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Vom Arztdasein in Amerika – 31.08.2016

Hierarchie: Die eigene Position finden

An Universitätskliniken sind viele in meinem Leben unwichtig scheinende Themen plötzlich wieder sehr prominent geworden. Nicht weil ich an ihnen ein starkes Interesse besitze, sondern weil sie mir regelrecht aufgedrängt werden. Hierzu gehören Themen wie klinische Forschung, stetige Weiterspezialisierung als Arzt, Drittmitteleinwerbung, Multikulturalisierung des Krankenhauses oder auch Fragen die mit Hierarchien zusammenhängen.

Gerade Letzteres bewegt mich in letzter Zeit sehr und nicht umsonst habe ich mehrere Blogtexte diesem Thema gewidmet. Leider stelle ich tatsächlich fest, dass am Sprichwort „nach unten treten, nach oben buckeln“ viel Wahres dran ist und für viele Menschen das maximale Nachobenkommen das Ziel ist, um dann möglichst viele unter sich als Tretmaterial zu haben. Die Motive Ruhm, Anerkennung und Macht spielen dabei wichtige Rollen und intuitiv spürt man sehr schnell ein anderes Interaktionsmuster zwischen zum Beispiel Krankenpflege und Chefarzt versus Krankenpflege und Medizinstudent.

Entsprechend scheint ein Teil des Alltages damit beschäftigt zu sein sich in diesem System möglichst optimal zu positionieren um den nächsten Schritt auf der Leiter nehmen zu können; gerade Mediziner finden sich zügig in diesem Hierarchiesystem ein. Und obwohl es sehr banal scheint, aber nicht nur der von uns auf unseren Personalausweisen getragene Titel wie „Assistenzarzt“ oder „Facharzt“, sondern auch die Farbe des darauf befindlichen Balkens gibt sehr schnell dem Gegenüber zu verstehen, welche Position wir innehaben.

Der Blick beim Begegnen eines neuen Arztes wandert unwillkürlich schnell zu diesem Ausweis und wie selbstverständlich findet dann das Gespräch auf ein fast schon vorhersehbares Niveau oben-unten statt.

Der Medizinstudent bemüht sich zum Beispiel um den Eindruck eines hochmotivierten und wissbegierigen, potenziellen Mitarbeiters in Anwesenheit eines Ober- oder Chefarztes, wird aber zum internetsurfenden und eher desinteressierten jungen Mann wenn dieser aus dem Büro und nach Hause gegangen ist.

Trete ich dann zum ersten Mal als Unbekannter ein, fliegt der Blick des Studenten nervös und rasch auf meinen Ausweis. Erst wenn er meine Rolle wahrgenommen hat (eher unten anzusiedeln), kehrt er beruhigt wieder zu seiner Internetseite zurück. Oder aus dem grenzwertig sadistisch mich striezenden Oberarzt wird ein extrem freundlicher Arzt in Anwesenheit von ihm klar höher stehenden Ärzten, jovialer kaum sich vorzu­stellen. Auch aus der sehr netten und liebenswürdig scheinenden Krankenschwester mir gegenüber wird als weiteres Beispiel eine nörgelnde und unsympathische Person im Stationszimmer wenn ich nicht anwesend bin.

Diese Beobachtung mag alltäglich scheinen, aber vor allem für diejenigen die dauerhaft in solchen Hierarchien arbeiten und mit solchen Rollenwechseln oft in Berührung kommen. Ich bin das nicht mehr in diesem Maße gewohnt und habe ernsthaft Zweifel, ob ich an einem Universitätsklinikum langfristig gut aufgehoben bin oder doch lieber wieder in die Provinz und Selbständigkeit gehen sollte. Jedem das Seine. 


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