17/17

Sea Watch 2 – 16.10.2016

"Wir alle spüren eine gewisse Anspannung"

Samstag, 15.10.2016
Morgen soll es losgehen. Ich bin jetzt seit 2 Tagen auf Malta. Unsere Crew hat sich nach und nach im Verlauf der vergangenen Tage im Sea Watch Camp, einem idyllischen alten maltesischen Haus direkt am Hafen, eingefunden: 16 Leute, die meisten aus Deutsch­land, ein Franzose, eine Irin. Darunter sind Studenten, Mechaniker, Software-Entwickler, Elektrotechniker, Ärzte, eine Krankenschwester, KFZ-Mechaniker und Rentner.

Einige von uns haben Erfahrung auf See, für andere wird es die erste längere Seefahrt werden. Einige haben schon für andere NGOs gearbeitet, für Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen, andere engagieren sich nun das erste Mal in einem solchen Projekt. Einige von uns sind schon einmal bei einem Sea Watch Einsatz dabei gewesen, für andere ist dies der erste Törn, wie für mich.

Wir alle spüren eine gewisse Anspannung. Der Einsatz, der uns erwartet, wird uns an Grenzen führen, er kann belastend sein, körperlich und psychisch. Wir alle sind hier, weil wir helfen wollen. Wir wissen von der Not der Menschen, die so verzweifelt sind, dass Sie bereit sind, in Kauf zu nehmen auf dem Mittelmeer zu sterben. Egal woher sie kommen, egal welche Gründe sie bewogen haben mögen sich auf diese Odyssee zu begeben, dies war keine leichte und leichtfertige Entscheidung.

Vermutlich jeder, der sich im Dunkel der Nacht an einem libyschen Strand in eines der vollkommen überladenem Schlauchboote setzt oder in einen ebenso überladenen Holzkahn, ist sich der Gefahren bewusst, weiß, dass diese Boote für eine solche Reise von Libyen bis an die italienische Küste nicht ausgelegt sind. Es fällt mir schwer, die Verzweiflung dieser Menschen mitzufühlen, die bereit sind, ihre Kinder auf solche ein Boot zu nehmen, ihre Frauen und sich selbst diesen Gefahren auszusetzen. Die meisten der Flüchtlinge, die aus Westafrika kommen, aus Niger, aus Nigeria, aus Mali, der Elfenbeinküste, aus Kamerun, aus Äthiopien oder Eritrea, sogar einige aus Syrien, Afghanistan und Bangladesh, können nicht schwimmen und dennoch wagen sie sich auf diese Boote.

Wir sind hier, um diesen Menschen zu helfen, Sie aus Seenot zu retten. In diesen Booten haben sie keine Chance, die europäische Küste lebend zu erreichen. Sie haben nicht genug Treibstoff, sie haben keine ausreichende Trinkwassermenge für eine tagelange Seereise, die meisten Boote irren orientierungslos ohne Navigations­instrumente und ohne seemännische Erfahrung umher und würden selbst wenn sie nicht kenterten, selbst wenn sie nicht verdursteten und hungerten nur zufällig nach vielen Tagen ihr Ziel erreichen.

Für mich, für alle Mitglieder dieser Crew aus Freiwilligen, die diesem Leid, diesem beschämenden Massensterben an Küste Europas vor unserer aller Augen nicht tatenlos zusehen wollen, war es eine bewusste Entscheidung uns zu engagieren. Wir wollen helfen, wir  wollen den namenlosen Tod so vieler Menschen nicht akzeptieren. Und doch, eine leichte Entscheidung war es nicht.

Wir wissen von den Gefahren auf See. Die Rettungseinsätze, bei denen wir die Flüchtlinge von ihren seeuntauglichen Booten mit unseren Schlauchbooten auf unser Schiff und andere Schiffe übersetzen sind riskant. Wir bringen uns in Gefahr und die Flüchtlinge. Natürlich trainieren wir die Einsätze, haben eingeübte Pläne nach denen wir vorgehen. Und doch verbleibt immer eine Ungewissheit, eine nicht vorhersehbare Unsicherheit.

Und wir wissen von anderen Gefahren. Ende August wurde die Bourbon Argos, ein von 'Ärzte ohne Grenzen' gechartertes Schiff, das in der gleichen Region wie unser Schiff zur Rettung in Seenot geratener Flüchtlingsboote im Einsatz ist von bewaffneten Angreifern überfallen. Die Angreifer näherten sich mit Schnellbooten, feuerten schon aus mehreren hundert Metern scharf auf das Schiff, enterten dieses. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, schließlich verließen die Angreifer das Boot.

Wir sind auf viele Ungewissheiten vorbereitet, haben Maßnahmen getroffen, um eine größtmögliche Sicherheit für die Crew zu gewährleisten, wir trainieren Notfallsituationen, trainieren unser Verhalten für den Fall eines Überfalls, für den Fall eines Feuers an Bord, eines medizinischen Notfalls, für den Fall, dass ein Crewmitglied über Bord geht. Und doch verbleiben Gefahren, die jeder von uns für sich beschlossen hat einzugehen. Und wir wissen, dass die Gefahren, denen sich die Flüchtlinge aussetzen, doch um einiges höher sind. Viele  von ihnen verlieren ihr Leben bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, um dort Asyl beantragen zu können. Wir hoffen, einigen das Leben retten zu können.

Heute ziehen wir aus dem Camp auf die Sea Watch 2 um. Das Schiff ist vor 2 Tagen mit der alten Crew hier im Hafen eingelaufen. Wir haben die alte Crew in den vergangenen Tagen kennengelernt, sie hat von ihren Einsätzen berichtet, die sehr anstrengend waren. Aber sie konnten hunderte Flüchtlinge retten, zeitweise waren auf der kleinen Sea Watch fast 300 Flüchtlinge mit an Bord, wurden dort medizinisch versorgt, konnten sich waschen, bekamen zu Essen und zu trinken, bevor sie an ein anderes Schiff übergeben wurden, das sie an die Italienische Küste brachte.

Nach einer Übergabe der verschiedenen Zuständigkeits- und Aufgabenbereiche von der alten an die neue Crew werden wir unsere Kojen beziehen, uns einrichten und später die erste Nacht auf dem Schiff verbringen, das für die kommenden gut 2 Wochen unser Zuhause sein wird. Wir füllen unsere Nahrungs- und Getränkevorräte auf, checken unser medizinisches Equipment und füllen auch hier verbrauchte Materialien und Medikamente nach, wir lernen unsere neue Umgebung kennen, in der wir in den kommenden 2 Wochen auf engem Raum miteinander werden auskommen, leben, essen, schlafen und arbeiten müssen.

Morgen werden wir weitere Sicherheitstrainings absolvieren, werden unsere Pläne für die Wachposten, auf denen wir rund um die Uhr Ausschau nach Flüchtlingsbooten halten werden, aufstellen und dann in Richtung der libyschen Küste in See stechen. Die Fahrt in unser Einsatzgebiet am Rande der 24-Meilen-Zone vor der libyschen wird etwa 24 Stunden dauern.

Dr. med. Alexander Supady


Bookmark-Service:
17/17
Sea Watch 2
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika