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Der Mann, der Dr. Schiwago war

Dienstag, 3. April 2018
Der Mann, der Dr. Schiwago war

Des öfteren berichtete ich schon, dass das Büchlein „Der Arzt im Schachspiel“, welches auf den mittelalterlichen Mönch Jakob von Cessolis zurückgeht, bei den Ärzteturnieren am Buchstand von Manfred und Monika Mädler ein notorischer Ladenhüter ist. Da hilft ihm auch nichts, dass das „Buch der Sitten der Menschen und der Pflichten der Vornehmen und Niederen, vom Schachspiel abgeleitet“ (Liber de moribus hominum et officilis nobilium ac popularium super ludo scaccorum) das am weitesten verbreitete Buch des Spätmittelalters nach der Bibel war.

Dies konnte den promovierten Chemiker Dr. Michael Negele, der für uns freilich vor allem ein hervorragender Schachhistoriker ist, beim letzten Ärzteschachturnier in Bad Homburg (das diesjährige findet ebenfalls dort vom 13. bis 15. April statt, wobei Michael Negele – wiederum mit meiner Assistenz am Demo-Brett – über den deutschen Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker [1868–1941] sprechen wird, dessen Geburtsjahr sich heuer zum 150. Mal jährt) indes nicht davon abhalten, über berühmte „Ärzte im Schachspiel“ zu sprechen. Sei es der Plural im Titel, der Biographisches statt allgemeiner Betrachtungen versprach, sei es seine launige Art, der Vortrag kam jedenfalls weit besser an als die im Übrigen sehr schöne mittelalterliche Monographie.

Ein „Fake“-Arzt: Dr. med. Johannes Hermann Zukertort

Im Januar nahm ich mir dabei aus dem Reigen der schachspielenden Ärzte den genialen, aber höchst fragwürdigen „Kollegen Dr. med.“ Johannes Hermann Zukertort (1842–1888) vor, der nichtsdestoweniger sicher einer der größten Schachmeister seiner Zeit war, allerdings im ersten WM-Kampf der Schachgeschichte 1886 gegen Steinitz verlor. Wohl studierte er nachweislich in Breslau Medizin, beendete das Studium aber nicht, von einer Promotion ganz zu schweigen.

Ein „richtiger“ Arzt: Dr. med. Fedor Bogatyrtschuk

Diesmal sei zur Abwechslung an einen „richtigen“ Arzt erinnert, Dr. med. Fedor Bogatyrtschuk (1892–1984). Mit einem vielleicht nicht weniger abenteuerlichen Leben als jenes Zukertorts, wie Michael Negele darlegte.

Das Schachspiel erlernte Fedor, der früh seinen Vater verloren hatte, erst im Alter von 15 Jahren. Für einen künftigen großen Schachmeister außergewöhnlich spät, schließlich besagt des ehemaligen Weltmeisters Karpow Diktum, dass man es spätestens bis zum zehnten Lebensjahr erlernt haben muss, will man später mit der Elite mithalten.

Doch schon mit 17 Jahren gewann er erstmals die Meisterschaft seiner Heimatstadt Kiew, übrigens vor Efim Bogoljubow, der in den 30er-Jahren mit Aljechin um die Weltmeisterschaft spielen sollte. In den 20er- und 30er-Jahren spielte er erfolgreich bei UDSSR-Meisterschaften mit, sein größter Triumph war 1927 der mit Romanowski geteilte erste Platz vor Botwinnik und Dus-Chotimirski.

Doch just mit dem ehemaligen Weltmeister Mihail Botwinnik und dessen Förderer Nikolai Krylenko, einem großen Schachliebhaber, aber auch gefürchteten Chefankläger in der Stalinzeit, sollte Bogatyrtschuk große Probleme bekommen.

Ein gefährlicher Konflikt

Viermal traf Bogatyrtschuk im Lauf seiner Schachkarriere auf den späteren Weltmeister Botwinnik, der freilich schon damals in der Sowjetunion hochgeschätzt war und entsprechend gefördert wurde. Dreimal gewann Bogatyrtschuk, nur einmal ließ er ein Remis zu.

Besonders schmerzvoll war Botwinniks Niederlage beim großen Internationalen Turnier in Moskau 1935. „Hier sollte die Überlegenheit der Arbeiterklasse mit einem Turniersieg von Botwinnik demonstriert werden“ (André Schulz in „de.chessbase.com“ am 27. November 2017), aber wegen der Niederlage gegen Bogatyrtschuk musste sich Botwinnik den Turniersieg vor Lasker und Capablanca mit Salo Flohr teilen.

Nach Bogatyrtschuks Sieg kam Nikolai Krylenko, Freund und Kampfgenosse von Lenin (übrigens auch ein Schachspieler) und Präsident der Schachföderation, auf Bogatyrtschuk zu und bedeutete ihm: „Du wirst nicht noch einmal gegen Botwinnik eine Partie gewinnen!“ Gesagt, getan – er wurde nie mehr zu einem Turnier mit Botwinniks Teilnahme eingeladen.

Von Krylenko stammt übrigens auch der Ausspruch: „Es reicht nicht, wenn man die Schuldigen hinrichtet, erst wenn man ein paar Unschuldige erschießt, sind die Leute beeindruckt.“ Doch wie so oft fressen solche Regimes, ebenso wie Revolutionen, ihre Kinder: Nur drei Jahre später sollte Krylenko 1938, im Rahmen einer stalinistischen Säuberungsaktion, just dieses Schicksal ereilen.

Als später der ehemalige sowjetische Weltmeister Boris Spassky (der 1972 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges das „Jahrhundert-Match“ gegen den Amerikaner Bobby Fischer verlor) Bogatyrtschuk in Kanada kennenlernte und seinem Vorgänger Mihail Botwinnik gegenüber äußerte, was für ein netter und interessanter Mensch dieser doch sei, war dessen Antwort höchst unerwartet: „Ich würde diesen Mann eigenhändig auf dem Marktplatz der Stadt aufhängen!“

Bogatyrtschuks ärztliche Karriere

Verlassen wir das gefährliche Schachpflaster und wenden uns Bogatyrtschuks medizinischer Laufbahn zu, schließlich war der drahtige, kleine Mann mit einem ungewöhnlich großen Kopf nicht nur schachlich ehrgeizig.

Nach dem Studium der Medizin in Kiew erhielt er 1917 die Approbation und spezialisierte sich bald auf dem Gebiet der Radiographie, insbesondere der röntgenographischen Altersbestimmung von Knochengewebe und der Bekämpfung von Krebserkrankungen. Ende des 2.Weltkriegs trat Bogatyrtschuk der „Russischen Befreiungsarmee“ unter General Wlassow bei, die an der Seite der Deutschen Wehrmacht gegen die Rote Armee kämpfte. Nach Kriegsende wurde er natürlich als Staatsfeind betrachtet, seine Partien wurden aus den sowjetischen Lehr- und Turnierbüchern getilgt.

Doch konnte er sich rechtzeitig nach Deutschland in Sicherheit bringen und spielte hierzulande Turniere unter dem Pseudonym „Bogenhols“, 1949 emigrierte er mit seiner Familie nach Kanada. Dort fasste er schnell Fuß, lehrte an der Universität von Ottawa als Professor für Röntgen-Anatomie und veröffentlichte zahlreiche medizinische Studien. 1955 wurde er von der Britischen Radiologischen Gesellschaft mit der Barclay-Medaille ausgezeichnet, 1960 wurde er Ehrenmitglied der Kanadischen Radiologischen Gesellschaft.

Also auch ein erfolgreiches ärztliches Leben.

Der Mann, der Dr. Schiwago war

Da fehlt nur noch, dass Bogatyrtschuk auch Vorbild für die Romanfigur des Dr. Schiwago von Boris Pasternak, selbst ein guter Schachspieler, war, wie der kanadische internationale Meister Lawrence Day (mit dem ich selbst einmal bei einer Schacholympiade spielte) offenbarte – Day war ein „Schachschüler“ von Bogatyrtschuk.

Für diesen Roman, der in der Zeit des Ersten Weltkriegs und des Bürgerkriegs nach der Oktoberrevolution spielt und eindrücklich die Not der Menschen in dieser Zeit beschreibt,  erhielt Pasternak 1958 den Literatur-Nobelpreis, durfte diesen aber auf Druck der sowjetischen Regierung nicht annehmen. Die spätere Hollywood-Verfilmung wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet.

Eine fantastische Mattkombination

Zum Abschluss noch eine herrliche Mattkombination Bogatyrtschuks gegen Kopaev aus seinem letzten Turnier in Kiew 1938.

(wKh1, Dg3, Td1, Td3, Lb2, Lf3, Sd4, Sd5, Ba3, b3, c2, g2, h2;

sKg8, Db8, Tc5, Td8, Lc8, Lf4, Sb6, Ba6, b5, e6, f7, g7, h7)

Wie zerrte Bogatyrtschuk als Weißer am Zug den schwarzen König unter Blitz und Donner aus seinem scheinbar sicheren Unterschlupf und setzte diesen in vier Zügen matt?

Lösung zeigen

Nach dem Damenopfer 1.Dxg7+! Kxg7 zwang das Abzugs-Doppelschach 2.Sxe6++ den schwarzen Monarchen noch weiter ins Freie: 2...Kh6, weil es bei 2...Kg8 3.Se7 gleich matt gewesen wäre. Nun kam indes das Ende mit 3.Lg7+ Kg6 4.Se7 matt.