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Vom Arztdasein in Amerika – 07.07.2016

Die Suche nach einem Ultraschallgerät

Seit knapp zwei Jahren nutze ich täglich ein vom Krankenhaus mir zur Verfügung gestelltes Ultraschallgerät. Es verbessert meine diagnostische Genauigkeit, ist meistens tragbar und hat, je nach Modell, entweder die Größe eines großen oder kleinen Textbuches. Während ich früher stets meinen Reflexhammer, mein Oto- und mein Opthalmoskop im Kittel dabeihatte, so habe ich heutzutage neben meinem Stethoskop im Regelfall den Ultraschall griffbereit.

Kommt ein Patient mit Kurzatmigkeit zu mir, so höre ich nicht nur Lunge und Herz ab, sondern nutze den Ultraschall, um mir ein Bild von der Lunge, der Pleura und vom Herzen zu machen, hat jemand Bauchbeschwerden, so betrachte ich die Gallenblase, Leber, Nieren und Milz, je nach Lokalisation des Schmerzes. Das Ultraschallgerät ersetzt zwar nicht CT- oder MRT-Diagnostik, gibt mir aber einen besseren Überblick, als es alleine meine untersuchenden Hände, Augen und Ohren mir zulassen.

Bisher hatte ich das Glück, fast in jedem Krankenhaus ein solches Ultraschallgerät vorzufinden, durfte es mir meistens für meine gesamte Visite ausleihen beziehungs­weise fand es in der Notaufnahme oder auf der Intensivstation vor. Nun aber wechselte ich im Mai dieses Jahres die Stelle und kam an die renommierte Vanderbiltuniversität, musste aber überrascht feststellen, dass auf den meisten der Stationen genau dieses Ultraschallgerät nicht oder nur sehr begrenzt verfügbar zu finden war.

Mein Nachfragen führte zu nichts, und obwohl ich die volle Hierarchie auf dieses Thema ansprach, bei verschiedenen anderen Abteilungen und auf Verwaltungsebene vorstellig wurde, kam ich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Ich solle doch einen Antrag stellen, wurde mir von einer Seite mitgeteilt, von anderer Seite erhielt ich ein „Wofür brauchen Sie das?“, und von einer anderen einfach nur der Hinweis, dass ich ja die Radiologen bitten könne, Ultraschallbilder zu machen – das sei immerhin ihre Aufgabe. Ich kam also nicht voran, und auch nach anderthalb Monaten Arbeit hatte ich keinen regelmäßigen und leichten Zugang zu einem Ultraschallgerät.

Das frustrierte mich, gerade weil ich das als Rückschritt empfand, und so reifte in mir der Gedanke, dieses selber zu kaufen. Einen kleinen Hauskredit hätte ich zu Not sogar hierfür aufgenommen, denn kennt der Leser den Preis eines Ultraschalles? Wochenlang schrieb und telefonierte ich mit diversen Anbietern, sprach mit der Krankenhaus­verwaltung (was, wie oben dargestellt, frustran war) und erhielt nach zähem Nachfragen bei Sonosite, GE, Siemens und einigen chinesischen Anbietern endlich detaillierte Angaben und Preise.

Nach diversen Verhandlungen bewegten sie sich zwischen 7.500 US-Dollar (dann gebraucht und etwas veraltet) bis hin zu jenseits der 50.000 US-Dollar, alles keine besonderen Schnickschnackgeräte, also extra auf die Basalfunktion eines Internisten zugeschnitten, wie mir mitgeteilt wurde. Denn Sonderfunktionen kosteten deutlich mehr, und die im Internet angepriesenen und günstigeren Geräte waren auf mein Nachfragen hin stets ausverkauft beziehungsweise aktuell nicht lieferbar. Ob ich nicht lieber das andere, aber etwas teurere Gerät einmal anschauen wolle, hörte ich immer und immer wieder.

Endlich dann der Durchbruch: Eine kleine Firma hatte zufällig Restposten eines tragbaren und mir bekannten Modells. Die Verhandlungen waren zäh, wir waren kurz vor dem Abbruch, aber dann kam überraschend Bewegung in die Diskussion und endlich erhielt ich den Zuschlag für einen passablen Preis, knapp unter 5.000 US-Dollar.

Ein Hauskredit musste zwar nicht aufgenommen, aber meine Ersparnisse reduzierten sich. Immerhin: Seit gestern liegt dieser Ultraschall nun auf meinem Schreibtisch, wird gerade geladen, das Gel habe ich für einen Dollar pro Flasche gekauft und morgen werden alle auf Station staunen, dass endlich, endlich! – das 21. Jahrhundert auch in der Geriatrie bei uns Einzug gehalten hat.


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