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Börsebius – 13.04.2017

Märchenerzähler

Von einem Leser bin ich auf ein, wie er sagte, sagenhaftes Researchunternehmen für Aktien hingewiesen worden. Tolle Gewinnmöglichkeiten würden dort angepriesen. Das habe ich mir dann auch gleich mal angesehen. Also: Das Unternehmen heißt „Bulle&Bär Research“, dahinter steckt eine in Großbritannien (Kenilworth) domizilierende Gesell­schaft (Ltd.). Allerdings sind auf der Internetseite weder eine Telefonnummer noch ein Ansprechpartner zu finden, was mich an und für sich schon sehr misstrauisch macht.

Die Researchberichte, von Bulle&Bär Research als „Artikel“ bezeichnet, haben es wirk­lich in sich. Sapperlot aber auch. In der jüngsten Ausarbeitung wird mit der „International Cobalt Corp.“ eine Aktie als „Strong Outperformer“ irre positiv besprochen, sage und schreibe 575 Prozent seien hier möglich. Der pure Wahnsinn. Kurios auch, dass in der Ausarbeitung selbst nicht Bulle&Bär Research als Autor genannt wird, sondern eine „AC Research“, auf die aber im weiteren Verlauf nicht mehr Bezug genommen wird.

Genauso famos lesen sich auch die vorangegangenen Aktienstudien beziehungsweise Artikel. Am 10. April wird der Aktie „Power Metals Corp.“ eine Kurschance von 1.090 Pro­zent bescheinigt. Begründung: die beste Lithium-Technologie mache dies möglich. Autor ist wiederum AC Research. Und Anfang April berichtet AC Research von mögli­chen „Riesendeals“ bei „Green Tree Therapeutics“, die demnächst in „Winston Resources Inc.“ im Rahmen eines sogenannten Reverse-Take-Overs übergehen sollen. Die Gesellschaft sei im hochlukrativen Cannabis-Geschäft unterwegs. Die hier aufgeru­fene Gewinnhausnummer lässt sich auch sehen: lockere 431 Prozent. Und so weiter. Und so weiter.

Doch der Wahnsinn ist durchaus noch steigerungsfähig. Wer also mutig zur Tat und somit zum Kauf schreiten will, sollte (neben den allgemeinen Risikohinweisen) dringend den Hinweis über etwaige Interessenkonflikte gemäß § 34 WpHG (Wertpapier­handels­gesetz) auf der Internetseite von Bulle&Bär Research studieren. Dort steht nämlich unmiss­verständlich, dass die Studie, hier als „redaktionelle Besprechung“ tituliert, etwa von dem betreffenden Unternehmen in Auftrag gegeben wurde. Das ist jetzt nicht ganz so verblüffend, war ja fast schon zu erwarten.

Krasser ist allerdings der Hinweis, dass die Auftraggeber dieser Studie zu „bedenken“ geben, dass sie sich „in naher Zukunft“ „von eigenen Aktienbeständen“ etwa in der „International Cobalt Corp.“ trennen und damit „von steigenden Kursen der Aktie profi­tieren werden“. Völlig seltsam, dass hier auch noch eine bisher nicht benannte „aktien­check.de AG“ namentlich als Konfliktbeteiligter genannt wird. Aber sei’s drum. Klarer kann man meines Erachtens in den beschriebenen Interessenkonflikten eine in meinen Augen offensichtliche Schurkerei nicht beschreiben. Wer sich darauf einlässt, muss also schon ziemlich blauäugig sein. Oder verzweifelt nach Rendite gieren. Oder beides.

Mich erstaunt echt, wie es in Deutschland immer noch möglich ist, mit solchen Räuber­methoden unbedarften und gutgläubigen Anlegern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Trotz eines riesigen Bündels an neuen Anlegerschutzvorschriften ist so etwas wie der Trick über Aktienempfehlungen mittels blumiger Researchberichte bei gleichzeitigem Vorkaufen der Aktie immer noch möglich. Und später heißt es dann ungeniert Kasse machen. Man muss es dem Anleger nur irgendwie zwischen den Zeilen mitteilen, dass eben die beschriebenen „Interessenkonflikte“ nach § 34 WpHG vorlägen. Soll damit der Anleger dann ausreichend geschützt sein? Könnte durchaus sein, dass der Gesetz­geber in dieser Hinsicht schlampig arbeitete, weil er solche Machenschaften nicht schlicht und ergreifend verboten hat. Punktum.

Wenn Leute Märchen erzählen, muss das nicht unbedingt ein großer Aufreger sein. Wenn sie das allerdings tun, um böse Absichten zu kaschieren, ist das echt verwerflich. Wer im seriösen Mantel (Research) umherstreift und am Ende doch nur (über Vorkäufe von wem auch immer) die Leute über den Tisch ziehen will, ist in meinem Augen bloß ein Wolf im Schafspelz. Wem jetzt Halunke in den Sinn käme, läge vermutlich nicht falsch.


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