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PJane – 16.02.2016

I’m done, so done: Bericht aus dem Examensloch.

Ich weiß nicht, ob das nur mir so geht, aber in der Examenslernzeit hatte ich eine Liste. Keine in Form eines Blockes, bewahre, Mind- Maps und Bücher hatte man ja genug, sondern eine, die in meinen Lernpausen wuchs, wenn ich dachte: Da könntest du mal hin, das sieht nett aus. Malen könntest du mal wieder. Und dir dabei so richtig Zeit lassen. Überhaupt, Zeit, herrlich. Ich bunkerte Ideen, vorzugsweise solche, für die in der Lernphase eben keine Zeit blieb.

Nun empfinde ich es nicht so, dass wir in unserem Studium chronisch von der Außenwelt abgeschnitten gewesen wären. Natürlich hatten wir viele Klausuren, durch verschobene Semesterferien schrieben wir einmal in einem Semester alle zwei Wochen vier Klausuren an einem Tag. Nichts toppte jedoch unzählige Testate in der Vorklinik, die dank mündlicher Ableistung nicht zuletzt da ohne Beisitzer so oder so verlaufen konnten.

Und trotzdem: Nach jedem Testat winkte eine Party, wir organisierten Sommerfeten im Ruderclub, feierten Medizinerkarneval, Geburtstage, den 1. Mai, unsere Scheinfreiparty- wir haben uns die Zeit genommen, zu leben in unserem Studium und Bilder gemacht, mit denen wir ganze Fotoalben füllen können. Manchmal aber, da beneidete der ein oder andere von uns die weniger verschulten Studiengänge. Die, welche nicht minder anspruchsvoll waren, aber ihre Klausuren nur am Semesterende schrieben, diejenigen, die auch mal fehlen konnten, wegen weniger Pflichtveranstaltungen oder einfach durch freie Semesterferien ohne ein 12wöchiges Pflegepraktikum oder vier Monate gefüllt mit Famulaturen.

Zelten am Gardasee, Ansichtskarten von ausgedehnten Frankreichurlauben von Freunden, gerade in der Vorklinik, als wir bei 30 Grad damit beschäftigt waren, die Bettpfannen wegzuräumen, weckte das doch beim ein oder anderen die Sehnsucht. Wobei: Dann wäre das mit der Medizin wohl bei uns allen nichts geworden. Denn auch wenn sich über die ein oder andere Vorgabe im Studium streiten lässt: Irgendwie musste er ja rein, der Stoff.

Lernpausen eigneten sich also gar himmlisch dazu, mir vorzustellen, wie ich nach einem Kurztrip nach Amsterdam den immer gewollten, aber aufgrund ausschließlicher Vormittags­termine nie geschafften Italienischsprachkurs, endlich realisiere. Danach, ach was, parallel die Pinsel in der Hand, inlineskatend- denn seien wir mal ehrlich, der Sport kam auch zu kurz.

Jetzt bin ich fertig, habe die letzte Prüfung hinter mir. Wo ich sitze? Nun, es riecht weder nach holländischen Fritten noch nach italienischem Gelato. Würde man meine Koordinaten tracken, fände man mich bei meinen Freizeitaktivitäten mit großer Zuverlässigkeit in einem 50 km- Radius um die heimische Couch. Einen Pinsel hatte ich bisher noch nicht in der Hand. Ich habe mich viel mit Freunden getroffen, was in dieser Häufigkeit überfällig und sehr schön war und meine Zukunft ist nicht mindmap-artig am Whiteboard zu finden. Ich bleibe viel zu lange wach und denke über die letzten Jahre nach: Über die Freundschaften, die entstanden sind, über Dinge, die mich belastet und diejenigen, die mich beflügelt haben. „Zu schnell vorbei“ singt Clueso und ja, wie recht er hat. „Sag mal wie schnell verging schon wieder die Zeit?“

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: Was machst du hier eigentlich? Du musst die Zeit nutzen, bevor es so richtig losgeht, mit Doktorarbeitsstress und Arbeitsbeginn: Städtereisen, Reisen überhaupt, Konzerte, Sport, wo willst du dich eigentlich bewerben, doch schon einmal Stellen checken?, wie genau willst du das mit der Wohnungsauflösung machen, und, und, und...  Ein Blick auf den Kalender: Das Examen ist gerade fünf Wochen her, gestern habe ich noch davon geträumt. Und das, obwohl wir bei der Masse an Prüfungen ja am Ende alle echte Profis waren. Aber das mündliche Staatsexamen, das war schon etwas... nennen wir es...Besonderes. Es hallt noch sehr nach, bei mir. Und das darf es. Genau das ist es doch, wofür in der Lernzeit nicht genug Muße blieb: Zum Gedanken schweifen, sich Zeit lassen, planlos sein. I’m done, so done- und für den Moment habe ich beschlossen: Das ist auch mal ok.

Wie sehen eure Pläne für die Zeit „danach“ aus und wann habt ihr angefangen, euch wieder aus dem Loch herauszubuddeln?

Winkend daraus grüßt

Die PJane  


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