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Gesundheit – 26.01.2017

MRT-Phrenologie: Die „Big Five“ auf der Hirnoberfläche

Ist der Charakter des Menschen im Gehirn festgelegt? Die Phrenologen des frühen 19. Jahrhunderts waren davon überzeugt. Ihre Schädelmodelle, auf deren Oberfläche die Charaktereigenschaften des Menschen bestimmten Kortexregionen zugeordnet wurden, eignen sich heute nur noch als Ausstellungsobjekt für Museen. Doch der Glaube, dass der äußere Blick auf das Gehirn etwas über die Persönlichkeit seines Besitzers verraten könnte, lebt fort. 

Ein Team um Luca Passamonti von der Universität Cambridge hat jetzt untersucht, ob die „Big Five“ ihre Entsprechung auf den Bildern haben, die die Kernspintomographie von der Hirnoberfläche liefert. Die „Big Five“ beschreiben nach einer gängigen Theorie der heutigen Psychologie die fünf Dimensionen der Persönlichkeit.

Wir sind entweder erfinderisch und neugierig oder konservativ und vorsichtig (Dimension: „Offenheit“), effektiv und organisiert oder unbekümmert und nachlässig (Dimension: „Gewissenhaftigkeit“), gesellig oder zurückhaltend und reserviert (Dimension: „Extraversion“), kooperativ, freundlich, mitfühlend oder wettbewerbsorientiert, antagonistisch (Dimension: „Verträglichkeit“), emotional, verletzlich oder selbstsicher, ruhig (Dimension: „Neurotizismus“).

Die britischen Forscher haben die kernspintomographischen Aufnahmen von 507 Teilnehmern des „Human Connectome Project“ untersucht. Das Projekt untersucht eigentlich die Verbindungen der Nervenzellen innerhalb des Gehirns. Die mit einem leistungsstarken Kernspintomographen (MRT) aufgenommenen Bilder ermöglichen aber auch eine dreidimensionale Kartierung der Hirnoberfläche. Die „Oberflächen-basierte Morphometrie“ (SBM), die Passamonti auf die MRT-Scans angewendet hat, misst Dicke, Oberfläche und Volumen des Kortex sowie seine „Gyrifikation“ (sprich die Ausprägungen der einzelnen Windungen). 

Die Ergebnisse der SBM verglich Passamonti mit den Antworten im Fragebogen NEO-FFI. Dieses Instrument erkundet anhand der Selbsteinschätzung in 60 Punkten die Ausprägung der „Big Five“ in der Persönlichkeit eines Menschen. Das Ergebnis erinnert durchaus an die Phrenologie des 19. Jahrhunderts, wenn auch die Zuordnung nicht so simpel ist. 

Ein Neurotizismus geht danach mit einer Verdickung des Kortex und einer Verkleinerung der Oberfläche in präfrontalen-temporalen Regionen einher. Offenheit ist dagegen mit einer verminderten Kortexdicke und einer vergrößerten Oberfläche assoziiert. Eine Extraversion ist mit einem dickeren Precuneus (zwischen Okzipitallappen und Lobulus paracentralis) und einer Verkleinerung des oberen temporalen Kortex verbunden. Verträglichkeit vermindert die Dicke des präfrontalen Kortex und verkleinert den Gyrus fusiformis. Gewissenhaftigkeit ist erkennbar an einem dicken Kortex, bei Verminderung der Oberfläche und Faltung in präfrontalen Regionen. 

Passamonti versucht, die Assoziationen plausibel zu erklären. So soll ein Neurotizismus den Kortex verdicken, weil dieses Persönlichkeitsmerkmal mit häufigem Grübeln verbunden ist. Diese Überlegungen bleiben jedoch (im buchstäblichen Sinn) oberflächlich. Ob sie sinnvoll sind, kann bezweifelt werden, zumal Psychologen eingestehen, dass sich der Charakter des Menschen im Verlauf des Lebens ändert. Der Neurotizismus nimmt im Alter zu, wenn sich das Gehirn und damit auch die Dicke des Kortex verringert. Dass das Modell einer kritischen Prüfung standhält, darf bezweifelt werden. Unwahrscheinlich ist auch, dass die MRT-Geräte künftig nach einem Hirnscan auch die Persönlichkeitswerte des Patienten anzeigen.



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