinnen übertragbar sein.


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