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PJane – 21.12.2015

Frischgebackene Ärzte: Unser Band

Er war ein wenig surreal, dieser Dienstag, der 15. Dezember, abends um 18 Uhr vor dem Universitätsklinikum. Wir hatten es um kurz vor 14 Uhr als Studenten betreten und jetzt, ja, da verließen wir es als frischgebackene Ärzte.

All die Arbeit, das Ackern, die Klausuren, das Durchfallen, das Wiederaufrappeln – es hatte sich alles ausgezahlt.

Auch wenn die Vorklinik schon Jahre her ist, gerade sie verbinde ich inhaltlich (nicht freundschaftlich, das waren dahingehend wunderschöne Jahre) mit purem Durchkämpfen, bis freitags um 20 Uhr Physikpraktikum und Wiederholungstestaten. Stundenplänen, die morgens um 8 begannen und abends zwischen 18 und 20 Uhr endeten. Und danach musste gelernt werden. Erkläre das mal jemandem, der da nicht drin steckt. Dessen erste Klausur natürlich nicht minder wichtig oder fordernd ist, aber eben erst Ende Februar stattfindet. Wenn ich heute dieselben Stundenpläne ansehe, wird mir tatsächlich kurz anders. Gut, dass wir damals gerade 20 waren und naiv genug zu glauben, da wäre alles irgendwie normal. Wir kämpften uns durch und wurden mit dem Physikum belohnt.

In der Klinik wurde so vieles besser. Angefangen mit den Prüfern, die meist faire Kliniker waren und keine in ihren Histologietürmchen wohnenden Gestalten.

Und doch: Wie haben wir geackert, sind zu Seminaren gebraust, haben uns verrückt gemacht vor Prüfungen und waren doch gleichzeitig ziemlich belastbar, wenn man sich ansieht, wieviel wir in engen Zeitabschnitten hinter uns gebracht haben.

Und doch: Wie haben wir gelacht. Wie haben wir uns gefreut, wenn wieder ein Abschnitt geschafft war. Wie haben wir uns gefreut, wenn alle durchgekommen waren. Wie haben wir mitgefiebert, bei jedem einzelnen, den wir kannten und der in den letzten Wochen für zwei Tage durch diese Türen des Uniklinikums musste. Wie haben wir so viele Momente genossen, waren jung und waren frei und erleichtert, wenn wir die nächste Etappe geschafft hatten. 1. Klinisches, 2. Klinisches, Scheinfrei, das schriftliche Examen.

Beides bleibt. Es vermischt sich in meinem Gedächtnis zu einem bunten Gefüge, das mich daran erinnert, wieviel wir vor allem mitgefühlt haben: Dass alle durch sind, das keiner zurückgelassen wird, war wichtig. Schließlich wusste jeder, wieviel Herzblut dahinter steckt. Das alles macht keiner lange, der es nicht wirklich will. Zumindest habe ich von diesen ominösen Personen, die in zahlreichen Diskussionen die Eingangs­modalitäten des Medizinstudiums betreffend erwähnt werden, keine kennengelernt.

Prestige ist ein mickriger Motivationsfaktor, wenn man sich so oft motivieren muss, sich hinterfragen, sich aufraffen, sich selbst refklektieren, sich vergleichen, sich zusammenreißen.

Das, was wirklich bleibt, sind die Bande, die wir – oft fernab von zuhause, da wir hier an keiner Pendler-Uni lebten – geknüpft haben, meist über eine lange Zeit von mindestens sechs Jahren. Die vielen, kleinen Schritte, die wir als Freunde das erste Mal zusammen gingen. Wir lernten uns kennen, da hatten wir noch nie einen Patienten untersucht. Wir können uns daran erinnern, wie wir gemeinsam das erste Mal Blut abnahmen oder versuchten, Reflexe zu klopfen. Und jetzt, sechs Jahre später? Guckt mal, wie weit wir es zusammen geschafft haben. Das ist das Schönste daran!

Wenn man den Zauber erfassen möchte, der in den letzten sechs Jahren steckt, muss man uns einfach einmal ansehen: Wie selbstverständlich wir vom ersten bis zu diesem Moment zusammengehalten, uns Altfragen hin- und hergeschickt, uns in den Arm genommen und motiviert haben.

Dieses Band, das uns verknüpft, seitdem wir am 1. Tag zu einer bunten Gruppe vom Schicksal zusammengewürfelt wurden, ist eng und sanft. Es ist eng, denn so viele nicht mehr wegzudenkende Erinnerungen, gerade auch privater Natur, verbinden uns. Sechs, manchmal sieben Jahre sind eine lange Zeit. Die ersten gemeinsamen Partys, die ersten Tränen wegen vermasselter Prüfungen, die Abende, an denen wir uns stündlich kurz anriefen, um das durchlernen zu schaffen.

Die ersten Eltern wurden krank, manche schwer, Großeltern starben, die ersten Lieben kamen, gingen manchmal auch schmerzlich wieder, die ersten Zukunftspläne wurden geträumt, die ersten Kinder geboren und mittendrin: wir, zusammen. Es ist ein sanftes Band, denn hier und da riss manchmal jemand aus, kehrte vielleicht auch zurück, doch es ist da. Daran wird niemand jemals etwas ändern können.

Mein Herz ist dankbar, wenn ich heute aufwache und merke, dass wir sagen können: Wir haben es zusammen geschafft. Und dabei, liebes Studium, hatten wir die Zeit unseres Lebens!

Partyhütchen schwenkend an alle, die sich mit uns das Examen 2015 teilen

grüßt

die PJane


Leserkommentare

PJane am Mittwoch, 27. Januar 2016, 04:10
Vielen
Dank!
PJane am Mittwoch, 27. Januar 2016, 04:10
Vielen
Dank!
Patroklos am Dienstag, 22. Dezember 2015, 16:47
Herzlichen
Glückwunsch.

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