8/304

Vom Arztdasein in Amerika – 30.03.2017

Belastung durch die Babyboomergeneration

Diesen Text möchte ich nicht als Angriff auf die Babyboomergeneration verstanden wissen, sondern als Beobachtung eines Einzelnen, als Wahrnehmung aus der Sicht einer Person, die geburtstechnisch irgendwo zwischen Generation X und Generation Y steht.

Manchmal frage ich mich nach dem Grund für mein Interesse an der Geriatrie. Der Alterungsprozess und wie man diesen verlangsamen kann, ist einer davon, die kom­plexen Interaktionsmuster der alternden und immer weniger funktionierenden Organe und jene Detektivarbeit, diese Dysfunktionalitäten zu entdecken, um sie zu einer besse­ren Harmonie zurückzuführen, ein anderer.

Ein weiterer sehr wichtiger Grund ist für mich aber auch meine Affinität gegenüber einer bestimmten Denkweise, die ich an der älteren Generation sehr zu schätzen gelernt habe, wohl zum Teil aus meiner Biografie als Spross einer kinderreichen und im Süddeutschen zum Teil verwurzelten Familie zu erklären.

In der Geriatrie treffe ich zwar auf alle Menschen, die älter als 65 sind, vor allem aber auf diejenigen jenseits der 80. Die häufigsten Geburtenjahrgänge sind die der 1920er- und 1930er-Jahre, also Menschen, die in den USA die Große Depression und einige Aspekte des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, also Entbehrungen in diesem doch sonst immer so reichen Land zu erdulden hatten.

Diese älteren Menschen kommen mir bescheiden, sparsam, geduldig und werteorien­tiert vor. Die große Mehrheit nahm keine Drogen, rauchte nicht in ihrer Jugend und trank nur zu besonderen Anlässen Alkohol (immerhin war Alkohol offiziell von 1920 bis 1933 in den USA verboten). Man heiratete früh und hatte so viele Kinder, wie Gott es ermöglichte beziehungsweise einem aufbürdete, man lebte brav und arbeitsam in seiner Region, nur selten diese verlassend und dann meistens auf Geheiß der Regierung (Wehrdienst) oder wegen des Partners (Heirat). Der Arbeitgeber blieb der gleiche ein Leben lang, und wenn die Kinder das Haus verließen, wurde irgendwann das Haus verkauft und man zog entweder zu den Kindern oder, um sie nicht zu belasten, in betreu­tes Wohnen.

Das sind die Lebensgeschichten dieser von mir oft in der Geriatrie behandelten US-Ameri­kaner. Verschreibe ich ein Medikament, so gibt es kein Hinterfragen, außer ihre Kinder sind anwesend und wollen es erläutert haben, meine Autorität wird so wenig hinterfragt, wie die der Krankenschwester, des Pfarrers oder des Präsidenten, und auch wenn Symptome derart fortgeschritten sind, dass man die Inkontinenz des Patienten riecht oder die Schmerzen beim Aufstehen sieht, so wird das nur dann angesprochen, wenn die Zeit des Arztes es erlaubt, und es sittlich ist.

Natürlich übertreibe und vereinfache ich hier eine große Gruppe an Menschen, aber mit wenigen Ausnahmen entspricht das meiner Alltagserfahrung. Wie anders wirken da die Babyboomer, also jene Menschen, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden und die mittlerweile Anfang 50 bis Anfang 70 sind?

Ich begegne ihnen als Geriater nur selten, aber wenn ich als Allgemeininternist gele­gent­lich aushelfe, dann doch häufiger, so auch kürzlich im Mittleren Westen in einem kleinen Landkrankenhaus: Eine Person hatte sich die Rippen gebrochen und kam zur Schmerzeinstellung auf Station, eine andere war verwirrt als Folge von zu vielen Medi­kamenten, eine dritte hatte Lungenentzündung und eine vierte hatte entgleisten Dia­betes, alles zum Glück nicht sonderlich lebensgefährliche Erkrankungen. All diese Patienten waren zwischen 50 und 65 Jahre alt, passten also definitionsgemäß in die Kategorie der Babyboomer.

Wie anders war der Umgang mit ihnen im Gegensatz zu den Älteren, den 80- und 90-Jährigen. Diese Babyboomergeneration schien fordernder, hatte mehr Fragen an mich und hinterfragte zwar nicht meine Autorität, aber doch meine Anordnungen, und obwohl manche von ihnen schon im Ruhestand waren, wirkten sie hektisch und getrieben, so als wäre ihr Terminkalender zum Bersten voll. Die Behandlung konnte ihnen manchmal nicht schnell genug gehen und jeder Tag, den sie im Krankenhaus zu verbringen hatten, schien für sie einer zu viel. Dass ich als Arzt mehr als 100 Wochenstunden dort arbeite­te, dass ich der Alleinige auf Station war, das war für sie alles sekundär, denn es ging um sie und ihre Genesung, sie waren krank und hatten Ansprüche an mich als ihren Arzt.

Ich bot aus ihrer Sicht ihnen nicht etwas Besonderes, sondern eine Dienstleistung, wie so viele andere, die sie erhalten, an, eine, worauf sie ein Anrecht hatten und bei der sie Forderungen an mich stellen durften, denn sie bezahlten mich, zwar nur indirekt durch ihre Krankenversicherungsbeiträge, aber immerhin. Ihr Mobiltelefon beziehungsweise Laptop hatten sie meistens zur Stelle, um Fragen oder Informationen nachzuschlagen, tippten das auch oft gleich während der Visite ein beziehungsweise ließen mich via Lautsprecher mit ihren Partnern kommunizieren, um Fragen zu erörtern.

Sie wollten die Kontrolle über ihre Behandlung haben, forderten Informationen zum Teil über Detailfra­gen, wollten an ihren Entscheidungen maßgeblich beteiligt sein, waren also klarer ich-bezogen in der Zuteilung der Ressourcen und sahen das Krankenhaus und ihr Zimmer weniger als offenes Gut, welches ihnen zur Verfügung gestellt wurde, denn als etwas, worauf sie ein Recht hatten und das sie nach ihrem Gutdünken individuell gestalten konnten. Als ich einmal eine Patientin im Nebenzimmer eines solchen Babyboomer­patien­ten nachts intubieren musste, beschwerte er sich am nächsten Tag über den nächtlichen Lärm, gerade so, als wäre er im Hotel und wir müssten uns an Lärmbegren­zungen seinetwegen halten.

Ich habe stets Respekt vor Kranken und toleriere die unterschiedlichsten Persönlich­keiten, aber gelegentlich war ich dann doch genervt, dass ich für nicht so schwer wirken­de Erkrankungen mehr Zeit aufbringen musste, als für einige ältere und schwerer kranke andere Patienten. Vor allem stellte sich mir folgende Frage: Was passiert mit unserem Gesundheitswesen, wenn diese Menschen noch älter und damit noch stärker das Gesundheitssystem fordern werden? Wenn sie Privatzimmer und mehr Zeit mit dem Arzt und Pflegepersonal haben möchten, der Gesundheitsbereich aber an seine Gren­zen stößt? Angesichts der großen Zahl der Babyboomer könnte das eine wirkliche Heraus­forderung für unser System ab 2020 werden.

Aber wie so viele Fragen schiebe ich auch diese beiseite. Es ist ja auch leicht für mich, das zu vergessen, wenn ich dann wieder in meine Geriatrie zurückkehre und Menschen der Kriegs- und Depressionsgeneration behandele und wir uns über Themen wie Kinder, Familie, Kirche, Gott und Vaterland unterhalten. Die Generation der Babyboomer fühlt sich meist noch zu jung, um zum Geriater zu gehen, da bin ich manchmal ganz froh, wohl noch ein paar Jahre zu haben, ehe sie dann wirklich zu mir in die Praxis kommen.  


Leserkommentare

Hans Peter Boden am Freitag, 31. März 2017, 14:22
Belastung durch die Babyboomer
Ich kann dem Kollegen in den USA nur voll und ganz zustimmen! Die Entwicklung der Ich-Bezogenheit=Egomanie=Rücksichtslosigkeit ist in der heutigen Gesellschaft täglich mehr zu beobachten.Ganz normale zwischenmenschliche Werte wie Rücksicht nehmen, einander Respekt zollen, abwarten können etc etc. werden nicht mehr vorgelebt. Es dies beileibe kein Abgesang eines 1939 Geborenen sein, denn die Hoffnung stirbt zuletzt, denn tröstliche Ausnahmen von dem Gesagten persönlich zu erleben baut mich immer wieder auf!
trian am Freitag, 31. März 2017, 10:03
Kommentar mit viel bla bla ohne aussage
scheint auch ein Babyboomer zu sein ;-))
Im Gegensatz zu "Der DR.Weiss" kann ich dem Beitrag etwas abgewinnen und bin ebenfalls von der Ich-Bezogenheit und den schlechten Manieren der Jüngeren abgestoßen. Danke für den Denkanstoß!
Der DR.Weiss am Donnerstag, 30. März 2017, 21:36
viel bla bla ohne aussage
hy
was soll die aussage dieses Artikels sein?
wird hier bejammert das man nicht mehr zum gott in weiss nach oben schaut?
Natürlich hat der gebildete Mensch ansprüche und hinterfragt!!! Vielleicht mal die eine oder andere fortbildung besuchen!?!?!
echt armer artikel........ erstmal schauen wie das geld verteilt wird und an wenn dann heulen .......da gibt es eine menge leute die sich selbst bedienen...........wie ist das bei der kv mit gemeinütziger arbeit? wie hoch wird da vergütet? mal auf dem parkplatz von einem arztekongress gewesen???zahnärtztr lassen studenten für 10 euro die stunde demonstrieren..................finde die degradierung des ärtzte berufes gut drückt die preise und vielleicht steigt bei mehr konkurenz auch mal die qualität.... wenn keinen nachwuchs gibt machts ein anderer =)

Bookmark-Service:
8/304
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs