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Sea Watch 2 – 24.10.2016

802 Menschen aus sieben Booten gerettet

Donnerstag, 20.10.2016

802 Menschen aus sieben Booten gerettet
Es ist unheimlich traurig und zutiefst beschämend zu sehen, in welche Gefahr sich Menschen zu bringen bereit sind, um nach Europa zu gelangen. Wir wissen, dass sich viele tausende, weit über hunderttausend Menschen jedes Jahr als Flüchtlinge auf den gefährlichen Weg in einem Boot über das Mittelmeer begeben, mit dem Ziel nach Europa zu gelangen.

Wir wissen, dass allein die Flucht dieser Menschen aus ihren Heimatländern nur bis ans Mittelmeer heran, bis nach Libyen oder Ägypten oder in die Türkei, so anstrengend und gefahrvoll ist, dass viele auf dieser Flucht sterben. Und sehr viele Menschen sterben bei ihrem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Wir kennen die Zahlen, lesen immer wieder von verunglückten Flüchtlingsbooten, in denen 10 oder 20 oder auch mehrere hundert Menschen sterben. Wir kennen die Bilder der vollkommen überladenen Schlauchboote, auf denen sich weit über hundert Menschen drängen. Wir kennen das Bild des erst drei Jahre alten Jungen Alan Kurdi aus Syrien, der im September 2015 an einem türkischen Strand tot aufgefunden wurde, ertrunken auf der Flucht aus der Kriegshölle Syriens.

Solche Bilder machen uns betroffen, jedoch meist nur für einen kurzen Moment, solche Bilder können Diskussionen entfachen, die jedoch ersterben, sobald das nächste große Thema in den Vordergrund tritt und alle vorangegangenen Diskussionen an Bedeutung verlieren und schließlich aus dem kollektiven Bewusstsein entschwinden.

In der vergangenen Nacht war ich zur Wache auf der Brücke von 23 Uhr bis 3 Uhr morgens eingeteilt. Zu Beginn der Nacht bringt Jon, unser Kapitän, das Schiff an eine Position soweit entfernt außerhalb der 24-Seemeilenzone vor Libyen, dass wir auch unter Berücksichtigung der geplanten Drift während der Nacht außerhalb der 24-Seemeilenzone bleiben werden. Solange wir in unserem Suchgebiet verweilen wird die Maschine nachts gestoppt, daher entfallen die stündlichen Kontrollen des Maschinen­raums.

Die Nacht ist unglaublich klar, ein  wunderschöner Sternenhimmel, in den man tiefer und tiefer hineinzusinken vermeint je länger man in ihn hineinblickt. Darin der abnehmende Mond, der noch ausreichend Kraft aufbringt, die Nacht mit seinem fahlen Licht zu erhellen. Der Mondschein spiegelt sich auf den Wellen und läßt das Meer metallisch  glitzern. Die Nächte werden kälter und so erzeugt der leichte Ostwind eine Gänsehaut auf meinen Armen während ich vom Brückendeck aus das Meer bis zum Horizont mit bloßem Auge und mit dem Fernglas nach Booten absuche. Am Horizont erstreckt sich die libysche Küste als schmaler orangegelb schimmernder Streifen, dort, wo größere Städte liegen, ist der Streifen heller und breiter.

In der Nacht keine ernsthaften Vorkommnisse. Zuerst ein unklarer Lichtschein am Horizont, der viermal für nur wenige Sekunden aufleuchtet. Ein Feuerwerk? Eine Leuchtrakete? Eine Explosion? Dann auf dem Radar das Signal eines vermeintlichen Flüchtlingsboots: ein kleines Signal, das sich in unsystematischen Schlangen-und Zikzaklinien in insgesamt nördlicher Richtung fortbewegt. Ingo entscheidet, dass wir uns nähern sollten, aber etwa auf halber Strecke erkennen wir, dass es sich um ein größeres Fischerboot handelt und wir brechen die Suche ab.

Ich liege erst nach 4 Uhr im Bett und schon um kurz vor 8 Uhr ruft Judith in die Kajüten, dass wir sofort aufstehen sollen und auf dem Arbeitsdeck sammeln, um die Boote zu kranen. Im Gegenlicht des Sonnenaufgangs entdeckte die Wache auf ‚Monkey Island’ am Horizont eine Kontur, die sich im Fernglas und aus näherer Entfernung als ein überladenes Schlauchboot identifizieren ließ, ein Modell wie es nur von Flüchtlingen genutzt wird.

Wir setzen die Tender ins Wasser und nähern uns dem Boot. Eines dieser breit ausladenden, sicher mehr als 6 Meter langen Schlauchboote mit dickbauchigen grauen Schläuchen, die sich am Bug nach oben wölben. Am Achterspiegel ein für die Größe des Bootes und Last viel zu schwacher 40-PS-Zweitaktmotor

Wir nähern uns mit unserem Schnellboot. Dann das so häufig einstudierte Vorgehen: Begrüßen der Insassen, erklären, dass wir helfen werden, umkreisen des Bootes, Suche nach Personen, die dringend medizinische Hilfe benötigen, bestimmen der Anzahl von Frauen und Kindern im Boot, immer wieder Beruhigung möglicher Unruhestifter. Dann folgte das Verteilen der Schwimmwesten. Das Boot mit den so gesicherten Insassen übergeben wir schließlich an die Helfer von „Ärzte ohne  Grenzen”, die die Insassen auf ihr Schiff „Bourbon Argos” evakuieren.

Noch während wir mit der Sicherung und Rettung der Insassen des Bootes beschäftigt sind, entdecken wir auf unserem Beobachtungsposten ‚Monkey Island’ ein weiteres Schlauchboot, auch das versorgen wir schnell mit Schwimmwesten und übergeben es an die Kollegen von „Ärzte ohne  Grenzen” auf der Bourbon Argos. Immer mehr Boote, manche näher, andere noch weiter von uns entfernt. Bald wird klar, dass die Schleuser auf libyscher Seite die guten Wetterbedingungen tatsächlich nutzen konnten und in der Nacht eine Vielzahl an Booten auf den Weg geschickt haben.

Bis zum späten Nachmittag entdecken wir 6 große Schlauchboote und ein kleineres Holzboot. Wir konnten alle Menschen auf den Booten mit Schwimmwesten versorgen, bevor sie nach und nach von der Bourbon Argos aufgenommen wurden. Die Zusammen­arbeit mit den Helfern von „Ärzte ohne Grenzen” auf der Bourbon Argos verlief sehr unkompliziert, unglaublich angenehm und professionell. Gemeinsam konnten wir so bis zum Abend 802 Personen retten, die nun von der Bourbon Argos sicher nach Italien gebracht werden.

Aus einem der Boote entscheiden wir, zwei Frauen zu bergen, die augenscheinlich in sehr schlechtem Zustand sind. So eine Bergung ist riskant. Zunächst ist die Person gefährdet, die geborgen werden soll, denn es besteht immer die Gefahr, dass sie dabei ins Wasser fällt. Es ist daher unbedingt notwendig, dass nur Personen, die Schwimm­westen tragen, transferiert werden.

Aber auch die anderen Personen auf dem Boot gefährden wir und auch uns, wenn wir uns einem Flüchtlingsboot so weit annähern, dass die Übernahme einer Person möglich ist. Es könnte auf dem Boot eine plötzliche Unruhe entstehen und weitere Personen könnten versuchen, auf unser Boot herüberzukommen. Es besteht die große Gefahr, dass ein Boot oder beide Boote kentern oder Personen ins Wasser fallen, wenn dies viele Personen gleichzeitig versuchen. Daher ist es unbedingt notwendig, vor so einem Personentransfer die Stimmung auf dem Boot genau einzuschätzen, diese gegebenen­falls zu beruhigen und das geplante Vorgehen sehr genau mit den Insassen zu besprechen.

Die beiden Frauen sind sehr schwach, eine ist schwanger. Sie sprechen nicht mit uns, haben Mühe die Augen zu öffnen. Wir vermuten, dass sie bei der viele Stunden langen Reise übers offene Meer in der prallen Sonne nicht ausreichend getrunken haben. Beide bekommen eine Infusion und nach Gabe von einem Liter Flüssigkeit erholen sie sich langsam und kommen ein wenig zu Kräften. Später werden auch sie auf die Bourbon Argos übernommen.

Jedes Boot ist anders. Manche sind so überfüllt, dass seitlich auf den Schläuchen je 40 oder 50 Menschen hintereinander sitzen, ein Bein über dem Bootsrand nach außen hängend, im ganzen Boot können es dann über 160 Menschen sein. Die Menschen können sich nicht rühren, sie können nicht die Position wechseln. Sie müssen Stunde um Stunde nahezu regungslos ausharren, so eingeengt zwischen anderen Menschen, dass sie kaum ausreichend Platz zum Atmen haben. Im Innern des Boots sind oft die Frauen und die Kinder untergebracht. Dort haben sie es noch enger, sind eingezwängt zwischen den Körpern der anderen und immer wieder finden Retter bei der Evakuierung der Boote Tote in den Booten, die vermutlich erstickt sind, unter der Last der Menschen um sie herum zu Tode gedrückt wurden.

Die Enge auf den Booten ist auch für unsere Rettungen wichtig. Nach der ersten Kontaktaufnahme beginnen wir relativ schnell mit der Verteilung der Rettungswesten, um die Menschen, die häufig Nichtschwimmer sind, bei einem Kentern des Bootes oder für den Fall, dass jemand über Bord geht, vor dem Ertrinken zu schützen. Die Rettungswesten sind aber voluminös und auf den dicht besetzten Booten ist nicht ausreichend Platz, um alle Menschen mit den Westen zu versorgen.

Würde man auf einem Schlauchboot, auf dem 150 oder 160 Menschen sind, alle Menschen mit einer Rettungsweste versorgen, besteht die Gefahr, dass Menschen erdrückt werden und ersticken. Wir müssen also vor und während der Verteilung der Westen die Enge im Auge behalten und frühzeitig Leute evakuieren, um etwas Platz zu schaffen.

Während des Tages überfliegt uns immer wieder in relativ niedriger Höhe die spanische Aufklärungs-Transall Seagul 75. Leider scheitern alle direkten Versuche, per Funk Kontakt mit der Besatzung aufzunehmen, so dass wir für unsere Such- und Rettungs­bemühungen leider nicht von der großen Aufklärungskapazität dieses Flugzeuges profitieren können. Anscheinend werden die Informationen aus dem Flugzeug nur an MRCC weitergeleitet und auf diesem Weg vergehen leider oft viele Stunden bis wir diese wertvollen Informationen erhalten. Genauso hält sich während des ganzen Tages ein spanisches Militärschiff mit Hubschrauber in unserer Nähe auf, ohne aktiv in das Geschehen einzugreifen.

Es gibt noch weitere Akteure und Zuschauer um uns herum. Viele kleine Holzboote mit ein oder 2 Männern an Bord fahren um uns herum, nähern sich immer wieder den Flüchtlingsbooten und beobachten unsere Rettungsbemühungen ohne aktiv darin einzugreifen. Außerdem fährt dort ein Boot mit der Beschriftung der libyschen Küstenwache herum und weitere, etwas größere Yacht, auf der 5 oder 6 junge Männer zusehen sind. Sie nähern sich dem Boot der Küstenwache immer wieder dicht an, sprechen mit der Mannschaft. Es scheint, dass sie sich gut kennen, sich einig sind und in irgendeiner Form zusammengehören.

Alle dies Boote und deren Mannschaften behindern uns nicht, sie unterstützen uns aber genauso wenig. Mit einigen versuchen wir Kontakt aufzunehmen, sprechen die Mann­schaften an, wenn wir einmal nahe an ihnen vorbeifahren. Da in unserer Mann­schaft aber niemand Arabisch spricht und die Mannschaften weder Englisch noch Französisch noch Italienisch verstehen, gelingt keiner der Versuche.

Manche sind wohl gewöhnliche Fischer, die uns lediglich neugierig zusehen. Später am Nachmittag bekommen wir von einem dieser Fischer einen Beutel mit drei kleinen Thunfischen überreicht, die Friedrich für uns am Abend zubereitet.

Die meisten aber, genauso wie die Mannschaft der libyschen Küstenwache und die Männer auf der Yacht, die immer wieder entspannt mit dem Boot der Küstenwache in Kontakt sind, sind weder an der Rettung von Personen interessiert, noch auf der Jagd nach Fischen. Wir nennen sie ‚engine fisher’, denn sie wollen die Außenbord-Motoren die Flüchtlingsboote an sich nehmen. Sie nähern sich immer wieder den Flüchtlingsbooten und manchmal haben wir Mühe, sie von den Booten fernzuhalten. Die Flüchtlinge fürchten sich vor ihnen, denn sie haben große Angst nach Libyen zurückgeschickt zu werden.

Wir wollen keinen offenen Konflikt mit ihnen riskieren, daher verhalten wir uns zurückhaltend, versuchen zu beschwichtigen und konzentrieren uns auf die Rettung und die Sicherung der Flüchtlinge. Niemand ist offen gewalttätig, niemand zeigt offen irgendwelche Waffen, wir müssen aber davon ausgehen, dass zumindest die Mannschaft des Küstenwachenboots bewaffnet ist. Wir hindern diese Leute natürlich nicht daran, die Motoren der evakuierten Boote an sich zu nehmen. Wir achten aber darauf, dass sie die Boote nicht gefährden, solange noch Menschen darauf sind.

Als wir auch die beiden Frauen, die wir bei uns behandelt haben, der Bourbon Argos übergeben haben, beginnen wir mit dem Aufräumen. Wir heben die Boote an Deck, reinigen sie, sortieren die Schwimmwesten und packen jeweils 50 von diesen zusammen, so dass wir wieder einsatzbereit sind.



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