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Sea Watch 2 – 26.10.2016

Keine Pause, immer mehr Boote

Samstag, 22.10.2016

Keine Pause, immer mehr Boote
Gestern haben wir MRCC informiert, dass unsere Mannschaft nicht einsatzbereit ist und eine Pause benötigt. Wir haben darum gebeten, nicht in einen Einsatz geschickt zu werden, da wir zunächst unsere Ausrüstung sortieren müssen, bevor wir die nächste Rettung beginnen. Dennoch erreicht uns gegen 3 Uhr ein Anruf von MRCC mit der Bitte, einem Schlauchboot in unserer Nähe zu Hilfe zu kommen.

Der Einsatz verläuft routiniert und ohne Zwischenfälle. Nach dem Erstkontakt mit dem RHIB und dem Verteilen von Schwimmwesten nähern wir uns dem Boot mit der Sea Watch, nehmen das Boot an unsere Steuerbordseite und übernehmen alle 124 Insassen. Es sind viele Frauen dabei und Kinder.

Die Menschen sind erschöpft, aber niemand ist in einem lebensbedrohlichem Zustand. Die Kinder sind schwach, haben keine Energie zu schreien oder zu weinen und lassen willenlos alles über sich ergehen. Die Menschen haben Durst, denn offensichtlich hatten sie nicht genug Wasser in ihrem Boot. Kaum haben wir sie an Bord genommen, brechen viele kraftlos zusammen, denn sie haben ihre letzten Reserven ausgeschöpft, während sie in den vergangenen Stunden in Todesangst im Boot ausharrten. Viele weinen, grei­fen verzweifelt an ihre Beine, sie können sie nicht mehr bewegen, sie fürchten, dass sie gelähmt sind, doch bald schlafen sie ein.

Eine junge Frau ist mit ihren Kindern, die zwei und vier Jahre alt sind, aus Nigeria geflohen. Sie ist allein unterwegs, vor zwei Monaten hat sie ihre Heimat verlassen. Sie ist vollkommen erschöpft, hat Mühe aufrecht zu sitzen und kann ihre Kinder nicht halten. Es fällt ihr schwer zu sprechen, teilnahmslos starrt sie vor sich hin. Noemi und ich nehmen die Kinder, die es sich ohne Widerstand gefallen lassen, auf unsere Arme und geben ihnen zu trinken. Wir geben ihnen neue Kleidung, denn ihre Hosen sind nass und riechen nach Benzin. Später schlafen sie ein.

Für uns, die gesamte Mannschaft, ist es ein intensives Erlebnis. Wir unterhalten uns mit den Geretteten, wir spüren die Gefahr, in der sie gewesen sind, die Angst, die sie durchlitten haben müssen, die Verzweiflung. Wir fühlen, dass wir diesen Menschen ein Gefühl von Sicherheit bieten können, ein wenig Geborgenheit, für einen kurzen Moment. Die Situation auf dem Schiff ist beengt. Die Menschen drängen sich auf den Decks, liegen dicht nebeneinander. Zwischen den Körpern ist kaum Platz sich zu bewegen. Es ist mühsam, über die Decks zu gehen, denn vor jedem Schritt muß man prüfen wo man den Fuß absetzen kann, muss man darauf achten, nicht auf eine Hand oder einen Fuß, nicht auf einen der Körper zu treten.

Während wir die Menschen mit dem Nötigsten versorgen, Decken verteilen und Wasser, Vomex-Tabletten gegen die Seekrankheit, Windeln für die Kinder, erfahren wir von immer mehr Schlauchbooten, die um uns herum auf dem Wasser sind; in Sichtweite sind weit mehr als tausend Menschen in mehr als zehn seeuntauglichen vollkommen überfüllten Schlauchbooten auf dem Meer.

In einigen Booten sind die Menschen bereits mit Schwimmwesten gesichert, die übrigen werden noch von Helfern versorgt. Von machen wurden die Motoren bereits geklaut. Die Mannschaften der SIEM Pilot und des Frachters Okyroe arbeiten an der Evakuierung vieler Boote und Übernahme der Menschen auf den Frachter. Da wir keine Kapazität für die Aufnahme weiterer Menschen auf unser Schiff haben, sichern wir die Schlauchboote in unserer Nähe, indem wir diese an einem Ort relativ dicht beieinander sammeln.

In einem der Boote – die meisten der Insassen kommen aus Bangladesh – sind viele, aber nicht alle mit Schwimmwesten versorgt. Da sich aber schon vor der Verteilung weiterer Westen die Menschen viel zu  dicht aneinander drängen, übernehmen wir zunächst einige auf unser Schiff - wir versuchen diejenigen auszuwählen, die am schwächsten wirken, die am ehesten medizinische Hilfe benötigen. Dann verteilen wir die Schwimmwesten.

Plötzlich springt ein Mann, den wir gerade mit einer Weste versorgt haben, über Bord. Er ist direkt neben mir, greift nach unserem Boot und versucht hineinzuklettern. Geistesgegenwärtig reagiert Basti und lenkt das Boot so schnell er kann zur Seite und entfernt sich von dem Mann im Wasser und dem Boot mit den Flüchtlingen. Der Mann ist sicher, denn er trägt eine Weste. Die größte Gefahr in dieser Situation ist, dass es dem Mann gelingt auf unser Boot zu kommen. Andere könnten seinem Beispiel folgen und plötzlich wären zahllose Menschen im Wasser, die versuchen würden unser Boot zu erklimmen. Wir könnten kentern, Menschen könnte ertrinken. Die Situation lässt sich jedoch schnell entspannen, der Mann klettert zurück in das Flüchtlingsboot.

Die Menschen auf den Booten sind sehr schwach, viele sind seekrank und müssen sich übergeben. Die meisten sind dehydriert und haben Durst. Wir entscheiden uns Wasser zu verteilen. Um Unruhe, Panik und Auseinandersetzungen auf dem Boot zu vermeiden, muß dies jedoch gut vorbereitet werden. Wir müssen die Zahl der Menschen auf dem Boot kennen. Dann müssen wir den Menschen unser Vorgehen erklären und sie müssen wissen, dass in jedem Fall jeder an Bord eine Wasserflasche bekommen wird.

Wir nähern uns mit beiden RHIBs dem Boot, je eines von einer Seite, und beginnen gleichzeitig mit der Verteilung des Wassers. Alles läuft unkompliziert ab, die Leute bleiben ruhig, die Stimmung entspannt sich. Dennoch wissen wir, dass viele der Insassen Schwierigkeiten haben werden weitere Stunden im prallen Sonnenschein bei der großen Hitze zu überstehen.

Später am Nachmittag haben wir drei große Schlauchboote und ein kleines mit 18 Flüchtlingen um uns herum gesammelt, alle Insassen mit Schwimmwesten gesichert. Noch vor Einbuch der Dunkelheit werden die Menschen auf Boote der italienischen Küstenwache übernommen, die sie nach Italien bringen werden.  

Die Menschen, die wir am Morgen auf die Sea Watch 2 übernommen haben, müssen über Nacht bei uns bleiben, denn kein Schiff in der Nähe hat Kapazität sie zu über­nehmen. Obwohl es in der kleinen Kombüse, die nicht für die Versorgung  von über hundert Menschen ausgelegt ist, eine Herausforderung ist, kochen wir für alle Reis und Gemüse und verteilen dies an die Menschen an Bord.

Der Platz ist so beengt, dass wir die Frauen nicht getrennt von den Männern unter­bringen können. Wir spannen Seile, um die Bereiche zu trennen, doch immer wieder wechseln Männer in den Bereich der Frauen. Die Stimmung ist friedlich, die Menschen sind immer noch erschöpft und müde, dennoch stellen wir Wachen auf, die während der ganzen Nacht alle Decks überwachen werden, so dass sich die Frauen sicher fühlen können.


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