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Gesundheit – 21.06.2016

Abgespeist: Wie Einladungen zum Essen die Verordnung von Arzneimitteln beeinflussen

Viele Ärzte finden es nicht anstößig, wenn sie von ihrem Pharmareferenten zu einem Essen eingeladen werden. Schließlich dient das zwanglose Gespräch ja einem guten Zweck. Der Arzt erfährt nützliche Informationen zu einem innovativen Medikament, das er seinen Patienten dann mit gutem Gewissen verordnen kann. Die Praxis ist interna­tional weit verbreitet und die Summen sind enorm.

In den USA haben Arzneimittel-Hersteller in fünf Monaten des Jahres 2013 insgesamt 3,4 Milliarden US-Dollar für „Geschenke“ an 470.000 Ärzte und 1.000 Lehrkranken­häuser des Landes verteilt. Darunter waren einige Großspenden. Das meiste Geld fließt jedoch in Kleinspenden. Von den 63.524 Spenden, die 279.669 Ärzte in Kalifornien erhielten, betrafen 95 Prozent Ausgaben für einzelne Mahlzeiten. Im Mittel gaben die Referenten weniger als 20 US-Dollar aus. Häufig sind es offenbar kleine Nahrungs­mittelgeschenke, die in der Praxis verteilt werden und keine teuren Einladungen zu einem Dinner in einem teuren Restaurant.

Doch auch diese Mini-Spenden zeigen Wirkung, wie Adams Dudley von der Universität von Kalifornien in San Francisco durch einen Abgleich der Zuwendungen mit den Verordnungen für vier Medikamente zeigen konnte. Die Studie wurde möglich, weil die Hersteller in den USA durch den „Physician Payments Sunshine Act“ gezwungen sind, die Spenden mit Name und Adresse des Empfängers zu melden.

Die Forscher setzten diese Werbeausgaben mit der Verordnung von vier Wirkstoffen in Beziehung. Sie wählten dazu vier patentgeschützte Wirkstoffe, zu denen es nach Einschätzung vieler Experten preisgünstigere Generika-Alternativen gibt. Dies waren der Lipidsenker Rosuvastatin, der Beta-Blocker Nebivolol, der AT1-Inhibitor Olmesartan und das Antidepressivum Desvenlafaxin.

Diese Mittel hatten trotz kostengünstiger Alternativen einen hohen Anteil an den Verordnungen. Auf Rosuvastatin entfielen 8,8 Prozent aller Statin-Rezepte; Nebivolol hatte einen Anteil von 3,3 Prozent an den kardioselektiven Beta-Blockern, Olmesartan repräsentierte 1,6 Prozent aller Verordnungen von ACE-Hemmer/AT1-Antagonisten und Desvenlafaxin wurde für 0,6 Prozent aller Rezepte von modernen Antidepressiva (SSRI und SNRI) ausgewählt. 

Ärzte, denen im Zusammenhang mit der Bewerbung der Medikamente vier Mal oder häufiger kostenlose Nahrungsmittel angeboten wurden, verordneten Rosuvastatin 1,8-fach häufiger als Ärzte, die keine kostenlosen Mahlzeiten erhalten hatten. Desvenlafaxin wurde von den viermal oder häufiger beköstigten Ärzten 3,4-fach häufiger verordnet, bei Olmesartan stieg die Verordnungsrate 4,5-fach und bei Nebivolol sogar 5,4-fach an.

In einer adjustierten Analyse, die Verschreibungsvolumen, demografische Merkmale, Fachgebiet und Praxisform berücksichtigte, waren die Auswirkungen etwas geringer. Dudley konnte jedoch bereits für eine einzelne Mahlzeit eine signifikante Assoziation mit der bevorzugten Verordnung des Originalpräparats nachweisen. Die Odds Ratio betrugen 1,18 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,17-1,18) für die Präferenz von Rosuvastatin gegenüber anderen Statinen, 1,70 (1,69-1,72) für die Bevorzugung von Nebivolol vor anderen Betablockern, 1,52 (1,51-1,53) für die häufigere Verordnung von Olmesartan und 2,18 (2,13-2,23) für die Wahl von Desvenlafaxin statt einem anderen SSRI/SNRI.

Die Assoziation war „Dosis“-abhängig: Je häufiger die Ärzte kostenlose Mahlzeiten erhalten hatten, desto größer war ihre Präferenz für das Originalpräparat. Dies ist in Studien immer ein Hinweis auf eine Kausalität. Es bleibt jedoch möglich, dass Ärzte, die von vornherein aufgeschlossen sind für neue Medikamente, sich häufiger einladen lassen, während kostenbewusste Ärzte, die Generika bevorzugen, keinen Anlass für ein Informationsgespräch mit dem Pharmareferenten sehen.

Henne und Ei lassen sich nicht immer trennen. Die Arzneimittelhersteller scheinen jedoch mit Dudley der Ansicht zu sein, dass die kleinen Geschenke ihre Wirkung nicht verfehlen. Sonst würden sie schwerlich so viel Geld für die Bewerbung von Arzneimitteln ausgeben. Die Bespeisung der Ärzte scheint derzeit zu den effektivsten Mitteln der Einflussnahme zu gehören.


Leserkommentare

SOCO10 am Mittwoch, 22. Juni 2016, 15:02
Die Pharma-Falle
Nach Lektüre dieses Buches wird Patienten ein Licht aufgehen.
Autor: Dr. Fahmy Aboulenein, Wien.


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