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Sea Watch 2 – 20.10.2016

Unser erster Einsatz?

Dienstag, 18.10.2016, abends

Unser erster Einsatz?
Erst vor wenigen Tagen haben wir uns kennengelernt: 16 Individuen, die ihr Wissen, ihre Energie und Arbeitskraft für eine Aufgabe einsetzen wollen, die ihnen wichtig erscheint und mit der sie unsere Welt vielleicht ein klein bisschen gerechter, ein klein bisschen lebenswerter machen können. Es kann schwierig sein, willensstarke Individuen in eine Gruppe zu integrieren und noch schwieriger kann es sein, aus 16 willensstarken Individuen eine Gruppe zu formen.

Und doch ist dies bei dieser 13. Crew auf der Sea Watch 2 genauso gelungen wie auch bei den vorherigen Crews sowohl auf der Sea Watch 1 im vergangenen Jahr als auch auf der Sea Watch 2 in diesem Jahr. Vielleicht sind es die Bedeutung unserer Aufgabe und die Verantwortung den Flüchtlingen gegenüber, die uns helfen uns einzuordnen und wenn nötig unterzuordnen, unseren Eifer und unsere Energie so zu lenken, dass wir gemeinsam als Gruppe so gut funktionieren, uns ergänzen und unterstützen.

Am Nachmittag haben wir noch einmal mit den RHIBs trainiert. Für unsere eigene Sicherheit und die Sicherheit der Flüchtlinge ist es sehr wichtig, dass unser Verhalten gerade beim ersten Zusammentreffen mit einem Boot eingespielt und routiniert ist. Sollte beim ersten Zusammentreffen oder während des Verteilens der Schwimmwesten oder auch später, beim Transfer von Personen von einem Flüchtlingsboot auf eines der RHIBs und weiter auf die Sea Watch 2 auf dem Boot Panik oder auch nur eine größere Unruhe ausbrechen, riskieren wir Menschenleben.

Geht einer der Flüchtlinge, die überwiegend Nichtschwimmer sind, über Bord bevor er eine Schwimmweste anlegen konnte, kann er ertrunken sein bevor jemand seine Abwesenheit überhaupt nur bemerkt. Eine Gruppe von mehr als hundert Menschen, die auf engstem Raum zusammengedrängt sind, die um ihr Leben fürchten und deren Rettung nun in  greifbarer Nähe ist, ist nicht überschaubar und unberechenbar.

Gerade als wir die Übung beenden und damit beginnen wollten, die Boote wieder aufs Deck zu kranen, meldet Jon, unser Kapitän, dass er auf dem Radar ein unklares Objekt entdeckt habe. Ein Flüchtlingsboot? Fast zwei Seemeilen in Richtung Süden hat er ein Objekt ausgemacht, das sich auf dem Radar etwa so verhält wie eines der Schlauchboote mit Flüchtlingen an Bord.

Das Signal bewegt sich in Richtung Norden, also weg von der libyschen Küste und auf uns zu. Und es wechselt ganz ohne erkennbares System die Richtung, fährt in Zikzak- und Schlangenlinien. Ingo, unser 'Head of Mission', entscheidet, dass eines der RHIBs, das deutlich schneller ist als unser Schiff, in Richtung des potenziellen Ziels vorausfährt, um die Situation dort zu erkunden.

Banges Warten für einige Minuten. Stumm starren wir auf den Radarbildschirm und beobachten wie sich der rote Pfeil, der die Position des RHIBs anzeigt, viel zu langsam dem Bereich nähert, aus dem das unverständliche Signal kommt. Schließlich ist der Pfeil kurz vor dem Ziel. Gespannte Stille. Jon greift nach dem Funkgerät: "Tender 1 for Sea Watch 2". Rauschen, Knistern. Wir werden ungeduldig, doch dann antwortet Antonin, der Fahrer des RHIBs: "Tender 1". "Can you see something? You are in the target region." "Not sure, give us some time", antwortet Antonin. "Okay, go ahead." Wieder Warten, das unsere Geduld strapaziert. Wir starren auf den Radarbildschirm, folgen dem roten Pfeil, der nun die Richtung ändert, sich vom Zielgebiet entfernt. Minuten vergehen.

Judith ist als Fotografin und Journalistin Teil unserer Crew und war mit Antonin und Albrecht zu diesem Zeitpunkt auf dem Schnellboot. Sie spürten eine ungeheure Anspannung, denn sie erwarteten Schiffbrüchige, Menschen in Lebensgefahr, die unsere Hilfe benötigten. Sie entdeckten ein T-Shirt, das auf dem Wasser schwamm und sich schließlich als unbedeutender Plastikmüll entpuppte, sie erblickten einen Kopf, der drohte von den Wellen in die Tiefe gerissen zu werden und unterzugehen - ein Kind? - doch aus der Nähe erkannten sie, dass dies nur eine Qualle war, die sich in den Wellen treiben ließ.

Um sie herum war ein großer Vogelschwarm, vielleicht Möwen, die vermutlich Jagd auf einen Schwarm kleiner Fische machten.

"Only birds, there are only birds", meldet Antonin zur Sea Watch 2. der Schwarm, der sich auf und über dem Wasser sammelte, war offensichtlich so dicht, dass er das unverständliche Radarsignal auslöste. Augenblicklich entweicht aus uns die Anspannung, die uns in den vergangenen Momenten erfasst hatte und ebenso schnell verschwindet das Radarsignal. "Okay, come back", entscheidet Jon. Der rote Pfeil wendet erneut und bewegt sich wieder auf die Mitte des Bildschirms zu.

Jetzt, am späten Abend, ist es ruhig. Mit südwärts gerichtetem Bug dümpelt unser Schiff längs der Wellen und im sicheren Abstand jenseits der 24-Seemeilenzone vor Libyen. Das Schiff schaukelt träge im stotternden Rhythmus der Wellen. Allenfalls gelegentliche Schritte auf den Gängen durchbrechen die Ruhe, hin und wieder ein ruckartiges metallisches Rumpeln aus der Tiefe des Schiffsrumpfs, das gleichmäßige Rauschen der Lüftung, leises Rascheln und beruhigende Atemgeräusche aus dem Dunkel der benachbarten Kojen.


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