Politik – 25.09.2014

Demonstration in Berlin: Psychotherapeuten fordern angemessene und gerechte Honorare

Berlin – „Psychologen verstehen nicht alles – Honorargerechtigkeit jetzt“ - Mehr als 1.200 Psychotherapeuten und Psychiater sind heute in einem Demonstrationszug vom Pots­damer Platz aus durch das Regierungsviertel, am GKV-Spitzenverband vorbei bis zum Bundesgesundheitsministerium gezogen, um Honorargerechtigkeit für psychothera­peu­tische Leistungen zu verlangen. Historisch einmalig ist der Zusammenschluss aller Verbände der ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugend­lichenpsychotherapeuten, Psychiater und Psychosomatiker. Zusätzlich finden sich auf der Homepage zu dem Aktionstag mehr als 5.000 Solidaritätsbekundungen:

„Seit Jahren sind wir mit großem Abstand die Schlusslichter in der Einkommensskala aller Arztgruppen. Unsere Praxen erwirtschaften ­­- bei gleichem Arbeitseinsatz - nur knapp mehr als die Hälfte des Überschusses somatischer Praxen“, erläuterte Barbara Lubisch, Psychologische Psychotherapeutin (PP) und Vorsitzende der Deutschen Psycho­therapeuten­vereinigung. „Das wollen wir nicht länger hinnehmen“, heißt es auf den Plakaten der Demonstrierenden: „Es reicht“.

„Trotz mehrfacher höchstrichterlicher Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (BSG) verweigern die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereini­gungen (KVen) die uns zustehenden Honorare“, kritisierte Lubisch. Die Urteile des BSG besagen, dass es Psychotherapeuten bei maximalem Arbeitseinsatz, das heißt 51 Stunden in der Woche, möglich sein muss, soviel zu verdienen, wie der Durchschnitt der somatisch tätigen Fachärzte. Tatsächlich lagen die Überschüsse (Umsatz minus Praxiskosten vor Steuern und Versicherungen) bei vergleichbarer Wochenarbeitszeit zum Beispiel im 1. Quartal 2013 bei rund 13.000 Euro, während die Überschüsse aller Arztgruppen im Durchschnitt bei rund 26.400 Euro lagen. Das geht aus dem Honorarbericht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, 1/2013 hervor.

„Die sprechenden, personenintensiven Leistungen müssen gestärkt werden“
„Die Politik fordert eine ausreichende Versorgung mit psychotherapeutischen und psychiatrischen Leistungen, gibt uns die Mittel und Strukturen, die wir dafür benötigen, aber nicht an die Hand“, beklagte Jürgen Doebert, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp). Er forderte eine grundlegende Veränderung der Systematik im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM): „Die sprechenden, zeitgebundenen und personenintensiven Leistungen müssen gestärkt werden.“

Notwendig sei zudem, dass der Bewertungsausschuss Beschlüsse zur angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen ab 2009 gemäß den BSG-Urteilen fasse, sagte der bvvp-Vorsitzende. Das paritätisch von GKV-Spitzenverband und KBV besetzte Gremium hatte am 18. Dezember 2013 beschlossen, die Angemessenheit der Vergütung bis zum 30. Juni 2014 überprüfen zu wollen. „Der Bewertungsausschuss prüft derzeit, wie und in welcher Höhe es um etwaige Nachzahlungen für die Psychotherapeuten bestellt ist“, erklärte der Pressesprecher der KBV, Dr. Roland Stahl.

Die beiden Verbandsvertreter gehen davon aus, dass eine Überprüfung der Vergütung ab 2009 durch den Bewertungsauschuss rückwirkend zu Nachzahlungen führen würde, die die KVen aus den Rückstellungen finanzieren müssten. Das würde zu Unmut führen. „Um Nachzahlungen zu vermeiden, fordern wir vom Gesetzgeber festzuschreiben, dass die  Angemessenheit unserer Honorare jährlich überprüft wird“, verlangte Lubisch.

„Etwas ist faul in Deutschland, wenn Psychotherapeuten und Psychiater für eine angemessene Bezahlung ihrer Leistungen auf die Straße gehen müssen“, sagte Frank Bergmann, Vorsitzender des Spitzenverbandes ZNS. Ein therapeutisches Gespräch müsse besser bewertet werden als bisher. Der Psychiater und Neurologe  beklagte die „beschämende Geiz-ist-geil-Mentalität“, mit der psychisch Kranke und die sie behan­delnden Ärzte und Therapeuten immer noch systematisch benachteiligt würden.

Mehr Honorar für eine flexible Versorgung von Kindern und Jugendlichen
Auf das hohe Maß an Flexibilität, das Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in der täglichen Arbeit mit psychisch kranken Kindern, deren Eltern und dem System aus Schule, Jugendamt, Jugendgericht, Heim, Klinik und anderen Institutionen aufbringen müssen, wies Werner Singer hin, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V.. „Für die qualitativ hochwertige Versorgung psychisch kranker Kinder wollen wir angemessen und gerecht vergütet werden“, forderte er.

Der Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands e.V. (BPM) unterstützt die Forderungen des Aktionstages Psychotherapie nach einer besseren Vergütung der Richtlinien-Psychotherapie. „Das reicht aber nicht aus, da für eine bessere Versorgung psychisch Kranker auch eine bessere Vergütung psychosomatischer Gesprächsleistungen erforderlich ist“, sagte der Vorsitzende des BPM, Herbert Menzel. Die deutliche Unterfinanzierung der sprechenden Medizin sei nicht länger hinnehmbar.


Leserkommentare

isnydoc am Dienstag, 30. September 2014, 09:09
Der Himmel über Berlin - lauter honorige, honorargerechte?
Gerechter Himmel! Was fordern die da?
Schauen wir mal ins Grundgesetz zur Gerechtigkeit ...
Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Na ja ... da wird wohl nur für Deutschland etwas "Gerechtes" gefordert und nicht für die Welt.
Götz Braun am Freitag, 26. September 2014, 18:04
Wozu diese Demonstration?????
In Berlin waren wir von den beiden maßgeblichen Berufsverbänden BVVP und DPTV aufgerufen, für angemessene Honorare zu demonstrieren.
Das verstehe ich nicht. Schließlich stellt doch seit 1999 Jahr für Jahr das BSG "im Auftrag von BVVP und DPTV" klar, was angemessen ist. Das BSG hat quasi Gesetzeskraft. Also warum dann dafür auch noch demonstrieren?
Die beiden Verbände (BVVP und DPTV) begnügen sich in ihrer berufspolitischen Anspruchsbildung seit 1999 doch genau damit, dass sie für "Klarstellung" durch das BSG sorgen. Mehr aber auch nicht. Mit dem bekannten Ergebnis, das in Berlin per Demo eingefordert wurde. Schon etwas schräg.
Dass jetzt die Sache mit dem Bewertungsausschuss noch passiert ist, ändert doch an dieser Sache nicht wirklich etwas.
Gut, wenn die Manipulationen durch die KVen im Bewertungsausschuss irgendwann einmal doch korrigiert werden, dann wird es wohl Nachzahlungen geben.
Aber!!!!
Das wird sich alles INNERHALB der "BSG-Norm" bewegen. Ihr wisst, das ist die Sache mit der Angemessenheit. Dann kommen vielleicht 90 EUR bei raus. Und dafür sollten wir demonstrieren???? Ich war nicht dabei. Ich würde für andere Ziele auf die Straße gehen aber nicht für diese.
Ein Vergleich auf Augenhöhe mit dem Durchschnitts-KV-Arzt würde ein Honorar von 180 EUR zur Folge haben. Dafür wäre ich auf die Straße gegangen. Und übrigens: um nur auf das Einkommen eines angestellten Psychotherapeuten zu kommen müssten es schon 130 EUR sein.
Wer also hat wirklich Schuld an unserem Honorardesaster??
Es sind unsere Berufsverbände, die sich nicht trauen Ansprüche, jenseits einer BSG-Angemessenheit zu definieren. Die sich nicht trauen, mit einer klaren Forderung auf einer Demo zu beeindrucken, stattdessen mit schwammige Angemessenheitsforderungen aufwarten, die doch unsere Realität sind. Auch auf der Demo wurde doch lediglich verlangt, dass die BSG-Norm umgesetzt wird.
Wer diesen merkwürdigen Anspruch der Verbände als verbandsinterne Kritik äußert, dessen Botschaft wird als Querulantentum im Keim erstickt.
Was wir wirklich brauchen sind mächtige Argumente. Warum zum Beispiel wird das haarsträubend ungerechte BSG-Urteil nicht in Karlsruhe überprüft? Warum werden keine Machbarkeitsstudien erhoben zur Frage der Alternative zur KV-Zugehörigkeit? Warum sucht man nur für diese Demo den Schulterschluss mit den Ärzten? Warum sucht man nicht nach Koalitionen mit den anderen benachteiligten Fachgruppen innerhalb der KV-Parlamente (alle unterhalb des KV-Durchschnitts). Und das wichtigste, warum fragt man uns nicht mehr in regionalen Podiumsdiskussionen, zu welchen Schritten wir bereit wären? Was richtig ist in der Anspruchshalten generiert einzig und allein die Selbstherrlichkeit der Verbandsspitzen.
Solange wir nur darauf warten, dass irgendwelche Gremien oder Gerichte das Problem löst, wird sich nichts aber auch gar nichts ändern.
Ich plädiere daher für einen Neuanfang auf den Vorstandsebenen in BVVP und DPTV auf Bundes- und Landesebene und einer flächendeckenden Befragung aller Kolleginnen und Kollegen in Podiumsdiskussion zur künftigen berufspolitischen Anspruchshaltung der Gesamtgruppe der Psychotherapeuten.
Im Übrigen halte ich es für dringlich geboten, beide Verbände unter einem Dach zu einen.

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