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Der Anstieg des globalen Antibiotika­verbrauchs

Montag, 23. April 2018
Der Anstieg des globalen Antibiotika­verbrauchs

Am 28. September 1928 beobachtete Alexander Fleming, dass versehentlich auf einen Nährboden für das Anzüchten von Bakterienkulturen gelangte Pilzkulturen in ihrer Umgebung das Wachstum der Bakterien verhinderten; weitere Untersuchungen führten zur Entdeckung des Penicillins. Erst 1941 jedoch, mehr als zehn Jahre nach dieser Entdeckung, fand der erste klinische Test mit Penicillin an menschlichen Probanden statt.

Mittlerweile, fast 90 Jahre später, sind Penicilline noch immer wichtige Antibiotika, aber viele weitere Klassen mit anderen und teilweise deutlich breiteren Wirkspektren sind hinzugekommen und ermöglichen so die Therapie und die Heilung vieler Infektionserkrankungen. Die Erreger aber wandeln sich, sie entwickeln Abwehr­mechanismen und Resistenzen, und so sind in einer steigenden Zahl von Fällen vormals geeignete Antibiotika zunehmend unwirksam. Ein Grund für diese Entwicklung ist die übermäßige, unkritische und in vielen Fällen nicht indizierte Gabe von Antibiotika oder die Auswahl der falschen Wirkstoffklasse.

Die WHO hat dieses Problem erkannt und einen „globalen Aktionsplan“ aufgestellt (Global Action Plan on Antimicrobial Resistence), der fünf Ziele benennt, die der Entwicklung zunehmender Resistenzen und damit einhergehend zunehmender Unwirksamkeit spezifischer Antibiotika entgegenwirken sollen. Zu diesen Zielen zählen Aufklärung und Training, Überwachung und Optimierung des Einsatzes von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin, Überwachung der Resistenzentwicklung, effektive Prävention und Hygienemaßnahmen und die Förderung der Erforschung neuer Medikamente.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass in den vergangenen Jahren der weltweite Antibiotikaverbrauch deutlich zugenommen hat. Der weltweite Gesamtverbrauch von Antibiotika (in definierten Tagesdosen, defined daily doses, DDD) stieg zwischen 2000 und 2015 um 65 Prozent, die Antibiotikaverbrauchsrate (also die verbrauchte Menge in DDD pro 1.000 Einwohner pro Tag) stieg um 39 Prozent.

Diese Entwicklung war jedoch nicht in allen Ländern und Regionen einheitlich; der Anstieg ist überwiegend durch einen gesteigerten Verbrauch in den Ländern niedriger und mittlerer Einkommen (low- and middle-income countries, LMICs) erklärt. Während in den wohlhabenden Ländern hoher Einkommen (high-income countries, HICs) die Verbrauchsrate zwischen 2000 und 2015 sogar leicht um sechs Prozent sank, steigerte sich die Verbrauchsrate in den LMICs um 77 Prozent.

In LMICs korreliert der gesteigerte Antibiotikaverbrauch mit dem Pro-Kopf-Brutto­inlands­produkt, also mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes. Eine mögliche Erklärung dieser Beobachtung ist, dass Antibiotika für Menschen mit zunehmendem Wohlstand eher finanzierbar werden und bereits zuvor notwendige, aber nicht bezahlbare Medikamente, durch steigenden Wohlstand dann erschwinglich werden. Ebenso ist denkbar, dass die mit wirtschaftlicher Entwicklung einhergehende zunehmende Urbanisierung zur Ausbreitung von Infektionserkrankungen führt, die antibiotisch behandelt werden.

Es ist bekannt, dass ein insgesamt gesteigerter Verbrauch von Antibiotika mit der Entwicklung zunehmender Resistenzen einhergeht. Die Betrachtung des Gesamt­verbrauchs oder auch des Verbrauchs einzelner Stoffklassen erlaubt jedoch keinen ausreichenden Überblick über die Situation, denn entscheidend ist der zielgerichtete und indizierte Einsatz der richtigen Medikamente in korrekter Dosierung und über eine ausreichende Therapiezeit.

Vermutlich aber deutet ein im Landesvergleich zwischen Spanien und Deutschland etwa doppelt so hoher Pro-Kopf-Verbrauch von Antibiotika in Spanien oder ein im Landesvergleich zwischen Deutschland und den Niederlanden deutlich höherer Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland auf einen Handlungsbedarf mit dem Ziel der Optimierung und Rationalisierung des Antibiotikaeinsatzes hin, denn zwischen diesen Ländern werden in der Epidemiologie der Infektionskrankheiten nicht so große Unterschiede bestehen, wie sie der unterschiedliche Antibiotikaverbrauch suggerieren würde. Der globale Aktionsplan der WHO gibt die Schritte vor, die weltweit umgesetzt werden sollten.