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Pflegers Schach med. – 10.10.2016

Das (Schach-)Geheimnis der Neurologen

Schon des Öfteren habe ich zu ergründen versucht, warum so viele der Neurologen so gut Schach spielen. Natürlich vergeblich. Warum spielen ein Prof. Dr. Peter Krauseneck und ein Dr. Giampiero Adocchio immer vorne mit und gewinnen schon einmal das Ärzte­turnier, während manch andere, denen das Schicksal eine andere ärztliche Disziplin zudachte, sich zwar redlich und gar nicht schlecht bemühen, aber ... Gibt es gar bei den Neurologen ein eigenes Schachzentrum im Gehirn? Wir wissen es nicht, sie verraten es uns nicht, vielleicht ist es ihnen selber ein Rätsel.

Vor 110 Jahren – im Jahre 1906, als er in Berlin arbeitete – erhielt der spanische Anatom und Neurologe Santiago Ramón y Cajal (über den ich bereits berichtete) den Nobelpreis für seine erstmalige genaue Darstellung der Nervenbahnen und des Gehirns und Rückenmarks, er postulierte bereits ein Nervensystem aus Ganglienzellen und deren Fortsätzen. Ein glühender Wissenschaftler bei der Aufdeckung des Nerven­systems und ein glühender ... Schachspieler! Wobei er sich, im Gegensatz zu seinem objektiven Denken in medizinischen Belangen, von seiner Schachleidenschaft ein ums andere Mal fortreißen ließ.

In seiner Autobiographie „Erinnerungen an mein Leben“ schreibt er: „In meiner läppi­schen Eitelkeit erreichte ich den Punkt, dass ich vier Partien gleichzeitig gegen verschie­dene Gegner spielte, unter der zahlreichen Anteilnahme von Zuschauern ... Ich spielte sogar ohne Ansicht des Brettes. Bald fand ich meinen Schlaf unterbrochen von Träumen und Albträumen, wo Bauern, Springer, Königinnen und Läufer in einem Wirrwarr rasend zusammen tanzten. Es kam vor, dass ich am nächsten Morgen mit schwerem Kopf früh aufwachte und verwirrt und verzweifelt ausrief: ‚Ich bin ein Narr! Ich hatte ein Schachmatt in vier Zügen und habe es nicht gesehen!’“

Doch schließlich gelang es ihm, seine Schachsucht für lange Zeit zu überwinden, „leider“ nicht für immer. Aber vielleicht lässt es sich ja auch mit einer „gemäßigten Schach­leidenschaft“ – sofern es eine solche gibt und sie keine „contradictio in adjecto“ ist, wie ein gewisser am Bodensee lebender Arzt und „leidenschaftlicher“ Altphilologe möglicherweise anmerken würde – ganz gut leben.

Und vielleicht erfreuen auch Sie sich an der schönen Kombination von Dr. Errit Rutz, selbstredend auch ein Neurologe, die ihm sogar gegen einen ausgewiesenen Meister des königlichen Spiels, Dr. Ralf Schön, glückte.

Diagramm

(wKg1, Df6, Ta1, Te5, Lc3, Lg2, Sc6, Ba2, b2, d5, f2, g3, h2;

sKg8, Db6, Ta8, Th8, Lb7, Lf8, Sc5, Ba5, d6, f7, g6, h5)

Bedrohlich hat sich die weiße Streitmacht von Dr. Rutz, angeführt von ihrer kriegerischen Königin, dem schwar­zen Monarchen, der selbst des Beistands seiner Dame entbehren muss, angenähert.

Dazu drei Fragen:

  1. Was hatte Weiß nach dem Entfernen des eingedrungenen Springers durch 1...Lxc6 vor?
  2. Und was geschah nach der tatsächlichen Partiefortsetzung 1...Th7 2.Te7 Lxc6?
  3. Und was plante er nach dem nicht weniger naheliegenden Schlagen des Turms durch 1... dxe5?

Lösung zeigen

  1. Auf 1...Lxc6 hätte Weiß mit dem wunderschönen Damenopfer 2.Dxh8+! Kxh8 3.Txh5++! (Doppelschach von Läufer und Turm, sodass der König ziehen muss!) Kg8 4.Th8 mattgesetzt.
  2. Auf 1...dxe5 wäre 2.Lxe5 Th7 3.Se7+! Lxe7 4.Dxb6 mit Damengewinn gefolgt.
  3. Schließlich gewann Weiß bei der tatsächlichen Partiefortsetzung 1...Th7 2.Te7 Lxc6 mit dem finalen Turmopfer 3.Txf7!, weil verheerend 4.Dxg6+ und 4.Txh7 Kxh7 5.Dh8 matt drohen und 3...Txf7 an 4.Dh8 matt scheitert.


Leserkommentare

JolowiczM am Montag, 10. Oktober 2016, 21:37
Wunderschön!
Aber wundert es, dass die Nervenärzte so nah an den Schachverrückten sind?

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