12/301

Vom Arztdasein in Amerika – 27.12.2016

US-Amerikaner sterben früher

Wir Menschen im Westen haben uns an die positive Entwicklung gewöhnt, dass Jahr um Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung anwächst und wir somit immer älter werden können. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt in Deutschland unaufhörlich an und liegt mittlerweile für neugeborene Jungen bei 78 und für Mädchen bei 82,8 Jahren (siehe http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Home/Topthemen/lebenserwartung.html).

In den USA gab es bisher eine ähnliche Entwicklung und mit einer Art Schock wurden Anfang Dezember die veröffentlichten Zahlen für das Jahr 2015 aufgenommen: Der Durchschnittsamerikaner lebt nämlich im Vergleich zum Vorjahr nicht länger sondern kürzer. So stirbt der männliche Durschnittsamerikaner zwei Monate früher und wird statt 76,5 (2014) nunmehr 76,3 (2015) Jahre alt, sein weibliches Pendant stirbt statt mit 81,3 (2014) einen Monat früher eben mit 81,2 (2015) Jahren. 

Der Trend eines stetig steigenden Durchschnittsalters ist somit zum ersten Mal seit 1993 unterbrochen worden und war für die Öffentlichkeit gerade deshalb eine Überraschung, weil es im Jahr 2015 keine Rezession, Hungersnot, Umweltkatastrophe oder Asylkrise, keinen Krieg oder Massenunglück gegeben hat. Präsident Obama war im Jahr 2015 in seinem siebten Jahr, die Krankenversicherung war ausgeweitet worden und die Wirtschaft wuchs, deshalb war man umso stutziger über diese Zahlen.

Der genaue Blick in den Bericht gibt interessante Aufschlüsse und führte zu zum Teil kontroverse Diskussionen unter meinen Kollegen, deshalb sei für Interessierte auf ihn verwiesen: https://www.cdc.gov/nchs/data/databriefs/db267.pdf. Es verschlechterte sich die Neugeborenensterblichkeit zwischen 2014 und 2015, denn sie stieg um 1,3% an. Aber vor allem der deutlich größere Anstieg der Mortalitätszahlen von acht der zehn führenden Todesursachen erklärt das Zurückgehen der Lebenserwartung.

So ist die Wahrscheinlichkeit an Herzerkrankungen zu versterben zwischen 2014 und 2015 um 0,9% angestiegen, bei Nierenerkrankungen war die Zunahme 1,5%, beim Selbstmord 2,3%, Erkrankungen der unteren Atemwege (ausschließlich Lungenentzündungen) bedingten 2,7% mehr Todesfälle im Jahr 2015 als 2014, Schlaganfälle 3%, nichtbeabsichtige Verletzungen 6,7% und der Tod durch Folge des Morbus Alzheimer nahm um ganze 15,7% zu. Nur die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu versterben nahm zwischen 2014 und 2015 um 1,7% ab, die Wahrscheinlichkeit an Lungenentzündung oder Influenza zu Tode zu kommen blieb nahezu unverändert.

Meine Kollegen und ich kamen nach einiger Diskussion zu folgender Erklärung für diese Veränderungen: Zunahme des Drogen- und Medikamentenmissbrauches, ein immer größerer Anteil an Übergewichtigen in den USA und damit letztlich vergesellschaft die Abnahme der körperlichen Aktivität. Ein Notaufnahmearzt fand die deutlichsten Worte: „Ich kann nicht jeden fetten, faulen und unter Drogen stehenden Patienten der zu mir in die Notaufnahme kommt Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr retten. Irgendwann hat auch dessen letzte Stunde geschlagen und er geht hops“.  


Bookmark-Service:
12/301
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs