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Gesundheit – 06.12.2016

Schon wenige Zigaretten am Tag erhöhen das Sterberisiko von Senioren

Älteren Menschen, die Zeit ihres Lebens geraucht haben, ohne an Lungenkrebs zu sterben, möchte man ihre tägliche Zigarette schon gönnen. Gegen die schädliche Wirkung des Tabakrauchens sind jedoch auch Senioren nicht gefeit, wie eine aktuelle Auswertung einer US-Studie zeigt. Bereits eine Zigarette am Tag erhöhte das Sterberisiko.

Mit der Inhalation jeder Zigarette gelangen mehr als 7.000 Schadstoffe in die Atemwege, darunter mindestens 70 bekannte Karzinogene. Rauchen ist der wichtigste vermeidbare Risikofaktor. Und jeder zweite Raucher stirbt an den Folgen des Rauchens. Viele sterben bereits im erwerbstätigen Alter. Der Altersgipfel für das Bronchialkarzinom liegt zwischen 55 und 60 Jahren. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass Raucher danach nicht mehr gefährdet sind. 

Die Epidemiologin Maki Inoue-Choi vom National Cancer Institute in Bethesda/Maryland hat hierzu jetzt die Daten der AARP Diet and Health Study ausgewertet. Es handelt sich um eine relativ große Gruppe von US-Senioren (AARP steht für „American Association of Retired Persons“), die 2004/05 zu ihren lebenslangen Rauchgewohnheiten befragt wurden.

Etwa zwei Drittel der Senioren hatte im Verlauf ihres Lebens geraucht. Die meisten hatten die Gewohnheit aufgegeben beziehungsweise ihre Sucht überwunden. Fast 20.000 Senioren rauchten jedoch weiterhin. Von ihnen gaben 159 an, täglich weniger als eine Zigarette zu rauchen. Bei den anderen beschränkte sich der Konsum auf eine bis zehn Zigaretten.

Schon diese wenigen Zigaretten reichten aus, um die Gesundheit der Senioren weiter zu gefährden. Von den 290.215 Senioren, die zu Beginn der Studie zwischen 59 und 82 Jahre alt waren, sind bisher 37.331 gestorben, darunter 13.762 an Krebs, davon wiederum 3.801 an Lungenkrebs. 

Für Personen, die über die Jahre eine Zigarette am Tag geraucht hatten, war das Sterberisiko gegenüber Niemalsrauchern um 64 Prozent erhöht (Hazard Ratio HR 1,64; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,07-2,51). Die erhöhte Sterblichkeit war dabei vor allem auf eine erhöhte Rate von Lungenkrebs zurückzuführen, der fast zehnmal häufiger auftrat als bei Niemalsrauchern (9,12; 2,92-28,47). Aber auch die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen war signifikant erhöht (HR 2,78; 1,49-5,18). 

Senioren, die im Verlauf des Lebens zwischen 1 und 10 Zigaretten geraucht hatten, hatten ein um 87 Prozent erhöhtes Sterberisiko (HR 1,87; 1,64-2,13). Auch in dieser Gruppe war vor allem das Sterberisiko am Lungenkrebs (HR 11,61; 8,25-16,35) erhöht. Aber auch für die  Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HR 1,50; 1,13-1,99) war eine signifikante Assoziation nachweisbar.

Die Assoziation war Dosis-abhängig: Kettenraucher mit mehr als 30 Zigaretten am Tag hatten ein vierfach erhöhtes Sterberisiko (HR 4,20; 3,56-4,96). Ihr Lungenkrebsrisiko war mehr als 50-fach erhöht (HR 52,64; 38,25-72,45). Dass die Schädlichkeit des Rauchens mit dem Alter abnimmt, lässt sich angesichts dieser Zahlen wohl kaum behaupten.


Leserkommentare

DrSchnitzler am Montag, 23. Januar 2017, 10:23
Schätzen schützt vor groben Fehlern ?!?
In dem Originalartikel [1] werden folgende Eckdaten für lebenslange Nichtraucher (als Referenzgruppe) genannt: Alter 71 Jahre, Follow-Up 6,6 Jahre, Mortalität 9%.

Daraus errechnet sich (grob, linear) eine mittlere Lebenserwartung von ca. 37 Jahren (6,6 Jahre / 9% /2), mithin ein mittleres (!) zu erwartendes Sterbealter von ca. 108 Jahren.

Das dürfte weit mehr als bloß "ambitioniert" sein.

In der amtlichen deutschen Statistik [2] wird hingegen für 70-Jährige und 2005 eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca. 14,6 Jahren (m 13,25/w 16,03) angegeben, was bezogen auf 6,6 Jahre eine mittlere Mortalität von etwa 19% erwarten ließe; diejenigen Raucher, die weniger als 1 Zigarette täglich (CPD) rauchen, blieben dann jedoch eher unter diesem Erwartungswert (0-1 CPD: 15%; Tabelle 2, All Cause Mortality).


Sollten sich die Lebensumstände von Nichtrauchern in den USA also nicht grundlegend von denjenigen in Deutschland unterscheiden (wovon diesseits nichts bekannt ist), ist zu fragen, ob die geschilderten Aussagen WIRKLICH so haltbar sein können; jedenfalls kann man die vorgelegten Daten augenscheinlich wohl kaum als "repräsentativ“ auffassen.

Anscheinend leben wir tatsächlich in einem "postfaktischen Zeitalter" (vgl. "wish bias", "cherry picking"): prüft denn niemand mehr solche Statistiken auf ihre "biologische Plausibilität"?


Literatur:
[1] Inoue-Choi M et al. (2016) Association of Long-term, Low-Intensity Smoking With All-Cause and Cause-Specific Mortality in the National Institutes of Health–AARP Diet and Health Study. AMA Intern Med. doi:10.1001/jamainternmed.2016.7511 Published online December 5, 2016
[2] http://www.gbe-bund.de (Zugriff 23.01.2017)


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