42/301

Vom Arztdasein in Amerika – 08.04.2016

Ölpreisbedingte Veränderungen

Viele US-Bundesstaaten profitierten bekanntermaßen von den hohen Erdölpreisen und der zunehmend eingesetzten Technologie der hydraulischen Frakturierung, bei welcher Risse im Gestein zur Erdölförderung erzeugt werden, das „Fracking“. Profitiert haben von dieser Technologie Bundesstaaten in ganz USA, so unterschiedliche wie Illinois, Pennsylvania, Texas, Kalifornien, Wyoming, Montana oder Norddakota. In all den betroffenen Gegenden sind als Folge des Erdölrausches die Immobilienpreise und Bevölkerungszahlen in bestimmten Regionen nach oben geschnellt, und es entstanden zum Teil Arbeitsstellen in einem kaum zu füllenden Tempo.

Besonders Norddakota war hiervon betroffen, wie schon in vorherigen Blogtexten dargestellt – ich erlebe das als Arzt hautnah mit. Aber gerade zwischen 2015 und 2016 hat sich diese Entwicklung stark abgekühlt und zum Teil ins Negative gekehrt, wohl als Folge des starken Absinkens des Ölpreises. Immerhin geht man von einem Mindest­preis um die 50 bis 60 US-Dollar pro knapp 120 Liter aus ehe die Förderung in Narddakota rentabel ist, liegt also derzeit im Defizitbereich, ohne bisher gute Förderalternativen gefunden zu haben (z.B. http://www.cnbc.com/2016/03/11/some-bakken-drillers-see-greener-pastures-elsewhere.html).

Als Folge dieses Erdölrausches waren die Immobilienpreise in Norddakota in den letzten fünf Jahren stark angestiegen, zum Teil sich verdoppelnd, die Bevölkerung ist in den letzten fünf Jahren um 15% gewachsen (in manchen Gegenden wurden Ortschaften förmlich aus den Boden gestampft) und der Finanzhaushalt hatte die letzten Jahre über stets einen Überschuss. All das verändert sich derzeit, die Immobilienpreise stagnieren seit neuestem, erste Menschen wandern wieder ab und aus einem Haushaltsüber­schuss wurde ein Defizit, so daß der von Norddakota angelegte Ölfonds zum ersten Mal seit vielen Jahren angezapft werden muß und Gelder entnommen werden: http://www.cnsnews.com/news/article/north-dakota-governor-orders-cuts-amid-1b-budget-shortfall.

Die Mentalität scheint nun auch deutlich verändert im Gegensatz zu vor sieben Monaten, das letzte Mal als ich in Norddakota arbeitete. Es scheint dieses Mal als würde ich mehr Menschen mit Drogen- und Alkoholprobleme aufnehmen und deutlich mehr Selbstmordversuche therapieren, viele gerade ärmere Menschen wirken deprimierter und auch die Einstellungen gegenüber den vielen Flüchtlingen ist skeptischer, man scheint verschlossener gegenüber Fremden und die ersten Geschäfte schließen.

Ist das alles nur eingebildet oder ändert sich tatsächlich das Umfeld derart schnell in Norddakota? Ist alles nur ein Strohfeuer das von hohen Ölpreisen abhing? Aktuell klingen die veröffentlichten Statistiken noch positiv, die (offizielle) Arbeitslosigkeit ist bei traumhaften 3%, die Steuerlast ist im Verhältnis zum Nachbar Minnesota weiterhin niedrig und Arbeitsmöglichkeiten gibt es laut offiziellen Velautbarungen weiterhin unbegrenzte. Doch sollte der Erdölpreis noch auf Monate hinaus unter dem Wert von knapp 50 bis 60 US-Dollar bleiben, so ist nicht nur in vielen Erdölländern dieser Erde, sondern auch Norddakota, von finanziellen und damit letztlich gesellschaftlichen Problemen auszugehen. 


Bookmark-Service:
42/301
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs