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Sea Watch 2 – 30.10.2016

Raue See

Freitag, 28.10.2016

Raue See
Seit gestern Abend haben wir starken Seegang. Nachts schwankte das Schiff so stark, dass ich in meiner Koje so heftig hin- und hergeworfen wurde, dass ich mal an die eine Seite, mal an die andere Seite gestoßen bin. Wir befinden uns jetzt auf dem Rückweg nach Malta. Bei diesem Wetter sind keine Flüchtlingsboote zu erwarten, es ist vollkommen unmöglich, dass sie bei diesem Wind und bei diesem Seegang so weit kommen.

Wir fahren zunächst etwa 30 Seemeilen nördlich von Libyen Richtung Osten, um dann etwas östlich von Tripolis nach Norden zu wenden. Es sind zwei Tiefdruckgebiete mit starken Windstärken vorhergesagt, eines nordöstlich von uns, das andere nordwestlich. Wir wollen versuchen, zwischen beiden Tiefs hindurchzufahren, in der Hoffnung, dass dort der Wind nicht ganz so stark, die See nicht ganz so unruhig sein wird.

Alles ist bei diesem Seegang unheimlich anstrengend und ermüdend, denn offensichtlich wendet der Körper sehr viel Energie dafür auf die Balance zu halten, beim Gehen, beim Stehen, aber auch im Sitzen, denn das Schiff schwankt beträchtlich.

An Bord herrscht eine gespenstische Ruhe. In der Messe liegen einige auf den Bänken und schlafen, viele sind in ihren Kojen, manche sitzen auf der Brücke, dösen, schauen unbeteiligt auf das Meer, die unruhigen Wogen. Einige sind seekrank, sie leiden sehr unter dem anhaltenden Schaukeln und Schwanken; Barbara und ich versorgen sie mit Medikamenten.

Die Wellen nehmen zu, manche sind sicher drei Meter hoch. Sie heben das Schiff empor, lassen es in alle Richtungen tanzen. Die Wellen sind steil und kurz, daher taucht das Schiff mit dem Bug tief in die Täler hinein und die Gischt ergießt sich über das Ankerdeck bis vor die Brücke.

Östlich von uns wütet ein Gewitter, am Himmel dichte, dunkle Wolken, darin schnellen  zackige Blitze aufs Meer. Am Morgen habe ich noch auf dem Brückendeck gesessen, viele waren auf ‚Monkey Island’ und haben dort die Aussicht und den frischen Wind genossen. Friedrich hat Pfannkuchen gebacken, mit Obst und Honig angerichtet und ich habe sie als Gelegenheits-Steward auf dem Schiff verteilt. Jetzt zieht Regen auf, außerdem nimmt der Seegang zu, so dass man nicht mehr rausgehen kann, ohne vom Regen und der Gischt komplett durchnässt zu werden.

Plötzlich erblicken wir neben uns im Meer eine Schwimmweste. Wir hoffen, dass sie einfach irgendwo über Bord gegangen ist, dass sie nicht von einem Ertrinkenden stammt. Wir sind nun so weit von der libyschen Küste entfernt, mehr als 60 Seemeilen, dass es auch bei gutem Wetter und ruhiger See unwahrscheinlich wäre, hier ein Flüchtlingsboot ausfindig zu machen. Bei diesem Wetter, bei diesem Seegang, kann sich kein Boot lange auf den Wellen halten, es würde unweigerlich nach wenigen Augenblicken kentern und untergehen.

Judith und Ingo haben den ganzen Tag lang angekündigt, für uns das Abendessen kochen zu wollen. Trotz des zunehmenden Seegangs halten sie an ihrem Vorhaben fest. Sie werden in der Küche in alle Richtungen gestoßen. Durch die Decke dringt Wasser ein, Seewasser, vermutlich läuft es vom Brückendeck irgendwie in die Decke und tropft von dort auf den Küchenboden, wo es sich mit Essensresten und verspritzem Fett zu einem gefährlich rutschigem Belag vermischt. Trotz aller Widrigkeiten gelingt es ihnen irgendwie einen leckeren Lachs mit Spinat und Reis auf den Tisch zu bringen.


Leserkommentare

Arztberlin am Sonntag, 8. Januar 2017, 14:51
Geschichtslose Gutmenschen / Narzisten
Ach was sind wir doch für tolle Kerle?
Als es los ging z.B. in Libyen da haben wir den Mund gehalten oder das Geschwätz vom bösen Diktator Gaddafi etc runtergebetet.

Auch die liebe Ärztekammer hat da lieber weggeschaut, besser ist es doch jetzt an den Flüchtlingen zu verdienen da können diese Gestörten (Kammer) mal wieder ne politische Meinung haben zusammen mit dem Merkelchor.

Die Meinung jedoch gegen den Bombenterror der Nato zu sein dies war nach Meinung der Kammer: geisteskrank !


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