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PJane – 01.03.2016

Bauer sucht Landarzt - Kommt das Pflichttertial Allgemeinmedizin?

Kaum sind wir aus dem praktischen Jahr heraus, passiert unglaublich viel. Die Agenda 2020, welche das Medizinstudium - mal wieder - etwas umkrempeln möchte, die lang überholte Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen im PJ: man könnte diese Liste noch eine ganze Weile fortsetzen. Vieles davon ist gut, die Forderungen kommen spät, aber immerhin haben wir jetzt sehr engagierte Vertreter, die sich diesem Thema annehmen - was unsere Berufsvertretungen bisher jahrelang nicht oder nur erheblich milder getan haben.

Anderes ist streitbar: Ein Vorhaben, das seit längerem zur Diskussion steht ist, das bisherige Wahltertial im praktischen Jahr durch ein Plichttertial oder zumindest ein Pflichtquartal in der Allgemeinmedizin zu ersetzen: Vor allem der Landarztmangel macht dem Land zu schaffen. In Dörfern und Städten fehlen die Hausärzte, allen voran in Mecklenburg- Vorpommern, Sachsen und Thüringen. Da könnte man doch...

Moment: richtig, einfach die jungen Studenten einspannen, die laut Umfragen eben dort n-i-c-h-t für die nächsten fünf Jahre hinmöchten - nicht zuletzt wegen fehlender Strukturen wie Arbeitsplätze für Partner, Kitas und Kultur. Dazu kommt die oft fehlende Perspektive darüber, wer einen im Zweifel wann und wie vertritt - wenn man der einzige Arzt in einem 70 Kilometer Radius ist.

Ein Pflichttertial einführen, sodass jeder Student dort für eine Weile hin muss, denn nach dieser Zeit ist genau dieser Student derjenige, der sich langfristig für eine Ausbildung auf dem Land entscheidet und den Hausarztmangel besiegt.

Im Ernst?

Mag das für fünf, sechs, vielleicht auch 50 Studenten zutreffen - dass dies nicht die Lösung des Problems sein kann, dafür muss man kein Experte sein. Wenn wir in zehn Jahren feststellen, dass immer weniger junge Ärzte die Urologie in Betracht ziehen - gibt es dann einen neuen Plan mit einem Pflichtabschnitt Urologie im PJ?

Dass man die Allgemeinmedizin stärker ins Visier nimmt, ist sinnvoll und an vielen Universitäten bereits Alltag durch ein zweiwöchiges Pflichtpraktikum im Rahmen der Blockpraktika sowie eine hausärztliche Pflichtfamulatur. So weckt man vielleicht Interesse bei Studenten, die das Fach bislang noch nie in Erwägung gezogen haben. Eine mehr als vertretbare Maßnahme bei einem so wichtigen und speziell auf dem Land unterbesetzten Fach.

Aber ein Pflichtabschnitt im PJ, um den Mangel an Assistenzärzten in der Allgemeinmedizin zu beseitigen? Wer kommt auf die Idee, dass durch noch einen Pflichtabschnitt Begeisterung statt einer Abwehrhaltung geweckt wird? Dass man Studenten in einem Studium, das ohnehin von vorne bis hinten verschult ist und die sich auf ihren Wahlabschnitt freuen, hierdurch erfolgreich, das heißt langfristig, akquirieren kann?

Ich habe die Logik dahinter bisher nicht verstanden, sie ist für mich nicht rund, weil sie am falschen Ende ansetzt. Bisher ist ja noch nichts entschieden, aber vielleicht sollte man sich als zukünftiger PJ-Student schon einmal aufs Landleben vorbereiten. Prophylaktisch.

Denkend, dass wir ja anscheinend noch nicht genug Vorgaben im Studium hatten,

grüßt

die PJane


Leserkommentare

PJane am Dienstag, 8. März 2016, 01:21
Liebe(r) Stmoe123,
danke für Ihre konstruktive Kritik!
Ich stimme Ihnen, wie in meinem Blogpost darum ebenso geschildert, voll und ganz zu, dass die Schlussfolgerung, durch ein Pflichttertial könne man den Landärztemangel wirkungsvoll entgegentreten, unglaubwürdig ist. Genau hierauf wollte ich ja hinweisen.
Benutzt wird sie von Vertretern der "Pflicht- Idee" durchaus des Öfteren, z.B. hier:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=62256 oder hier:
https://www.marburger-bund.de/landesverbaende/nrw-rlp/artikel/landesaerztekammer-rheinland-pfalz/2012/kein-pflichttertial-im-praktischen-jahr

Auch im Protokoll des Bundestages heißt es eindeutig:
"Die in der Verordnung vorgesehenen Quoten für die Plätze im Praktischen Jahr in der Allgemeinmedizin sind angesichts der Bedeutung der primärärztlichen Ebene für die medizinische Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland nicht ausreichend. Es fehlt auch eine verbindliche Vorgabe eines Pflichtabschnitts in der Allgemeinmedizin. Langfristig ist es erforderlich, dass alle
(...)Studierenden über einen längeren Zeitraum in einer Hausarztpraxis ausgebildet werden. Hierdurch wird das Verständnis für die verschiedenen Versorgungs- ebenen gefördert und möglicherweise auch die spätere Berufswahl beeinflusst."
(Quelle: http://dipbt.bundestag.de/dip21/brd/2012/0238-12.pdf).

In Ihren Überlegungen zur Wichtigkeit des Faches Allgemeinmedizin stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu und danke sehr für Ihren fachlichen Einblick, in dem Sie aus Ihrem Erfahrungsschatz berichten. Ich bezweifle nur, dass sich dieses Problem durch einen vollen Pflichtabschnitt lösen wird.

Eventuell wird es ja auf Quartale hinauslaufen, wer weiß?

Ich danke Ihnen für die guten Wünsche!!


stmoe123 am Freitag, 4. März 2016, 21:45
Es gibt mehr gute Gründe für Allgemeinmedizin im PJ als für Chirurgie oder Innere
Da machen Sie es sich aber sehr einfach!
Das Argument, dass PJler nach einem Quartal Allgemeinmedizin später "automatisch" auch Landärzte würden benutzt (und glaubt) doch so kaum ein Allgemeinmediziner!
1. Jeder Allgemeinarzt hat i.d.R. viele Jahre in Kliniken gearbeitet, viele KH-Ärzte dagegen keinen einzigen Tag inm Bereich der Primärmedizin. Von vielen KH-Ärzten kennt keiner den den Bereich der Medizin, in dem rund 50% aller Gesundheitsprobleme behandelt werden, in dem die meisten chronisch Kranken versorgt werden. Wie wollen Sie als KH-Ärztin Patienten wirklich gut und umfassend betreuen, wenn Sie keine Vorstellung haben, wie diese mit ihren Gesundheitsproblemen nach der Entlassung umgehen?
2. Ein paar Monate Chirugie oder Innere können Sie im KH (wenn Sie nicht ohnehin diese Fachrichtungen einschlagen wollen) nach ihrem Studium immer noch machen. In vielen Fachrichtungen wird die Zeit ja sogar auf die Weiterbildung angerechnet - sie ist also nicht verloren. Realistischerweise muss man aber doch zugeben, dass KollegInnen, die nach Ihrem Studium nicht die Fachrichtung Allgemeinmedizin wählen, nie in diesem Gebiet Erfahrungen sammeln werden, wenn Sie diese nicht im PJ gemacht haben.
3. Viele KH-Ärzte leisten KV-Notdienste ohne den Umgang mit dem unausgelesenen Krankengut wenigstens mal ein paar Wochen gelernt zu haben!
4. Internisten behaupten, die Innere sei die "Mutter der Medizin", die in allen Fachbereichen gebraucht würde. Als Hausarzt, der lange Jahre in der Inneren gearbeitet hat, sage ich: Nein, es ist die Allgemeinmedizin!
Also: ein Tertial Allgemeinmedizin, stattdessen nur ein Tertial Chirurgie oder Innere, dann haben sie sogar weniger Vorgaben und mehr Wahlfreiheit im PJ!
Ihnen noch viel Freude im PJ und im Beruf!
EEBO am Dienstag, 1. März 2016, 21:45
Schön,
dass ich nicht der einzige bin, der die Thematik so sieht. Danke für den Beitrag!!


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