11/17

Sea Watch 2 – 25.10.2016

Ein Vorfall mit der libyschen Küstenwache, viele Tote, sehr viele gerettet

Freitag, 21.10.2016

Ein Vorfall mit der libyschen Küstenwache, viele Tote, sehr viele gerettet
Es ist kurz nach 2 Uhr, früh morgens. Wir sammeln uns auf dem Achterdeck, um die beiden Tender ins Wasser zu setzen. Gut eineinhalb Stunden zuvor haben wir einen Notruf von MRCC erhalten mit der Bitte, einem Schlauchboot mit Flüchtlingen zu Hilfe zu kommen. Wir lassen die Tender zu Wasser, nähern uns dem Schlauchboot, nehmen zu den Menschen an Bord Kontakt auf und erklären das weitere Vorgehen. Als wir beginnen wollen die Schwimmwesten zu verteilen, nähert sich plötzlich vollkommen unerwartet wie aus dem Nichts ein Schnellboot der libyschen Küstenwache.

Pressemeldung von Sea-Watch:

Eilmeldung: Viele Tote nach Überfall der Libyschen Küstenwache auf Sea-Watch Rettungseinsatz

Ein Boot der Libyschen Küstenwache hat heute während eines Rettungseinsatzes ein vollbesetztes Schlauchboot geentert, die Migranten mit Stöcken geschlagen und unsere Crew davon abgehalten, Rettungswesten zu verteilen und mit unserer Versorgung fortzufahren. Durch das brutale Vorgehen der vermeintlichen Libyschen Küstenwache brach an Bord eine Massenpanik aus; alle 150 Insassen fielen ins Meer, eine zweistellige Zahl an Menschen ertrank. Unsere Crew konnte 4 Leichen bergen; 4 weiteren Menschen werden bewusstlos auf der Sea-Watch 2 behandelt. 120 Migranten konnten auf unser Schiff gerettet werden.

Das Vorgehen der Libyschen Küstenwache hat zu dem Tod von vielen Flüchtenden geführt. Wir wissen nicht, warum so gehandelt wurde. Sea Watch fordert umgehend eine detaillierte Aufklärung dieser immensen Menschenrechtsverletzung.

Die Crew der Sea-Watch 2 ist momentan noch immer an der Evakuierung mehrerer Flüchtlingsboote beteiligt und arbeitet am Kapazitätslimit. Weitere Informationen folgen nach gründlicher Prüfung."

Es ist schlimm, vom Tod eines Menschen zu erfahren oder einen Menschen sterben zu sehen. Es ist besonders bedrückend, vom Tod eines jungen Menschen zu erfahren oder einen jungen Menschen sterben zu sehen. Es macht wütend, dabei zusehen zu müssen und hilflos daneben zu stehen, wenn ein junger Mensch stirbt, der Tod aber zu verhindern gewesen wäre. Es ist unerträglich, den qualvollen Tod vieler junger Menschen zu erleben, die vor Deinen Augen ertrinken.

Ich stehe auf dem Achterdeck, während das aufgegebene Schlauchboot auf der Steuerbordseite an unserem Schiff vorbeitreibt. Darin liegt mit dem Gesicht nach unten gerichtet reglos ein Mensch. Wie besessen werfen wir Rettungswesten ins Meer, so dass die Menschen, die gerade in Panik aus dem Boot gesprungen sind, diese ergreifen können und Halt finden. Wir werfen Seile ins Wasser, damit die Ertrinkenden sie greifen können und wir sie auf unser Schiff ziehen können. Ich rufe nach den Menschen, die vor mir, nur wenige Meter entfernt im Wasser treiben, panisch mit Armen und Beinen um sich schlagen, sie können nicht schwimmen, ein Kopf geht unter Wasser, kommt wieder hervor, die Augen weit aufgerissen, ich rufe nach ihm, ich schreie und greife mit meiner Hand nach ihm, es fehlen nur wenige Zentimeter, aber ich erreiche ihn nicht. Einen anderen kann ich rechtzeitig ergreifen, ziehe ihn heran, in Todesangst klettert er an Bord, Ingo und ich ziehen ihn hinauf, augenblicklich erschlafft bleibt er auf dem Boden liegen, während wir schon nach den nächsten rufen und die nächsten an Bord ziehen können.

Unmittelbar vor mir, jedoch gerade so weit entfernt, dass ich auch ihn mit den Händen nicht erreiche, sitzt auf den Überresten des Schlauchboots ein weiterer junger Mann, er sitzt mit dem Rücken zu mir und hat sein Gesicht abgewendet, er sitzt nahezu reglos, aber er lebt, er atmet. Ich rufe nach ihm, er reagiert nicht, ich schreie, aber er rührt sich nicht, ich brülle, regungslos verharrt er an seinem Platz.

Direkt neben ihm liegt ein Seil, das er nur zu ergreifen bräuchte und wir könnten ihn an Bord ziehen. Ich möchte ihn anstoßen, ihn aufwecken, ihn schütteln, ihn schlagen, wenn ich damit nur erreichte, dass er auf mich reagiert, aber ich komme nicht an ihn heran. Ich greife Schwimmwesten, eine nach der anderen und voller Wut bewerfe ich ihn damit. Dann endlich, unendliche Augenblicke später, reagiert er, er wendet sich nach mir um, ich schreie, winke ihn mit meiner Hand heran, die er schließlich ergreift, so dass wir auch ihn an Bord retten können.

Andere sind zu weit entfernt, sie erreichen die Schwimmwesten nicht, die wir ihnen zuwerfen, ich sehe ihre Arme, mit denen sie ziellos und wild um sich schlagen, der Kopf geht unter Wasser, taucht wieder auf, geht wieder unter Wasser, taucht nochmals auf,  geht dann endgültig unter. Schließlich beruhigt sich der Kampf, die Arme entspannen sich, sie schweben unter der Wasseroberfläche. Dann steigt der Oberkörper auf, die Beine, reglos liegt er nun da als schliefe er.

Wir versorgen die Menschen, die wir retten konnten. Es erscheint mir beinahe wie ein Wunder, dass es uns in dieser Situation gelingen konnte, so viele Menschen zu retten. Viele konnten nichts als ihr Leben bewahren, sie sind nackt bei uns an Bord gekrochen, daher versorgen wir sie nun mit Kleidung.

Wir sind erschöpft und die Ereignisse haben uns mitgenommen. Wir schweigen, denn wir sind müde und wir haben keine Worte für das was wir erlebt haben. Die Geretteten, 124 Menschen, die nun bei uns an Bord sitzen, schweigen ebenso, denn sie sind erschöpft und stehen unter Schock.

Routiniert ordnen wir wieder die Schwimmwesten, sortieren jeweils  50 zusammen in einen großen Sack und verstauen die Säcke  auf dem Achterdeck. Wir müssten uns ausruhen, wir müssten die Ereignisse der Nacht miteinander besprechen, um diese zu verstehen und das Geschehene zu verarbeiten, aber wir finden dafür keine Zeit. Plötzlich entdecken wir in kurzer Entfernung  von uns ein kleines Holzboot wie es die libyschen Fischer benutzen. Es ist ein einfacher Kahn, der ebenso wie die meisten Fischerboote, die wir gesehen haben, in einem hellen blau gestrichen ist. Wir nähern uns dem Boot mit unserer Steuerbordseite und helfen den 14 syrischen Männern, auf unser Schiff umzusteigen.

Eine Flucht über das Mittelmeer in vergleichsweise sicheren Holzbooten, auf denen nur wenige Menschen transportiert werden, können sich nur wenige Flüchtlinge leisten, denn die Kosten für die Schleuser sind erheblich größer. Die Männer sind gepflegt, ein jüngerer Kerl hat eine auffällig modisch gegelte Haarfrisur, sie tragen Schuhe und gute Kleidung, einige der Männer haben dicke goldene Ringe an ihren Fingern und protzige Uhren am Handgelenk.

Ich merke, dass sie mir nicht sympathisch sind, denn sie treten arrogant auf, verhalten sich hochnäsig. Mir ist ihr Auftreten unangenehm vor den afrikanischen Flüchtlingen, unseren Gästen, die wir wenige Stunden zuvor vor dem Ertrinken gerettet haben und die nun mit ihnen das Deck teilen, da der Platz auf dem Schiff sehr beengt ist, und eigentlich nicht  ausreichend für so viele Menschen.

Widerwillig erkenne ich, dass meine Antipathie gegen die Flüchtlinge vom Holzboot, die wir mit ihren Koffern und Taschen auf unser Schiff aufgenommen haben, ungerecht ist und falsch. Ich habe kein Recht zu entscheiden wer es ‚verdient’ Flüchtling zu sein und wer nicht. Wieso sollte nur jemand, der so arm ist, dass er sich keine Schuhe leisten kann, der alles verloren hat und dem nichts bleibt als sein bloßes Überleben, ein Recht darauf haben, um Asyl in Europa zu bitten und dort Zuflucht zu suchen?

Niemand verlässt sein Zuhause, seine Heimat, seine Familie und Freunde leichtfertig und begibt sich freiwillig auf eine lebensgefährliche Odyssee als Flüchtling. Was bewegt einen Menschen, auf eine solche Reise zu gehen, die so gefahrvoll ist und beschwerlich? Ein Mensch liebt sein Zuhause und seine Heimat, ist gebunden an seine Familie und seine Freunde. Es muß viel passieren, bevor jemand den Entschluss fasst, sein Land auf diese Weise zu verlassen.

Menschen fliehen aus Ländern und Regionen, in denen Kriege, Konflikte und Gewalt herrschen. Menschen fliehen aus Gegenden, in denen Armut herrscht, Arbeitslosigkeit, Hunger. Jeder Mensch sucht eine Aufgabe im Leben und möchte Teil einer Gemein­schaft sein. Es ist unwürdig, dass es Menschen gibt, die so arm sind, dass sie nicht wissen wie sie am nächsten Tag ihre Familie ernähren, es ist unwürdig, dass so viele junge Menschen keine Möglichkeit haben, ihre Energie, ihren Ehrgeiz und ihre Intelligenz in einem selbstgewählten Beruf einzusetzen und damit der Gesellschaft einen Dienst leisten und sich selbst einen Unterhalt verdienen, der ihnen ein Leben in Sicherheit bietet, Zufriedenheit schafft und Selbstbewusstsein.

Der Tag geht anstrengend weiter. Wir entdecken fünf weitere Schlauchboote, darauf hunderte Menschen, die wir mit Schwimmwesten versorgen und schließlich auf einen großen Frachter, die Okyroe, evakuieren können. Während unserer Rettungs­bemühungen auch heute wieder ‚Engine Fisher’ um uns herum. Auch die Menschen, die wir von dem sinkenden Schlauchboot gerettet haben und die Syrer aus dem Holzboot übergeben wir an die Okyroe. Die vier Leichen übergeben wir an die SIEM Pilot, ein norwegisches Versorgungsschiff, das für Frontex im Einsatz ist.

Der Tag hat uns an unsere Grenzen gebracht, und manche darüber hinaus. Wir benötigen Zeit, um die Erlebnisse zu verstehen und zu verarbeiten. Daher vereinbaren wir, dass wir morgen einen halben Tag Pause machen, uns erholen und unsere Ausrüstung für weitere Einsätze sortieren.


Bookmark-Service:
11/17
Sea Watch 2
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika