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Sea Watch 2 – 28.10.2016

Was können wir auf Fotos zeigen?

Mittwoch, 26.10.2016

Was können wir auf Fotos zeigen?
MRCC hat die ‚Vos Hestia’ (Save the Children) beauftragt, uns die Leichen aus dem Boot, das wir von der Bourbon Argos übernommen haben, abzunehmen. Wir werden am frühen Nachmittag auf die ‚Vos Hestia’ treffen.

Um die Bergung der Leichen vorzubereiten, ziehen wir das Schlauchbootwrack an unsere Backbordseite, fixieren es dort und lassen an einem Seil eine Pumpe herab, mit der wir die Flüssigkeit aus dem Wrack pumpen. Ingo hat erfahren, dass die Crew der Bourbon Argos aus dem Boot gestern 107 Menschen lebend retten konnte, außerdem hatten sie bis zur Übergabe an uns bereits 11 Leichen daraus geborgen. Wir vermuten weitere 14 Leichen darin.

Ingo ordnet an, dass keine Fotos von den Leichen aufgenommen werden. Die Frage, welche Fotos zulässig sind, welche angemessen sind, welche notwendig und welche nicht gezeigt werden sollten, diskutieren wir immer wieder. Viele in der Crew halten die Fotos von fast allen Situationen für richtig und für notwendig, um die Öffentlichkeit über unsere Arbeit zu informieren.

Ich habe darum gebeten, dass während der Behandlung von Patienten in unserer kleinen Krankenstation in keinem Fall Fotos aufgenommen werden. Das gebietet der Respekt vor den Menschen. Die Flüchtlinge sind unsere Gäste und als Gastgeber sind wir verpflichtet sie gut zu bewirten, sie sicher unterzubringen und sie zu schützen. Als Kranke, als unsere Patienten sind sie noch schwächer, noch hilfloser, noch ausgelieferter und bedürfen daher eines noch größeren Schutzes.

Natürlich müssen wir unsere Arbeit mit Fotos dokumentieren. Natürlich muss die Öffentlichkeit in unseren Heimatländern auch mit Fotos über die Ereignisse, die sich hier vor unseren Augen abspielen, informiert werden. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns nicht an dem Wettbewerb beteiligen sollten, immer grausamere, bedrückendere, erschütterndere Bilder veröffentlichen zu wollen, nur um einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.

Diese Aufmerksamkeit ist nicht die, die wir suchen sollten, nicht die, die wir brauchen, um die Leute wachzurütteln, um auf die tödlichen Missstände hinzuweisen, um Druck auf die breite Bevölkerung aufzubauen, mit dem Ziel, unser aller Verhalten zu ändern und unsere Politik. Diese Bilder erregen sicher für einen kurzen Moment Aufsehen, denn das Grauen, das aus ihnen spricht, läßt nur wenige kalt. In unserer schnelllebigen medial überfluteten Welt haben sie jedoch nur eine kurze Wirkdauer. Der Schauder, den sie auslösen, verfliegt bald, spätestens, wenn das nächste Bild, der nächste Reiz veröffentlich wird, der den letzten noch einmal zu überbieten sucht.

Dieser Wettbewerb ist nicht zu gewinnen. Wir müssen einsehen, dass wir auf Menschen, auf die Gesellschaft, die Politik auf diese Weise nicht wirksam, nicht nachhaltig einwirken können. Ein kurzer Schock, ein kurzer Schauder vermögen nicht unser Verhalten anhaltend zu ändern, denn sie ändern nicht unsere Wahrnehmung. Entweder über­schreitet ein solch kurzer Schock aufgrund seiner Stärke unser Vermögen, diesen zu verarbeiten, diesen in unser Erleben aufzunehmen, dann bemühen wir uns so schnell möglich, diesen zu entsorgen, diesen aus unserem Bewusstsein zu verdrängen.

Oder wir sind so verroht, dass dieser Schock wie ein Schuss bei einem Junkie nur kurzzeitig seine Wirkung entfaltet, bevor wir wieder in einen Zustand abgestumpfter Teilnahmslosigkeit zurückfallen. In beiden Fällen entfaltet dieser Schock nicht die von uns angestrebte Wirkung.

Wirkung erzielen wir nur dadurch, dass wir erzählen, dass wir erklären, dass wir von unseren Erlebnissen berichten, aber nicht allein von den Fakten, nicht nur von der Anzahl der Toten, vom Zustand der Leichen, vom Leiden der Geretteten, von ihrem Glück, ihrer Freunde, sondern dass wir von unseren Gefühlen berichten, von unserem Erleben in diesen Situationen, dass wir Mitgefühl wecken über Verstehen und Verständnis, denn nur wahres, ehrliches Mitgefühl ist in der Lage, die Menschen dazu zu bewegen, ihr Verhalten so zu ändern, dass wir gemeinsam den Menschen, die sich so zahllos aufmachen und aus ihrer Heimat fliehen in ihren Ländern eine Lebens­grundlage schaffen, die ihnen dort ein menschenwürdiges Leben ermöglicht und sie somit keinen Anreiz sehen, sich weiterhin auf die tödliche Reise nach Europa zu begeben.

Es wurden dennoch Bilder aufgenommen, zur ‚Dokumentation’, nicht zur Veröffentlichung. Ich glaube nicht daran, bin mir sicher, dass die Bilder schließlich veröffentlicht werden.

Am frühen Nachmittag treffen wir mit der ‚Vos Hestia’ zusammen. Wir bringen das Bootswrack mit den Leichen an die Backbordseite der ‚Vos Hestia’ heran. Ingo und Peter stehen im Wrack, sie haben Mühe ihr Gleichgewicht zu halten, denn der Boden des Bootes ist gebrochen und instabil und das Boot unterliegt dem Willen der Wellen. Nach und nach legen sie um jeden der toten Körper eine Schlinge und mit dem Kran werden die Leichen nacheinander an Bord der ‚Vos Hestia’ gehoben.

Wir beobachten alles aus der Ferne, ertragen dies aber nicht lang, denn es ist ein schauderhafter Anblick, die verwesenden Körper tropfend mit Kleiderresten, die in Fetzen herabhängen, an dem Kran hoch über dem Schiff baumeln zu sehen. So gelangen die toten Körper von zehn Frauen und acht Männern an Bord der ‚Vos Hestia’. Wir tun dies alles, das alle, die daran beteiligt sind, sehr mitnimmt, da wir überzeugt sind, dass wir den Toten so einen letzten Dienst erweisen. Womöglich werden sie nicht identifiziert werden können. Aber sie werden gezählt und sie werden in einer würdevollen Zeremonie bestattet.

Die See hat sich wieder beruhigt, die Oberfläche ist glatt, der Wind raut sie nur wenig auf, gelegentlich wandern niedrige, aber sehr lange Wellen über die Oberfläche, sie heben das Schiff an, das anschließend in die dahinter liegenden breiten Täler absinkt und dabei ordentlich schwankt. Aber alles ist ruhiger, gemächlicher, gewissermaßen bedächtiger als gestern Abend und in der letzten Nacht. Die Wasseroberfläche glänzt metallisch im Abendlicht der tief stehenden Sonne. Ein leichter Wind bläst uns auf unserem Weg nach Osten stetig entgegen.

Neben dem Bug erscheint ein Delfin, er taucht mehrmals hintereinander aus dem Wasser auf, dann verschwindet er wieder. Ein Schwarm fliegender Fische, die sich unruhig gegenseitig zu verfolgen scheinen, zieht rasch an uns vorüber. Möwen auf der Jagd schnappen gierig Fische aus dem Wasser. Mittlerweile haben wir mehrere Vögel bei uns an Bord zu Gast. Ein Rotkehlchen, einen Spatz und ein paar andere. Wir füttern sie mit Brot- und Kekskrümeln, geben ihnen Wasser.



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