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Sea Watch 2 – 18.10.2016

Auf See zwischen Malta und Libyen

Montag, 17.10.2016, morgens:
Kaum hatten wir nach unserer Abfahrt gestern um kurz nach 18 Uhr das Hafenbecken von Valletta verlassen, hingen die ersten von uns über der Reling und überantworteten ihren vom kräftigen Seegang durchrührten Mageninhalt den Wogen des Mittelmeers. Ich bin froh, dass es mich nicht so schlimm erwischt hat - außer einem etwas flauen Gefühl habe ich die Nacht sehr gut überstanden. Barbara, neben mir als Ärztin auf dem Schiff, und ich verteilten großzügig Vomex-Kaugummis und Scopolaminpflaster, die aber zunächst nur wenig Linderung herbeibrachten. Glücklicherweise legten sich bei allen die Beschwerden im Schlaf, so dass sie zumindest im Bett entspannen konnten.

Am Morgen um kurz nach 9 Uhr, genießen wir gemeinsam auf dem Vordeck die von Friedrich gebackenen unheimlich leckeren Zimtschnecken. Friedrich, der in unserer Crew die Aufgabe des Kochs übernommen hat, ist eigentlich Software-Entwickler. Das Schiff schaukelt zwar ordentlich, liegt aber im Vergleich zu gestern Abend geradezu ruhig auf dem Meer. Daher ist bei fast allen die Übelkeit von gestern Abend nurmehr eine böse Erinnerung und die Zimtschnecken ein umso größerer Genuss.

Das Rauschen und Schwappen der vom Schiff verdrängten Wellen und das wohlige Glucksen des tapferen 50 Jahre alten Schiffsmotors, der uns zuverlässige Dienste leistet, wirken beruhigend. Und doch wissen wir, dass der sonnenklare Himmel, die ruhige See und nur wenig Wind die Bedingungen sind, unter denen die Schleuser ihre Boote in See stechen lassen.

Von anderen NGOs, die gerade in unserem Zielgebiet am Rande der 24-Meilenzone vor Libyen auf der Suche nach seeuntauglichen Flüchtlingsbooten patrouillieren, wissen wir, dass wir dort dringend gebraucht werden. In der vergangenen Nacht haben sie wieder hunderte Menschen retten können. Und sie haben erfahren, dass womöglich in einem Camp an der libyschen Küste noch mehr als tausend Flüchtlinge darauf warten, so bald wie möglich in ein Boot zu steigen. Die Anspannung ist bei uns weiterhin groß. Hier, noch viele Seemeilen von unserem Zielgebiet entfernt, erwarten wir keine Flüchtlings­boote, so weit würden sie mit ihren vollkommen überladenen Schlauchbooten nicht kommen, dafür hätten sie meist nicht einmal genug Treibstoff mit an Bord, denn die Schleuser sparen wo sie nur können.

Am späten Abend werden wir unser Zielgebiet erreichen. Bis dahin werden wir unsere Übungen von gestern fortsetzen. Gestern übten wir erstmals unser Vorgehen, wenn wir auf ein Flüchtlingsboot treffen. Wir müssen dann die beiden RHIB-Boote (Schnellboote mit einem festen Rumpf und und einem luftgefüllten Rand wie bei einem Schlauchboot, auf Englisch: rigid hull inflatable boat) vom Achterdeck mit dem Kran zu Wasser lassen. 

Eine kritische Aufgabe, da hierbei weder eines der Boote, noch das Mutterschiff und auf gar keinen Fall ein Crewmitglied zu Schaden kommen dürfen, die RHIB-Crews müssen in die Boote steigen, nachdem sie ihre Funkgeräte (jeder von uns trägt jederzeit ein eigenes Gerät bei sich, so dass wir uns ohne langes Suchen jederzeit schnell finden können) gegen wasserdichte Geräte ausgetauscht haben.

Gleichzeitig werden wir auf einer Rettungsinsel die Schwimmwesten bereitstellen, die an die In Seenot geratenen Flüchtlinge verteilt würden. Ebenso muss das Schiff für die Aufnahme der Flüchtlinge vorbereitet werden - wir haben hierfür verschiedene Bereiche auf dem Achterdeck und dem Oberdeck vorgesehen. Diese Übungen setzen wir heute später am Tag fort, so dass wir für unseren ersten Einsatz optimal vorbereitet sind.

Besonders kritisch ist die erste Annäherung an ein Flüchtlingsboot. Die Menschen dürfen nicht in Panik verfallen, sie müssen Ruhe bewahren. Die vollkommen überla­denen Boote würden sofort kentern, wenn Unruhe und unkontrollierte Bewegungen sie zum Schaukeln brächten. Wir müssen sichergehen, dass die Menschen Vertrauen zu uns gewinnen. Sie müssen schnell erkennen, dass wir ihnen helfen werden.

Diese Menschen sind zuvor monatelang, manche sogar über mehrere Jahre auf der Flucht gewesen. Sie wurden bestohlen, betrogen, gefangengenommen, gefoltert. Sie haben gelernt, dass Misstrauen und Angst ihnen das Leben retten können. Ihnen wird es sehr schwerfallen, uns Fremden zu vertrauen. Schon aus weiter Entfernung werden wir die Menschen ansprechen, uns zu erkennen geben und unsere Hilfe anbieten.

Währenddessen werden wir die RHIBs zu Wasser lassen. Das erste RHIB nähert sich dann mit einem Team aus drei Leuten dem Flüchtlingsboot, umkreist dieses. Eine Person spricht dabei die Flüchtlinge auf Englisch und auf  Französisch an, erklärt dass wir helfen werden. Die ansprechende Person wird eine Frau sein, denn die Flüchtlinge wissen, dass auf den Booten der Milizen oder der libyschen Küstenwache, die sie wahrscheinlich zurückschicken würden, keine Frauen sind. So hoffen wir Vertrauen aufzubauen.

Nachdem wir uns einen ersten Überblick verschafft haben werden, wieviele Menschen auf dem Boot sind, in welchem Zustand sie sind, wieviele Frauen und Kinder unter ihnen sind, beginnen wir mit dem Verteilen der Schwimmwesten. Gleichzeitig werden wir damit beginnen, die Frauen und Kinder auf unser Boot zu transportieren, damit sie zunächst in Sicherheit sind, wenn kein weiteres großes Schiff in der Nähe ist, das die Menschen bald aufnehmen kann, würden wir auch die Männer bei uns an Bord nehmen.

Wir bringen die Flüchtlinge aber nicht an Land. Wir übergeben sie an andere Boote, die diese nach Italien bringen, wo sie registriert werden und einen Asylantrag stellen können. Diese Boote können von anderen Hilfsorganisationen sein oder von der italienischen Küstenwache, selten einmal sind Kriegsschiffe, die u.a.für Frontex die europäische Grenze 'schützen' bereit Menschen aufzunehmen. Wir patrouillieren anschließend weiter vor den libyschen Hoheitsgewässern auf der Sache nach in Seenot geratenen Menschen.

Montag, 17.10.2016, abends:
Die Übungen waren sehr anstrengend, aber sie haben auch Spaß gemacht: Beide RHIBs mit dem Kran auf dem Achterdeck raus, Mannschaften rein, Mannschaften wechseln, Fahrübungen auf rauer See, Üben des Transports und des Verteilens der Schwimmwesten, die auf einer Rettungsinsel deponiert werden, Übung der Rettung eines über Bord gegangenen Crewmitglieds.

Aber schon gestern haben wir viel für den Ernstfall geübt und trainiert: Unser Feuer-Team hat seine Aufgaben im Fall eines Feuers an Bord geübt, das Medical Team, also Barbara, Bianca (sie ist Krankenschwester) und ich, haben den Behandlungsraum mit Nachschub aufgerüstet und die Ordnung dort kennengelernt, so dass wir bereit sind, unsere Patienten zu behandeln, die Fotografen und Journalisten an Bord haben sich im Medienraum eingerichtet, in dem sie ihre Bilder bearbeiten, Berichte Schreiben, Blogs aktualisieren und Nachrichten für die Facebook- und Twitter-Seiten von Sea Watch verfassen werden.

Jeder von uns hat ein eigenes Funkgerät, das er oder sie rund um die Uhr bei sich trägt, so dass wir uns einfach finden und absprechen können. Jeder hat außerdem eine eigene Schwimmweste, die wir nicht nur während der Einsätze, sondern immer auch nachts und bei unruhiger See, wenn wir uns auf den Außendecks aufhalten, tragen. Wir haben unser vorgehen für den Fall, das jemand von uns über Bord geht geübt. Dies wäre gerade nachts sicher eines der schlimmsten vorstellbaren Ereignisse, denn gerade bei unruhier See ist ein kleiner Menschenkopf nur schwer zu sehen.

Unsere Schwimmwesten blasen sich selbst auf, wenn sie mit Wasser in Kontakt kommen, ausserdem haben sie einen AIS-Peilsender, der auf unserer Brücke und auf jedem Schiff in der Nähe Alarm schlägt, wenn er mit Wasser im Kontakt kommt. Dann wird außerdem die Position auf dem Schiffsradar angezeigt, um das Auffinden zu erleichtern. Wir hoffen dass wir nie in diese Situation kommen werden.

Am Abend sitze ich wieder vier lange Stunden Wache auf der Brücke. Wir alle übernehmen diese Aufgabe im Wechsel nach einem klaren Schichtplan und immer zu zweit. Die Brücke muss rund um die Uhr besetzt sein und der Maschinenraum muss regelmäßig kontrolliert werden, sonst könnte der betagte Motor heißlaufen.

Tagsüber, besonders am frühen Morgen, wenn es am wahrscheinlichsten ist, dass wir auf Flüchtlingsboote treffen, halten wir außerdem auf 'Monkey Island' Wache und Ausschau auf das Meer um uns herum ('Monkey Island' ist das Deck über der Brücke und damit der höchste noch einfach und sicher zu erreichende Ort des Schiffes). Nachts ist es unabdingbar, dass immer ein Auge auf das Radar gerichtet ist, denn nur dort können wir in der Dunkelheit die Boote entdecken.

Dr. med. Alexander Supady
(alexander.supady@universitaets-herzzentrum.de)


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